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Vom Saulus zum Paulus?
Wie aus einem verfolgten Homosexuellen ein ehrbarer Priester wurde
Heute vor genau 500 Jahren – am 12. April 1526 – wurde Marc Antoine Muret geboren. Der angedrohten Todesstrafe konnte der schwule französische Humanist nur durch eine Flucht nach Italien entkommen.

Der französische Humanist Marc Antoine Muret (1526-1585)
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12. April 2026, 00:48h 12 Min.
Der französische Humanist Marc Antoine Muret (1526-1585) ist eher unter seinem latinisierten Namen Marcus Antonius Muretus bekannt. Seit Jahrhunderten ist ebenfalls bekannt, dass er wegen sexueller Beziehungen zu anderen Männern verfolgt wurde und mehrfach fliehen musste. In der deutschen und der französischen Wikipedia wird (neben "Häresie") als Anklagepunkt leider nur der Vorwurf der "Sodomie" ohne weitere Erläuterung genannt. Dieser Begriff konnte früher unterschiedliche Sexualdelikte wie u. a. Sex mit Tieren, aber auch Homosexualität umfassen. Ein deutlicherer Hinweis wäre hier angebracht – auch weil seine Lebensgeschichte sehr spannend ist und unbedingt erzählt gehört.
Sein Leben in Frankreich
Muretus wurde in der französischen Stadt Muret geboren, von der auch sein Nachname abgeleitet ist. Auf den 18-jährigen Muretus wurde der Humanist Julius Scaliger aufmerksam, der ihn förderte und ihn zu Vorlesungen einlud. In Paris hielt Muretus bereits ab Anfang der 1550er Jahre sehr erfolgreiche Vorlesungen, wurde jedoch 1553 u. a. wegen homosexueller Handlungen angeklagt, verhaftet und ins Pariser Gefängnis Châtelet gebracht. (Bis heute erinnert in Paris der "Place du Châtelet" an das frühere Gefängnis.) Zu dieser Zeit konnten sich Muretus' Freunde noch erfolgreich für seine Freilassung einsetzen.
Er flüchtete zunächst nach Toulouse, wo wegen eines ähnlichen Delikts ebenfalls Anklage erhoben wurde. Dort soll es zu sexuellen Handlungen zwischen Muret und seinem Schüler François Menge Frémiot gekommen sein, der aus Dijon stammte. (Auch sein Name wird häufig latinisiert als "Fremiotus" wiedergegeben.) Ein Ratsherr in Toulouse, der mit Muret befreundet war, warnte ihn noch rechtzeitig und so konnte sich Muretus durch Flucht der Strafe entziehen. Gemeinsam mit Frémiot wurde er in Abwesenheit 1554 auf dem Toulouser Place St. George "in effigie" verbrannt. (Eine solche "Hinrichtung", bei der der Täter flüchtig war, wurde symbolisch an einer Puppe oder einem Bildnis vollzogen. In einigen Quellen zu Muretus ist von einem Bildnis, in anderen von einer Strohpuppe die Rede.)

Eine Hinrichtung "in effigie", hier durch Aufhängen des Bildnisses am Galgen. Gemälde von Jean-Pierre Norblin de La Gourdaine
Sein späteres Leben in Rom
Muret floh daraufhin nach Italien. Zunächst hielt er sich in Venedig auf, wo es zu ähnlichen Vorfällen mit Söhnen des Hochadels gekommen sein soll. Dann floh er weiter nach Padua, wo er einige Jahre lang unterrichtete, bis er auch von dort erneut die Flucht antreten musste.
In Rom wurde er ab 1559 zunächst vom Kardinal Ippolito II. d'Este (1509-1572) unterstützt und konnte hier verschiedene Wissenschaften lehren. 1560 nahm ihn der Jurist, Diplomat und Bischof Ugo Buoncompagni (1502-1585) in seine Dienste, der später Kardinal und 1572 als Gregor XIII. Papst wurde. Ab 1563 hielt Muretus erfolgreiche Vorlesungen über die Sittenlehre des Aristoteles und über das bürgerliche Recht, die ihm europaweit Reputation verschafften. In Rom wurde er 1576 zum Priester geweiht, trat einem Orden bei und hielt auch Messen. In vielen Veröffentlichungen wurden Muretus' Intellekt und seine rhetorischen Fähigkeiten hervorgehoben. Muretus wirkte mehr als 20 Jahre lang in Rom, erhielt das römische Bürgerrecht und starb hier am 4. Juni 1585 im Alter von 59 Jahren.

Unterstützung erhielt Muretus in der zweiten Lebenshälfte durch Kardinal Ippolito II. d'Este und Papst Gregor XIII.
Gilles Ménages "Anti-Baillet"
Über Muretus' Leben und Werk erschienen einige Bücher. In der Muretus-Forschung spielt das Werk "Anti-Baillet. Ou critique du livre de Mr. Baillet" (1688) des französischen Gelehrten Gilles Ménage eine wichtige Rolle. Es behandelt die französische Gelehrtenkultur des späten 17. Jahrhunderts und der Autor bietet hier wertvolle Infos zu Leben und Werk verschiedener Personen. Weil der Autor Muretus' Leben und Werk verteidigt, ist sein Buch eine wichtige Quelle zu dessen Rezeption. Dieses Buch ist – wie es der Titel schon ausdrückt – eine Antwort auf Adrien Baillets Buch "Jugemens des savans" (1685-1686), in dem Muretus scharf angegriffen worden war.
Der "Anti-Baillet" (1688, S. 83, Kapitel, S. 308-335) ist auch online verfügbar, wenn auch leider nur in französischer Sprache. Bei Ménage fällt auf, dass er z. B. angibt, "dass Muret diesen Jungen (gemeint ist Frémiot) aufrichtig liebte" (S. 313). Ménage schildert, wie sich Muretus der Todesstrafe entziehen konnte: "Ein Ratsherr des Parlaments von Toulouse, ein Freund und Bewunderer Murets, hatte ihn in seinem Haus aufgesucht, um ihn zu warnen" (S. 314). Seit Muretus Priester geworden sei, "hat er so weise, so fromm, so heilig gehandelt, dass es göttlich erschien" (S. 320). Ménage geht auch auf Muretus' Lieblingsschüler Bencius ein, mit dem dieser eng befreundet war (S. 325).
Rund 100 Jahre nach Muretus' Tod wollte Baillet Muretus und sein Werk offenbar diskreditieren und Ménage versuchte, Muretus gegen die "Sodomie"-Vorwürfe von Baillet zu verteidigen, indem er die "aufrichtige Liebe" Murets zu Frémiot hervorhebt und Muretus' spätere "Besserung" betont. Diese Verteidigung, die den sexuellen Aspekt relativiert und herunterspielt, ist nicht mit einem Verständnis für Homosexualität zu verwechseln,
Weitere Literatur aus dem 17. bis 19. Jahrhundert
In meiner Online-Bibliographie zur Homosexualität habe ich mehr als 20 online verfügbare Bücher aus dem 17. bis 19. Jahrhundert aufgelistet, die auf Muretus' Verfolgung hinwiesen. Sie sind ein Indiz für die breite Rezeption seiner Lebensgeschichte auch im deutschen Sprachraum. Im Folgenden habe ich die Werke fokussiert, die Muretus ausführlich behandeln.
So geht Peter Dahlmann in "Schauplatz der masquirten und demasquirten Gelehrten" (1710, S. 10-12) darauf ein, dass Muretus "Sodomiterey" mit dem "jungen frischen Knaben L. Memmius Fremiotus (…) getrieben haben" soll. Er schreibt von einer "garstigen affaire" und seiner "Liebe" für einen "Knaben auf Italiänische Manier", womit auf das zeitgenössischen Stereotyp zurückgegriffen wird, dass Italiener besonders stark zu mann-männlicher "Sodomie" neigen würden. Ebenfalls recht ausführlich wird auf den Sachverhalt in J. de Blainvilles "Travels through Holland, Germany, Switzerland, but especially Italy" (hier deutsche Übersetzung, erschienen 1766, 3. Bd., S. 36-39) eingegangen – u. a. mit dem Hinweis, dass Muretus in Venedig "die jungen Edelleute (…) zu missbrauchen erachtete". Auch Johann Adam Hiller behandelt in "Anecdoten zur Lebensgeschichte berühmter (…) Gelehrten" (1762, 1. Bd., S. 28-30) Muretus, der eines "abscheulichen Lasters" angeklagt gewesen sei, auf mehreren Seiten.
Ich bin überrascht, dass Hinweise auf die Vorwürfe gegen Muretus auch in vielen Lexika des 18. und 19. Jahrhunderts zu finden sind, was auf eine damalige größere Bekanntheit schließen lässt. Während das "Neu-vermehrte historisch- und geographische allgemeine Lexicon" (1726, 3. Bd., S. 596, s. a. 1729, 1744 und 1747) nur knapp die "sodomiterey" erwähnt, betont das "Allgemeine Gelehrten-Lexicon" (1751, 3. Bd., Spalte 762-764), dass sich Muretus gemeinsam mit Frémiot des "Lasters" der "Sodomiterey" verdächtig gemacht habe. Die "Allgemeine Realencyclopädie" (1848, 7. Bd., S. 413-414) wird mit dem Ausdruck "Päderastie" sogar noch etwas deutlicher. Ähnliches gilt auch für das "Handbuch der allgemeinen Litteraturgeschichte nach Heumanns Grundriß" (1790, 2. Bd., S. 170-171) mit einem Hinweis auf "Knabenschänderei" – ein Begriff, der zu dieser Zeit nicht als Alterspräferenz zu verstehen ist, sondern als allgemeinere Bezeichnung für Sex zwischen männlichen Personen.
Der breit rezipierte Spottvers von Joseph Scaliger
Joseph Scaliger (1540-1609) war einer der bedeutendsten Gelehrten seiner Zeit und machte sich besonders als Philologe und Historiker einen Namen. Mit Muretus war er einige Zeit lang befreundet. Nach einem Skandal änderte sich dies jedoch und Scaliger schrieb einen Spottvers über Muretus, der weite Verbreitung fand: "Qui rigidae flammas vitaverat ante Tolosae / Muretus, fumos vendidit ille mihi" (= "Der den strengen Flammen von Toulouse zuvor entronnen war, / dieser Muretus, der hat mir Rauch verkauft").
Im ersten Teil geht Scaliger auf die Muretus angedrohte Strafe des Verbrennens ein. Im zweiten Teil ist "Rauch verkauft" eine Metapher dafür, dass Muretus ihm etwas Wertloses angedreht bzw. Lügen aufgetischt habe. Dabei ging es darum, dass Scaliger Muretus vorwarf, Verse von sich selbst als die Verse eines Autors der Antike ausgegeben zu haben. Damit spielte Scaliger nicht nur auf Muretus' skandalöse Vergangenheit und seine Flucht vor der Justiz an, sondern diskreditierte damit auch seine wissenschaftliche Arbeit.
Auf diesen Spottvers gingen viele Zeitgenossen ein. Ein Beispiel von vielen: Der österreichische Schriftsteller Aloys Blumauer (1755-1798) schrieb über Scaligers Gedicht sogar einen eigenen Vers: "Und Skaliger, gelehrt durch ihn, / Biß den Muretus – doch wohin?" In einer Ausgabe von Blumauers Schriften, die 1871 erschien, wird in einer Fußnote erläutert, worauf sich diese Anspielung bezog: "Skaliger spottete bekanntermaßen in einem Sinngedichte über den Muretus, als dieser der Päderastie (= Homosexualität) halber in Gefahr kam, verbrannt zu werden" (Blumauer: "Gesammelte Schriften", 1871, S. 182).
Der Homosexuellenaktivist Karl Heinrich Ulrichs
Dem Homosexuellenaktivisten Karl Heinrich Ulrichs (1825-1895, s. a. meine Artikelserie zu seinem 200. Geburtstag) war die Homosexualität Muretus' bekannt, wobei ihn die gegen Muretus ausgesprochene Todesstrafe erkennbar bewegte: "(…) man übergab uns (die Homosexuellen) zur Ehre Gottes lebendig dem Flammentode: und das alles war nicht im Stande, urnische Liebe in uns auszurotten." Ulrichs beabsichtigte, eine Liste mit 80 prominenten Homosexuellen zusammenzustellen, einer davon sollte Muretus sein (II. Schrift, 1864, S. 37; VII. Schrift, 1868, Teil II, S. 115, 130; X. Schrift, 1870, S. 78). Sein Plan kam jedoch nicht zur Ausführung.
Die frühe Homosexuellenbewegung
Jahrzehnte später wurde im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" (1906, 8 Jg., S. 456, 460) als Quelle für die Aussage, dass Muretus homosexuell gewesen sei, auf eine Schrift von 1731 verwiesen, die heute auch online verfügbar ist. Der niederländische Geistliche Hendrick Carolus van Byler schrieb in seinem Buch "Helsche boosheit of grouwelyke zonde van sodomie" (= "Höllische Bosheit oder grässliche Sünde der Sodomie", 1731, S. 101) eine Passage, die sich folgendermaßen übersetzen lässt: "M.(agister) Anton.(ius) Muretus (…) wird ebenfalls dieses schändlichen Verbrechens beschuldigt, weshalb er erst Frankreich und danach Venedig verlassen musste."
Auch Albert Moll geht in seinem Buch "Berühmte Homosexuelle" (1910, S. 61) kurz auf Muretus ein, verweist auf die Vorwürfe von 1553 in Paris und Toulouse, wobei er keine Quellen nennt. Magnus Hirschfeld weist in "Die Homosexualität des Mannes und des Weibes" (1914, S. 9, 668) mit unklaren Quellenangaben ebenfalls auf Muretus hin.
Heutige Rezeption: Kirk M. Summers
Als Beispiele für eine heutige auch schwule Rezeption möchte ich auf drei Historiker verweisen, die sich u. a. mit Muretus' "Juvenilia" beschäftigt haben. Als Juvenilia werden Frühwerke von Schriftsteller*innen und Künstler*innen bezeichnet. Im Frühwerk von Muretus – es handelt sich um lateinische Gedichte – möchte ich drei Epigramme und eine Ode erwähnen.
Der klassische Philologe Kirk M. Summers geht in seiner englischsprachigen Edition und Übersetzung "The Iuvenilia of Marc-Antoine Muret" (2006) an mehreren Stellen auf gleichgeschlechtlichen Sex ein. Eine Zeile im Epigramm Nr. 25 ("Multa pascere glande perseverat" = "Er ernährt sich weiterhin von vielen Eicheln", S. 84) deutet Summers im Sinne eines passiven Sexualverhaltens (S. 148). Summers geht davon aus, dass es sich bei "Memmius", der in diesem Gedicht vorkommt, wahrscheinlich um Memmius Frémiot aus Dijon handelt, dessen Bildnis zusammen mit dem Murets verbrannt wurde. Auch im Epigramm Nr. 26 geht es um Frémiot (S. 86). Muretus stellt hier einen Zusammenhang zwischen ihm und einer sich preisgebenden Prostituierten her, wobei auch für Summers ein Wortspiel mit den Begriffen "amici" (Freunde) und "inimica" (feindselig, S. 148) unklar bleibt. Die letzte Zeile im Epigramm Nr. 47 ("Nunquam non tamen est sordida lingua tibi?" = "Ist deine Zunge nie schmutzig?", S. 99) interpretiert Summers im Sinne von Oralverkehr (S. 155).
Am deutlichsten wird Summers in seinem Kommentar zu Muretus' Ode an Daniel Schleicher (S. 190-192): "Der liebevolle Ton, den Muret diesem Studenten oder Begleiter entgegenbringt", stehe im Kontext von "leichten Sitten", die "so oft den Verdacht auf Sodomie hervorriefen". Summers verweist zudem auf das Gedicht "Triple amour" (1584), in dem zwischen Muretus und Platon, der die männliche Schönheit bewunderte, ein Zusammenhang hergestellt wird. Summers verweist auch auf den Muretus-Artikel von Giovanni Dall'Orto in dem Nachschlagewerk "Who's Who in Gay and Lesbian History" (dazu siehe unten), in dem Schleicher als Muretus' Liebhaber bezeichnet wird, was für Summers jedoch aus der Ode selbst nicht ableitbar ist. Nach Summers tauchten die ersten Hinweise auf Muretus' Verurteilung auf, als dieser 1576 Priester wurde. "Es scheint klar, dass Murets Beziehung und Interaktion mit seinen Schülern, die Kameradschaft selbst, bei den Eltern und engen Beobachtern Misstrauen und Besorgnis hervorrief. Bezeichnenderweise haben wir jedoch keine Aufzeichnungen darüber, dass sich die Schüler selbst über ihren Lehrer beschwert hätten." Mit Bezug auf eine Ode an einen anderen Mann geht Summers davon aus, dass sich die "Verleumdung", von der Muret hier schreibt, auf den Vorwurf der "unnatürlichen Neigungen" beziehe (S. 204-205).
Heutige Rezeption: Dietmar Schmitz und Giovanni Dall'Orto
Dietmar Schmitz, Studienrat für Latein, Französisch und Spanisch, geht in seiner Muretus-Edition "Caesar. Juvenilia" (1995) auf alle oben genannten Textstellen ein und kommentiert auch einige von ihnen, wenn auch nicht so ausführlich wie Summers und mit abweichender Nummerierung. Jedoch kann man hier die drei Epigramme über die Eicheln (Text: S. 120-121, Kommentar S. 236), die sich hingebende Prostituierte (S. 120-121, 236) und die schmutzige Zunge (S. 136-137, 239) sowie die Ode an Daniel Schleicher (S. 98-99, 185) im Original und in deutscher Übersetzung nachlesen. Mit dem Werk von Schmitz liegt erstmals eine wissenschaftlich eingeleitete und kommentierte lateinisch-deutsche Edition der "Juvenilia" von Muretus vor.
Erwähnenswert ist auch der italienische Journalist, Historiker und LGBT-Aktivist Giovanni Dall'Orto mit seinem schon genannten Beitrag "Muret, Marc Antoine" in "Who's Who in Gay and Lesbian History" (1. Auflage 2001, S. 320-321; 2. Auflage 2010, S. 379-380, hier zum Teil online). Er fasst den Wissensstand zusammen und verweist auf die entsprechende Grundlagenliteratur. Neben Memmius Frémiot rechnet er auch Daniel Schleicher zu Muretus' Liebhabern.
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Resümee
Vor 100 Jahren hätte die Flucht eines Schwulen nach Italien die Vermutung nahegelegt, dass dies in Verbindung mit der Straffreiheit für homosexuelle Handlungen in Italien stehe. Die Entkriminalisierung in Italien erfolgte jedoch erst 1887. Sie folgte dem Einfluss des französischen Code pénal, der durch Napoleon eingeführt worden war. Muretus lebte jedoch 300 Jahre vorher und konnte wohl in keinem Land Europas vor einer Strafverfolgung sicher sein.
In den Diskussionen über Homosexualität seit dem 17. Jahrhundert spielte Muretus nur eine marginale Rolle. Trotzdem werden die Texte von Ménage, Scaliger und die Lexikon-Beiträge zu einem kleinen Teil wohl auch zur Enttabuisierung gleichgeschlechtlichen Sexualverhaltens beigetragen haben.
Karl Heinrich Ulrichs und die spätere Homosexuellenbewegung wollten Muretus mit den Hinweisen auf seine Homosexualität in eine "schwule Ahnengalerie" einreihen, um auf diese Weise den homosexuellen Zeitgenossen positive Identifikationsmöglichkeiten zu bieten. Als bedeutender Gelehrter und brillanter Redner war er dafür bestens geeignet.
Wenn man das Jahrhundert berücksichtigt, in dem Muretus gelebt hat, gibt es zwar recht viele Quellen, die Auskunft über sein Leben geben, aber auch weiterhin viele offene Fragen. Dazu gehört seine unklare Beziehung zu seinem Schüler Frémiot. Weil Muretus damals noch ein sehr junger Lehrer war und weder ihr genaues Verhältnis noch das Alter Frémiots bekannt sind, scheint eine pauschale Verurteilung aus heutiger Sicht wegen der Annahme eines Abhängigkeitsverhältnisses unangebracht. Weil sie jedoch gemeinsam geflohen sind, wird es hier neben einem sexuellen auch einen engen sozialen Kontakt gegeben haben, über den ich gerne mehr erfahren hätte.
Weil sich Muretus in Rom zum Priester weihen ließ und es später keine "Beschwerden" mehr über ihn gab, wirkt seine Entwicklung wie eine Wandlung vom Saulus zum Paulus. Ich bin mir nicht sicher, ob ich Muretus diese Wandlung wirklich abnehmen soll. Aber was wäre, wenn er mit seiner Priesterweihe und durch frommen Lebenswandel alle Menschen hinters Licht geführt hat, die ihm etwas Böses wollten? Das wäre für mich vollkommen legitim. In einer Welt, in der Homosexuelle auf Scheiterhaufen verbrannt werden, darf man lügen, was das Zeug hält, wenn man auf diese Weise sein eigenes Leben retten kann.
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