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Schatten der Pinus

Koexistenz auf dem Campingplatz

In ihrem Debütroman "Schatten der Pinus" lässt die Lyrikerin Martina Caluori unterschiedlichste Menschen auf einem fast verlassenen Campingplatz irgendwo am Meer aufeinandertreffen – darunter die genderqueere Person Bo.


Symbolbild (Bild: icon0 / pexels)

"Bo weiß, dass Erinnerungen nicht lückenloser werden. Sie werden in der Schwemme untergehen. Vielleicht nie mehr sein." Der genderqueere Protagonist denkt über die eigene Vergänglichkeit nach, über den zäsurhaften Eingriff in den Moment, den das Bildermachen bedeutet – und der doch zugleich die einzige fragile Barriere gegen das vollständige Versinken im Vergessen bildet.

Nach Lyrikbänden und Kurzprosa legt die Schweizer Autorin Martina Calouri mit "Schatten der Pinus" (Amazon-Affiliate-Link ) ihren Debütroman vor – einen Roman allerdings, der sich in seiner radikalen Fragmentierung eher wie ein Gedichtband liest. In kurzen Kapiteln von ein bis zwei Seiten entstehen in sich geschlossene Impressionen, Splitter eines Zwischenraums: Es ist der beinahe verlassene Campingplatz irgendwo am Meer, ein Ort des Übergangs, der unablässig zwischen Ankommen und Aufbruch, Vergangenheit und Gegenwart oszilliert.

Die äußere Handlung bleibt bewusst minimalistisch


Der Roman "Schatten der Pinus" ist im März 2026 bei lectorbooks erschienen

Was als Versprechen von Erholung erscheint, entpuppt sich als sedimentierter Raum des Unausgesprochenen. Nach und nach schälen sich die Bruchlinien jener Menschen heraus, die hier Tür an Tür existieren, ohne einander wirklich zu begegnen: die alte Dame als Trägerin eines generationsübergreifenden Vermächtnisses; Phine, gezeichnet vom Tod der Mutter und der ungewissen Situation ihrer Schwester; Jochen, verlassen von Frau und zwei Kindern; und Bo, verstrickt in die Gewalt eines repressiven Glaubens und tradierter Geschlechterrollen. Zwischen ihnen spannt sich ein zentrales Motiv auf: die prekäre Spannung zwischen Erinnerung und Wahrheit – und die Unausweichlichkeit, mit der jedes Leben zur erzählten Geschichte gerinnt.

Die äußere Handlung bleibt dabei bewusst minimalistisch: Die Figuren schwimmen im Meer, trinken Bier, verlieren sich in flüchtigen Momenten von Intimität. Und doch bleiben sie isoliert, unfähig, einander wirklich zu erreichen. Was sie verbindet, ist nicht Nähe, sondern Koexistenz – und der geteilte "Schatten der Pinus": "Zwischen den trockenen Pinus das letzte Scheinen im Pool. Nichts sonst bewegt sich. Kein Rascheln, kein Zucken, kein Kriechen. Nur das leise Knistern der Bäume und der fallenden Nadeln."

Die See-Kiefer als beinahe überdeterminiertes Symbol

In dieser fast erstarrten Ruhe liegt bereits jene bleierne Statik, die die Lektüre durchzieht – eine Stille, die weniger atmosphärische Dichte entfaltet als vielmehr in ihrer Bewegungslosigkeit ermüdet. Die titelgebende See-Kiefer (Pinus pinaster), bis zu 300 Jahre alt, bis zu 40 Meter hoch, mit dunkelgrünen, glänzenden Nadeln, eine wärmeliebende Lichtbaumart, resistent gegen Sommertrockenheit, wird zum naheliegenden, beinahe überdeterminierten Symbol.

Gerade hier erschöpft sich der Text zusehends. Was als poetische Verdichtung beginnt, kippt stellenweise in ein Motiv, das allzu schnell abgenutzt wirkt – ein verbindendes Bild, das die Figuren nicht wirklich trägt. Darüber hinaus verliert sich die Erzählung häufig in der minutiösen Auflistung von Sinneseindrücken: eine Genauigkeit, die zwar Beobachtungsschärfe beweist, den Figuren jedoch kaum Raum zur Entfaltung lässt. Ein emotionaler Zugang bleibt auffallend versperrt.

Kaum erzählerische Entwicklung

Auch mehrsprachige Einschübe wie "flammenschein im bachbett, in zitternden spiegeln, fögl da las vignas veglias cumbatta. dörfer im nacken, felder im krümmen, ün corp spetta per sfudrer" wirken weniger wie eine Erweiterung des poetischen Raums als vielmehr wie eine zusätzliche Barriere. Sie verschließen den Text, statt ihn zu öffnen – und erschweren den Zugang zu einem Buch, das auf seinen 144 zähen Seiten ohnehin auffallend sparsam mit erzählerischer Entwicklung umgeht.

So bleibt am Ende der Eindruck eines Werks, das seine ästhetische Ambition nicht in erzählerische Dringlichkeit zu übersetzen vermag. Ein Buch, das sich – trotz seiner insistierenden Beschäftigung mit Erinnerung – selbst kaum im Gedächtnis festzusetzen vermag.

Infos zum Buch

Martina Caluori: Schatten der Pinus. Roman. 144 Seiten, lectorbooks. Zürich 2026. Gebundene Ausgabe: 22 € (ISBN 978-3-907709-27-6)

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