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Berlin
Wiederentdeckung einer faszinierenden queeren Künstler*in
Marlow Moss (1889-1958) ist eine zentrale, lange jedoch übersehene Figur der europäischen abstrakten Kunst. Unter dem Titel "Räume schaffen" präsentiert das Georg Kolbe Museum in Berlin die erste große Schau der britischen Konstruktivist*in.

Marlow Moss im Jahr 1938 (Bild: Stephen Storm, Museum of Literature The Hague)
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12. April 2026, 01:27h 4 Min.
Queere Kunst hat gerade Hochkonjunktur in Berlin. Kaum ist die eine Ausstellung eröffnet, folgte auf Peter Hujars im Martin Gropius Bau präsentierten Fotoarbeiten schon das nächste Thema, nämlich die queere Kunst in der DDR, die gleich an vier Orten im Berliner Bezirk Mitte besichtigt werden darf. Und jetzt ist es das Georg Kolbe Museum im Berliner Westend, das sich dem Werk der britischen Künstler*in Marlow Moss widmet. Begleitet wird die Schau von Arbeiten zeitgenössischer Künstler*innen.
Wir betreten den großen Saal des Museums, der einmal das Atelier des Bildhauers Georg Kolbe war, und schauen auf erlesene, goldglänzende Skulpturen – hier eine messingpolierte Stele, die kleine Oktaeder aufeinanderschichtet und wie ein schlankes, gefaltetes Kristall in den Himmel zu wachsen scheint. Dort sind es zwei glänzende Kugeln und ein Kegel, die auf einem naturbelassenen Granit zu balancieren scheinen.

Marlow Moss, Balanced Forms in Gunmetal on Cornish Granite, 1956-1957, Metal and granite, 22 x 33 x 28,5 cm, Gift of Miss Erica Brausen 1969, Tate, London (Bild: Tate)
Gleich als erstes Objekt schauen wir auf ein in sich verschlungenes weißes Band aus Stein. Und dann gibt es da diese mit Rostpatina überzogene Stahlkonstruktion, die wie ein bizarr skelettierter Vogel respekteinflößend vor uns steht.
Die Skulptur ist der eine Teil in Moss' künstlerischem Schaffen, der andere ist die Malerei und in manchen Kunstwerken trifft sich beides: raumgreifende Skulptur und konstruktives Prinzip, kombiniert mit Farbflächen. So etwa in dem von Moss mit "Relief" betitelten Werk von 1957. Mir fallen da immer Begriffe wie edel, erhaben und unnahbar ein. Die Distanz ist dieser abstrakten Kunst, die so ungemein konkret daherkommt (sie behauptet nichts, was sie nicht selbst ist), sozusagen genetisch mit auf den Weg gegeben.
Die Erfindung der Doppellinie
Was die Gemälde betrifft, mögen wahrscheinlich nicht wenige zuerst an den niederländischen Künstler Piet Mondrian denken, an all die sparsam mit Linien und Farbflächen durchzogenen Gemälde, die wie kleine Ausschnitte irgendeiner riesenhaften Struktur wirken. Als hätte da jemand eine Welt aus lauter Geometrie in Quadrate und Rechtecke zurechtgeschnitten, um uns eine Art Baukasten oder Puzzle zu präsentieren.
Tatsächlich kannten sich beide, Mondrian und Moss, sie waren befreundet und tauschten sich über künstlerische Fragen aus. Mondrian verdankt Moss ein wesentliches Element in seiner konstruktivistischen Malerei – die Doppellinie. Sie ist, wenn man so will, eine Erfindung von Marlow Moss. Das wurde gelegentlich in der Kunstgeschichtsschreibung übersehen, aber das "Patent" geht klar auf ihr Konto. Wir sehen, in der Kunst lässt sich auch über Linien streiten und in Konkurrenz geraten.

Ausstellungsansicht (Bild: Jens Ziehe)
Eine Butch wie sie im Buche steht
Nun mögen sich Leser*innen fragen, was bitte ist daran nun queer? Die Frage ist nicht unberechtigt und lässt sich so beantworten: An Linie, Geometrie und Farbe ist nichts queer (bei aller Symbolhaftigkeit von Farbe), aber – und dieses "aber" müssen wir ganz groß schreiben – im künstlerischen Schaffen von Moss gibt es neben ihren Skulpturen und Gemälden noch ein drittes Feld: ihre Person selbst. Sie war, wenn man so will, der dandyhafte Performance-Anteil ihrer Kunst.
Den Vornamen hat die 1889 in Kilburn (London) geborene Moss sich selbst gegeben. Der war für sich schon ein unmissverständliches Statement in puncto Gender-Queerness. Dazu passend der kurze Haarschnitt, der Herrenanzug, die elegante Krawatte, diese betont männliche Attitüde in ihrer Haltung. Sie war eine Lesbe und lebte zeitweise mit der niederländischen Schriftstellerin Antoinette (Netty) Nijhoff zusammen. Moss war eine Butch wie sie im Buche steht und das in einer Zeit, die recht miefig und spießig sein konnte. Ihr Selbstbewusstsein war ohne Frage mächtiger. Sie starb, als Künstler*in mittlerweile anerkannt, 1958 in Penzance/Cornwall.
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Fragmentarische Überlieferung von Moss' Oeuvre
Vieles von ihrem Werk ist zerstört, verlorengegangen und auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Die niederländische Künstlerin Florette Dijkstra wollte sich damit nicht abfinden und ging auf Spurensuche. Alte Fotografien halfen ihr dabei, den Werkkatalog von Marlow Moss um all die Verluste zu erweitern. Sie hat alles feinsäuberlich in zarten Bleistiftzeichnungen festgehalten, die in der Ausstellung zu sehen sind.
Mit einbezogen in die Ausstellung sind außerdem Werke von Leonor Antunes, die in einem Ausstellungsraum Seile zwischen Decke und Boden spannt und so begehbare Strukturen im Raum bildet. Tacita Dean fasziniert die Kunst, kleine Schiffsmodelle in Flaschen zu bringen. Eine große gläserne Regalwand reiht Objekt an Objekt. Und Ro Robertson hat sich die vogelartigen Skulpturen von Moss abgeschaut und verbindet spitze Metalldreiecke, als seien sie ausgebreitete Flügel und im Flug wie erstarrt.
Es gibt also viel zu sehen – im Mittelpunkt aber steht die Wiederentdeckung einer faszinierenden queeren Künstler*in. Die Werkschau ist noch bis zum 26. Juli 2026 zu besichtigen. Schon der Ort des Georg Kolbe Museums selbst ist ein Besuch wert und eine Empfehlung für Menschen, die ihn noch nicht kennen.
Links zum Thema:
» Mehr Infos zur Ausstellung auf der Homepage des Georg Kolbe Museums
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
















