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Interview
Isabell Šuba, wie erzählt man Queerness im "Tatort", ohne sie zu erklären?
Im neuen "Tatort: Showtime" bricht Regisseurin Isabell Šuba mit patriarchalen Mustern und vertrauten Sehgewohnheiten. Im Gespräch erzählt sie, wie ihr Team queere Perspektiven sichtbar macht und warum subtile Gewalt oft die lauteste ist.

Willkommen in einer anderen Welt: Freddy Schenk (Dietmar Bär, l.) und Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) suchen auf dem Studiogelände nach dem Set der Kindershow "Sachen und Lachen" (Bild: WDR / Bavaria Fiction / Martin Valentin Menke)
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11. April 2026, 15:05h 5 Min.
Isabell Šuba ist bekannt dafür, gesellschaftliche Machtstrukturen mit scharfem Blick offenzulegen und komplexe Figuren jenseits stereotyper Erwartungen zu erzählen. Mit ihren Arbeiten bewegt sie sich souverän zwischen Satire, Genre und emotionalem Realismus und hat sich damit in Film und Fernsehen fest etabliert. Internationale Aufmerksamkeit erhielt sie unter anderem durch die Netflix-Serie "King of Stonks", während frühere Projekte wie "Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste" ihre Haltung gegenüber Sexismus und Branchendynamiken prägten. Auch im neuen "Tatort" zeigt Šuba erneut, wie sich Unterhaltung und klare Haltung miteinander verbinden lassen.
Im "Tatort: Showtime", der am Sonntag, den 12. April 2026 um 20:15 Uhr im Ersten ausgestrahlt wird, geraten Ballauf und Schenk in die Welt einer traditionsreichen Kindersendung, deren Aushängeschild der langjährige Moderator Frank Anders ist. Gemeinsam mit seiner Frau Caro prägt er seit Jahren die Show "Sachen und Lachen", deren Team kaum gewechselt hat und die für viele Zuschauer*innen Kultstatus besitzt. Die heile Fassade bricht jedoch auf, als der Kameramann Stefan "Happy" Glück tot im Kofferraum seines ausgebrannten Autos entdeckt wird.
Hinter den Kulissen zeigt sich schnell ein deutlich rauerer Umgangston, insbesondere durch den dominanten Frank Anders, der immer wieder mit dem Puppenspieler Yassin Meret aneinandergerät. Während die Kommissare die Spannungen im Produktionsteam offenlegen, rückt zunehmend die Frage in den Mittelpunkt, ob der Täter aus dem engen Kreis der Mitarbeitenden stammen könnte (ausführliche Filmkritik).

Regisseurin Isabell Šuba (Bild: Charlotte Jansen)
Der Tatort "Showtime" spielt im Umfeld einer Kindershow, wirkt aber wie ein Brennglas für Machtmissbrauch. Was hat dich an diesem Setting gereizt, gerade im Hinblick auf patriarchale Strukturen?
Mich interessierte genau dieser Kontrast. Eine Kindershow verspricht Unschuld, genau dieses Auseinanderklaffen macht patriarchale Strukturen sichtbar. Nicht nur Frank missbraucht seine Macht, auch seine Frau Caro ist Meisterin darin.
Frank Anders verkörpert eine Form toxischer Männlichkeit, die viele queere Menschen aus ihrem eigenen Arbeitsumfeld kennen. Wie bist Du an diese Figur herangegangen, ohne sie zu verharmlosen?
Ich wollte ihn nicht als Monster erzählen, sondern als System in Menschengestalt. Dadurch wird es unangenehmer, weil man ihn erkennt. Wichtig war mir, seine Wirkung so zu zeigen, dass sie spürbar wird. Aber ebenso bei seiner Frau Caro, die auch zu ihren Gunsten Entscheidungen triff und Menschen manipuliert.
Der Film zeigt ein Team, das unter einem dominanten Mann leidet. Wie wichtig war Dir, diese Dynamiken nicht nur als Krimiplot, sondern als gesellschaftlichen Kommentar zu erzählen?
Sehr wichtig, und das ist das tolle am "Tatort", der Krimi ist hier wie ein Gefäß für alle möglichen Dynamiken, die viele aus ihrem Arbeitsalltag kennen. Die Geschichte könnte in jedem Unternehmen spielen und spiegelt wider, dass Systeme, die hermetisch abgeriegelt sind, einfach missbraucht werden können.
Der Cast ist sichtbar divers besetzt – migrantisch, queer, unterschiedlich in Alter und Background. Was war dir beim Casting besonders wichtig?
Ja, das war uns als Team wichtig, alleine weil es inzwischen möglich ist! Es gibt so viele tolle Talente, und die können in solchen Geschichten noch mal ganz anders aufblühen. Diversität sollte nicht eine Behauptung sein, sondern Realität, dadurch werden sonst normative Figuren auch anders interpretiert.
Viele queere Zuschauer*innen kennen das Gefühl, in toxischen Arbeitsstrukturen unsichtbar gemacht zu werden. Wie hast du versucht, marginalisierte Perspektiven im "Tatort" sichtbar zu halten?
Indem ich ihnen Raum gebe und nicht nur Reaktion, wir haben für alle Figuren jeden möglichen Freiraum herausgearbeitet. Sie beobachten nicht nur, sie handeln, sie widersprechen, sie tragen die Geschichte mit.
Queere Figuren tauchen im "Tatort" oft nur als Randnotiz auf. Hast du bewusst darauf geachtet, stereotype oder tokenistische Darstellungen zu vermeiden?
Indem ich sie nicht erkläre. Sie sind einfach da, komplex, widersprüchlich, manchmal auch unangenehm oder seltsam. Genau wie alle anderen Figuren.
Du hast dich schon früh mit Sexismus und Machtmissbrauch in der Branche auseinandergesetzt – spätestens seit "Männer zeigen Filme & Frauen ihre Brüste". Wie viel davon steckt in diesem "Tatort"?
Ziemlich viel. Die "Männerbrüste" waren ja genau der Versuch, solche Strukturen sichtbar zu machen. Das Drehbuch war eine tolle Vorlage, um sich erneut mit dem Thema nur zehn Jahre später auseinanderzusetzen. Damals hatte ich noch keine Ahnung, jetzt da ich selbst solche Strukturen kennengelernt habe, konnte ich die Figuren mehrschichtiger nutzen, um von diesen Zusammenhängen zu berichten.
Viele queere Filmschaffende berichten, dass sie am Set anders arbeiten müssen, um patriarchale Muster zu durchbrechen. Wie gestaltest du deine Sets, damit sie sicherer und inklusiver sind?
Ich versuche, Hierarchien transparent zu machen und Räume zu schaffen, in denen Leute sich trauen, etwas zu sagen, und versuche, Konflikte zu lösen. Wenn ich sehe, dass jemand ungerecht behandelt wird, sage ich in jedem Fall etwas und nutze meine Position, um dafür zu sorgen, dass alle gleichermaßen vorkommen und in Ruhe ihre Arbeit machen können, denn dafür sind alle engagiert.
Der "Tatort" zeigt, wie subtil Gewalt sein kann – psychologisch, strukturell, alltäglich. Wie gehst du damit um, solche Formen von Gewalt filmisch zu erzählen, ohne sie zu reproduzieren?
Ich versuche, sie nicht auszustellen, sondern spürbar zu machen. Neue Bilder zu finden, als die zu nehmen, die wir schon so oft gesehen haben und dadurch fast eine Legitimation erhalten. Ich überlege, aus wessen Perspektive ich sie erzähle, so kann man Macht auch verteilen.
Wenn du auf die deutsche Film- und Fernsehlandschaft schaust: Wo stehen wir 2026 in Sachen Diversität, Queerness und Machtkritik – und was nervt dich daran immer noch am meisten?
Es hat sich viel bewegt, aber oft bleibt es bei Symbolen. Diversität wird gern gezeigt, aber Macht wird selten abgegeben. Vor ein paar Tagen habe ich in einem Interview auf die Welt bezogen gehört, dass wir uns schon wieder daran gewöhnen, dass Gewalt normal ist. Das hat mich sehr traurig gestimmt.
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