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Buchtipp

Warum es sich lohnt, der eigenen Einsamkeit ins Gesicht zu schauen

Weshalb ist das statistische Risiko, sich einsam zu fühlen, für queere Menschen höher? Dies führt Lennart Herberhold, Autor den neuen Buches "Queere Einsamkeit – Queere Gemeinschaft", zur wichtigen Frage: Wie wollen wir leben?


Symbolbild (Bild: noahsilliman / unsplash)
  • Von Jochen Kleres
    12. April 2026, 04:28h 6 Min.

Als ungeouteter Jugendlicher sagte meine Tante zu mir, dass Schwule ja ok seien, nur dass sie eben einsam sind, tragische Figuren, das Stereotyp vom einsamen Schwulen. Auch wenn ich selbst Einsamkeit kenne, hat mir mein Leben seitdem andere queere Realitäten gezeigt. In den 1980er Jahren – zur gleichen Zeit, als meine Tante sprach – meisterten queere Menschen, die sich damals noch nicht so nannten und erst langsam begannen, sich so zu begreifen, gemeinschaftlich zahlloses Sterben und Krankheit sowie existenzielle politische Bedrohung.

Heute mit 51 beschäftigt mich das Thema Einsamkeit dennoch erneut. Das hat u.a. damit zu tun, dass es in aller (nicht nur queerem) Munde ist und politische Konjunktur hat. In der Folge habe ich in meiner Praxis als Therapeut mit queerer Einsamkeit einen der Schwerpunkte meiner Arbeit gefunden. Ich konnte dadurch erleben, wie dieses Thema viele queere Menschen, mich selbst eingeschlossen, berührt, nicht im Sinne meiner Tante als unausweichliche Tragik des Lebens jenseits allein glücklich machender Heteronormativität, sondern als Frage: Wie wollen wir als queere Menschen leben, wie können wir ein gutes Leben in Verbundenheit finden und was hält uns dabei zurück oder steht im Weg?

Ein zutiefst persönliches Buch


Das Buch "Queere Einsamkeit – Queere Gemeinschaft. Wie wollen wir leben?" ist Anfang April 2026 im Berliner Querverlag erschienen

Dies ist genau die Frage, der Lennart Herberhold in seinem soeben erschienenen Buch "Queere Einsamkeit – Queere Gemeinschaft. Wie wollen wir leben?" (Amazon-Affiliate-Link ) nachspürt. Es ist ein im besten Sinne journalistisches Buch, denn der Autor erkundet darin mit höchst unterschiedlichen Interviewpartner*­innen queeres Leben, nicht indem er den Blick des von außen Kommenden auf sie richtet, sondern indem er als schwuler cis Mann von Anfang 50 in persönliche Resonanz zu seinen Gesprächspartner*­innen tritt. Das macht sein Buch zu einem tief persönlichen. Der Autor zeigt sich in seiner eigenen Einsamkeit und Verletzlichkeit.

Dabei ist das nicht nur eine Frage des Stils, sondern bietet Lesenden die Möglichkeit, sich berühren zu lassen – und damit eine Brücke zur Auseinandersetzung mit eigenen Einsamkeitserfahrungen. Denn Einsamkeit ist ein Gefühl, das häufig mit Scham verbunden ist. Deshalb neigen Menschen dazu, dieses Gefühl auch vor sich selbst zu verbergen.

In meiner eigenen Arbeit mit Gruppen und Einzelklient*­innen geht es daher immer auch darum, sich überhaupt erst einmal der eigenen Einsamkeit anzunähern und einen Blick jenseits der Masken und VerhaltenSweisen zu werfen, die wir nutzen, um Einsamkeitsgefühle zu verbergen. Erst dann kann man die Frage stellen, welche Erfahrungen uns zurückhalten, gute Verbindungen einzugehen, sind doch die meisten von uns prinzipiell von anderen Menschen und damit potenziellen sozialen Beziehungen umgeben. Man kann die Antwort auf diese Frage in der eigenen Geschichte ebenso suchen, wie in den Bedingungen, mit denen wir leben.

Alte und neue Verletzungen

Ein wiederkehrendes Thema im Buch ist hier Online-Dating und die Frage, wie es die Art und Weise verändert hat, auf die wir miteinander umgehen und wie dies Einsamkeitserfahrungen fördert. Der Autor liefert eine differenzierte und persönliche Reflexion, die letztlich mit dem Paradox zu tun hat, dass man mehr oder weniger viele soziale Beziehungen haben und sich dennoch einsam fühlen kann. Denn ein zu wenig an Beziehungen ist nur ein Aspekt von Einsamkeit, ein anderer hat damit zu tun, ob ich mich in meinen Beziehungen gesehen fühle. So paradox es klingt, aber ein reges Sozialleben kann tatsächlich eine Art sein, Einsamkeitsgefühle – d.h. den Mangel an Resonanz – vor sich selbst und anderen zu verschleiern.

Einsamkeit hat oft mit Verletzungserfahrungen der Vergangenheit zu tun. Um diese zu überleben, lernen wir, uns zu schützen und fahren Schutzschilde hoch, die zukünftige Verletzungen verhindern sollen. Es kann dann aber sehr schwer sein, in zukünftigen Situationen diese Schilde wieder zu senken. Aus der Angst vor neuen alten Verletzungen lassen wir Menschen nicht mehr nah an uns heran.

Lennart Herberholds Buch spricht immer wieder und sehr differenziert über unterschiedlichste Verletzungserfahrungen und wie sie Einsamkeit bedingen. Etwa von subtilen, aber wirkmächtigen Erfahrungen von Heteronormativität zu Weihnachten im Kreise der eigentlich ja doch offenen Familie, über die Anfeindungen der Mitglieder einer queeren Schüler*­innengruppe bis hin zum Erstarken rechter Kräfte am Beispiel der Organisator*­innen eines CSDs, aber auch Rassismuserfahrungen und verletzende Grabenkämpfe innerhalb queerer Gemeinschaften. Queere Menschen erleben existenzielle Einsamkeit, wenn sie zu Beginn ihres queeren Daseins zumeist ganz alleine die Frage für sich beantworten müssen, wer sie eigentlich sind, und sich dabei in einer mehr oder weniger feindlichen oder zumindest verständnisarmen Welt wiederfinden.

Die Stärke queerer Gemeinschaften

Die Frage, wie wollen wir leben, führt im zweiten Teil des Buches zu einer Erkundung queerer Gemeinschaftsformen – wie unterschiedlichste Wohnprojekte, queere Familienkonstellationen, den gemeinschaftlichen Kampf gegen den Rechtsruck, Freund*innenschaft und das Bedürfnis nach Gemeinschaft am Ende unseres Lebens. Dabei wird nicht nur die Vielfalt und Kreativität queerer Gemeinschaftsbemühungen deutlich.

Klar wird auch, wie zerbrechlich solche Unternehmungen sind, wunderbar aber manchmal auch herausfordernd oder gar enttäuschend, integrierend, aber manchmal eben auch ausschließend. Wie kann die Balance zwischen Trennendem und Gemeinsamen immer wieder neu ausgehandelt werden? Diese Frage lebendig zu halten, anstatt vermeintlich feste Antworten zu finden, kann gerade die Stärke queerer Gemeinschaften ausmachen.

Kein weiteres Selbsthilfebuch

Vermisst habe ich eine differenziertere Perspektive auf das Altern. Denn queere Einsamkeit im Alter hat u.a. neben der Stigmatisierung von Alter gerade auch in queeren Szenen ebenso mit generationalem Wandel zu tun, der es erschwert, in Menschen anderer Generationen Resonanz und Verständnis zu erfahren. Hier zu fordern, dass man halt mit den Zeiten mitgehen müsse oder eben einsam wird, wie es ein im Buch zitierter Interviewpartner tut, ist nicht völlig falsch und geht doch am gelebten Leben vorbei. Es macht eben schon einen Unterschied, ob ich zum Beispiel noch die Paragrafen 175 bzw. 151 der BRD bzw. DDR Strafgesetzbücher am eigenen Leibe miterlebt habe oder etwa die Aids-Krise in den 1980er Jahren. Es kann einsam machen, wenn solche Erfahrungen in queeren Gemeinschaften immer marginaler werden. Bezeichnenderweise fehlt das Thema HIV und Aids – für Positive eine potenzielle Quelle existenzieller Einsamkeitserfahrungen – beinahe vollständig.

Dennoch gibt uns Lennart Herberhold ein beeindruckend vielfältiges, differenziertes und vielschichtiges, vor allem aber auch persönliches und berührendes Bild queerer Einsamkeit und Gemeinschaft. Es ist nicht ein weiteres Selbsthilfebuch zum Thema, wie es sie (ohne queeren Fokus) zahlreich gibt, sondern eine persönliche Erkundung. Mit der Frage, wie wollen wir leben, lädt es uns alle ein, über die Möglichkeit queerer Gemeinschaften in Austausch zu treten und queeres Leben gemeinsam bewusst zu gestalten. Die Erfahrung von Einsamkeit muss dann nicht mehr etwas Stigmatisierendes sein, sondern kann jenseits allem Trennenden eine verbindende Erfahrung im Ringen um queere Gemeinschaften bilden, wie ich auch immer wieder in meinen Gruppenangeboten zu queerer Einsamkeit erleben durfte. Es lohnt sich daher, der eigenen Einsamkeit ins Gesicht zu schauen.

Infos zum Buch

Lennart Herberhold: Queere Einsamkeit – Queere Gemeinschaft. Wie wollen wir leben? 288 Seiten. Querverlag. Berlin 2026. Taschenbuch: 18 € (ISBN 978-3-89656-360-6)

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