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Thüringen

Zwei schwule Opern im Theater Erfurt

Das Theater Erfurt zeigt, wie queere Themen und Geschichte selbstverständlich in einem heteronormativen Spielplan Platz finden. Nur kurz nach der Oper "Brokeback Mountain" feierte nun Jake Heggies "For a Look or a Touch" Premiere.


Szene aus "For a Look or a Touch": Der Holocaust-Überlebende Gad (Daniel Minetti, l.) sehnt sich nach seinem früheren Liebhaber Manfred (Alessio Fortune Ejiugwo), der im KZ ermordet wurde (Bild: Lutz Edelhoff)
  • Von Roland H. Dippel
    13. April 2026, 16:20h 6 Min.

Knapp zwei Wochen nach der Premiere von Charles Wuorinens "Brokeback Mountain" im großen Saal des Theater Erfurt gelangte am 11. April Jake Heggies Zwei-Personen-Musikdrama "For a Look or a Touch" in der Studio.Box zur Premiere: Zwei Opern mit queeren Sujets, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Am Hauptbahnhof Erfurt ist zwar die Regenbogen-Flagge gehisst, aber queere Locations dünnten in den letzten Jahren an der Städtekette zwischen Gera und Eisenach fast bis null aus. Auch deshalb ist diese Spielplan-Entscheidung wichtig.

Vor drei Jahren war die queere Oper "Pleasure" ein interaktives Event

Im Frühjahr 2023 gab es in der Studio.Box die in einem queeren Club spielende Oper "Pleasure" des Komponisten Mark Simpson (queer.de berichtete). Zu diesem Event erhielten Erfurter Studierende freien Eintritt und wurden zu Party People in direkten Touch mit den Darstellern.

Malte Wasem, Künstlerischer Direktor des Theater Erfurt, erklärt auf Anfrage von queer.de, dass man bei dem aktuellen Premieren-Duo von "Brokeback Mountain" und "For a Look or a Touch" im März und April 2026 keinen vorsätzlichen Schwerpunkt geplant habe. Eine weitere "queere Produktion" sei derzeit nicht vorgesehen. Die Kombination sei Zufall, weil Mila van Daag und Markus Weckesser, das Leitungs-Tandem der Studio.Box, vom Angebot des großen Hauses, unabhängige Programminhalte zu realisieren, Gebrauch gemacht habe, zudem sei der Anteil zeitgenössischer Stücke am Theater Erfurt sowieso relativ hoch. Tatsächlich ist die enge Folge von zwei Musiktheaterstücken des 21. Jahrhunderts an Subventionstheatern überregional bemerkenswert.

Eine andere Legitimation wirkt unkompliziert: Entscheidungen für Stücke fielen mit den Ensemble-Kapazitäten. Wasem setzte auf "Brokeback Mountain", weil er für die beiden in ihrer schwulen Liebe durch die Repressalien eines heteronormativen Umfelds verhinderten Schafhirten die ideale Besetzung hat. Er erinnert an die Uraufführung von "Brokeback Mountain" im Teatro Real Madrid 2014, die der damalige Intendant Gérard Mortier bewusst neben Richard Wagners Hetero-Apotheose "Tristan und Isolde" gesetzt hatte: Zwei Opern über Liebe im Ausnahmezustand – und nicht mehr queere Emotionen als exotische Quotenposition mit karitativem Sensationseffekt. Der Konzeptwille des Theaters Erfurt ist ebenfalls erkennbar, aber die lokalen Medien ziehen nicht ganz so stark wie gewünscht.

Queeres Jugendstück

"For a Look or a Touch" wird explizit als Jugendstück ab 14 Jahren und damit auch als Vormittagsvorstellung an Werktagen in die Studio.Box gesetzt. Jake Heggie komponierte ein fünfsätziges Opus in drei Versionen (The Voice – Golden Years – A Hundred Thousand Years – The Story of Joe – Silence): als Oper (2007), für Chöre (2011) und als Songbook bzw. Liedzyklus (2013). Die Erfurter Produktion dauert doppelt so lange wie die Uraufführung in Seattle.

Eine wahre Geschichte: Sieben Jahre nach seinem zum zeitgenössischen Klassiker gewordenem Opernerfolg "Dead Man Wallking" bezog sich der US-amerikanische Komponist mit dem Textdichter Gene Scheer auf Begebenheiten aus dem Dokumentarfilm "Paragraph 175" von Rob Epstein und Jeffrey Friedman sowie das im United States Memorial Museum in Washington D.C. aufbewahrte Tagebuch von Manfred Lewin (1922 bis 1942) für seine Jugendliebe Gad Beck (1923 bis 2012). Mila van Daag setzte ein realistisches Interieur: abgewetzter Sessel, Schirmstehlampe, verblichene Decken und eine schon etwas ältere Küchenkombination. Dahinter kommt es zur Andeutung eines Liebesaktes von zwei Männern – allerdings "nur" in der Erinnerung des gealterten Gad. Er sehnt sich nach der früheren Einigkeit mit dem unter drastischen Bedingungen aus seinem Leben entschwundenen Lover Manfred.


Szene aus "For a Look or a Touch" (Bild: Lutz Edelhoff)

Gegensätze ziehen sich in diesem Rückblick an: Von 1933 bis 1945 genügten im Nationalsozialismus ein verhängnisvoller "Blick und eine Berührung", um verhaftet, in einem Konzentrations- oder Arbeitslager interniert zu werden und von dort nur durch den Tod oder nach Ende des Zweiten Weltkriegs wieder herauszukommen. Immer wieder phantasiert der reife Gad von seinem jüdischen Liebhaber, der ihm in verschiedenen ikonischen Verwandlungen erscheint: Als aufsässige und lebensbejahende Dragqueen, als lasziver Androgyn und generell als Inkarnation männlicher Verführungskraft. Der farbige Bariton Alessio Fortune Ejiugwo wächst zur Grandezza eines Königs der Nacht und er hat keine Scheu vor eindeutigen Zweideutigkeiten. Deutliche queere Haltung also in einem Jugendstück.

Wie "Brokeback Mountain" zeigt dieses allerdings keine mehr oder weniger stark bis mutig erkämpfte Alltagsharmonie so mancher queerer Gegenwartsstücke des 21. Jahrhunderts, sondern ein Melodram von appellierender Eindringlichkeit. Stephanie Kuhlmann geht in ihrer Regie von einem queeren Selbstverständnis der 1980er Jahre aus, als Wunden aus dem "Dritten Reich" nie ganz vernarben konnten und neue aufgerissen werden – durch Stigmatisierungen, aber auch die Schuldzuweisungen an die Gay Community angesichts der HIV-Erschütterungen. Sogar leichtes Schwelgen zeigt Kuhlmann mit Erinnerungen an einen Lifestyle, der etwas Glamour in jedem Single-Appartement möglich machte.

Daniel Minetti gibt die ärmlichere Variante des einsamen Collegeprofessors George Falconer in Christopher Isherwoods "A Single Man". Als pädagogischer Fixstern blüht er im zweiten Teil des Abends voll auf. Nach dem Zweiten Weltkrieg folgen das Abtauchen in Angst, Trauma und Einsamkeit, dann Stonewall und der jähe (Selbst-)Befreiungsinterruptus durch HIV bis zum Fall des Paragrafen 175. Doch da ist Gad ermattet und verwelkt. Aber Manfred bleibt nach seinem Tod immer jung, schön und verführerisch. Sein Erinnerungsbild strahlt in gleicher Attraktivität wie ehedem.

"Brokeback Mountain": Nicht die Liebe ist neben der Spur, sondern die Situation


Die Oper "Brokeback Mountain" feierte am 27. März am Theater Erfurt Premiere (Bild: Lutz Edelhoff)

Der 2020 verstorbene Komponist Charles Wuorinen machte aus der schicksalhaften Liebe zweier Rancher in "Brokeback Mountain" kein parteiliches und mit Affekten gespicktes Melodram. Annie Proulx setzte in ihrer Erzählung und in ihrem Textbuch eine Studie mit knappen Worten. Bis zu Ennis' Schlussaufwallung ist die Oper ab Jacks Satz "Ich bin nicht schwul!" ein imponierendes Musikdrama der Sprachlosigkeit.

Jakob Peters-Messer hat das für seine äußerst fein ziselierte Inszenierung erkannt, Hermes Helfricht für die wirklich gute Leistung des Philharmonischen Orchesters Erfurt auch. Mindestens so bedeutend wie die karge Musik sind die Pausen. Wuorinen verweigert Melos. Seine Klänge sind wie schartiges Eis und Gerüste, über denen die Figuren tastend nach Lebenssinn und -form suchen. Es ist ein enorm fordernder und großartiger Abend für den Bariton Mate Sólyom-Nagy als Rancher Ennis del Mar und den Tenor Michael Smallwood als Rodeoreiter Jack Twist. Pascal Seibicke gestaltet beider Outfits mit leichter, also unaufdringlicher Ähnlichkeit zu denen der Darsteller Heath Ledger und Jake Gyllenhaal im Kinofilm von 2005.

Sólyom-Nagy und Smallwood bewegen sich allerdings ganz anders, sind im ersten Teil bei der allmählichen Annäherung und dann explosiven Leidenschaft viel zurückhaltender und subtiler. Die Accessoires der US-amerikanischen Lebensrealität werden zu Requisiten, an denen sich die heterosexuellen Figuren festhalten müssen. Die überwiegend in dunklen Farben gehaltene Welt des männlichen Liebespaars und der pointierte Realismus ihrer Lebenswirklichkeit gerät erst am Ende zur unversöhnlichen Synthese aus kantiger Verdrängung und vagem Mitgefühl.

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Während der Film mit Nähe zwischen Akteuren und Kamera arbeitet, nutzt die Erfurter Inszenierung die große Entfernung zwischen Publikum und Bühne. Physische Berührungen sind meist verhalten und erfolgen nie mit der Stärke ihrer explosiven Innenwirkungen. Sólyom-Nagy und Smallwood artikulieren sich häufiger mit vokaler Härte und deklamatorischer Deutlichkeit als mit physischer Zartheit oder selbstzerstörerischen Gewaltausbrüchen.

Die Erfurter Produktion moralisiert nicht, sie appelliert nicht und sie setzt keine Kritikmarken aus einer Gegenwart, die noch lange nicht alle Ausgrenzungen gegen queere Lebensformen überwunden hat. Anders als noch vor wenigen Jahren werden erotische Szenen nicht mehr als performatives Bekenntnis zu Offenheit und Toleranz mit exklusiver Deutlichkeit ausgestellt. Queerness dient jetzt auch als theatrales Zeichen zur signifikanten Darstellung von Ausgrenzung generell. Das Publikum nimmt – abgesehen von ganz wenigen vorzeitig Aufbrechenden – die Darstellung einer queeren Beziehung in restriktiven Sozialsystemen mit ebensolcher Selbstverständlichkeit wahr wie "Romeo und Julia" oder "Aida".

-w-