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Kommentar
Wenn alte weiße Männer um die Wette heulen
Erst Wolfgang Kubicki, dann Jan Feddersen und schließlich "Welt"-Herausgeber Ulf Poschardt. Als ginge es für sie in die Jagdsaison, blasen sie zum letzten großen Halali gegen das Selbstbestimmungsgesetz.

Der neue Judith-Butler-Experte: Für FDP-Grande Wolfgang Kubicki stellt die Queer-Theorie die "Grundannahmen des Liberalismus infrage" (Bild: IMAGO / Frank Ossenbrink)
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14. April 2026, 09:52h 6 Min.
Alte weiße Männer treibt es mal wieder um. In neuen Onlinetexten wettern sie gegen die geschlechtliche Selbstbestimmung – ihrem Lieblingsfeind zusammen mit dem Hassobjekt namens Queer-Theorie. Als ginge es für sie in die Jagdsaison, blasen sie zum großen Halali gegen das Selbstbestimmungsgesetz (SBGG). Sie können es einfach nicht lassen. Angeblich streiten sie für die Wahrheit, und die klingt bei ihnen so: Trans Frauen sind Männer. Na, endlich ist es raus. Geht's jetzt besser? Ist der Druck weg? Nein?
Und als wären sie selbst die Gejagten, heulen sie um die Wette. Und dabei führen sie einen schrecklichen Tanz auf, angetrieben von ihrem Phantomschmerz, dem Verlust geschlechtlicher Eindeutigkeit. Sie lügen, was das Zeug hält, und verdrehen die Dinge, wie es ihnen gefällt. Nebenbei gefragt: Nennt man das negative Intelligenz, die nur da ist, um anderen zu schaden?
Kubicki: "Die Queer-Theorie ist nicht liberal"
Der erste Hornist heißt Wolfgang Kubicki, der die als "Umfallerpartei" bekannte FDP vor dem Untergang retten will, und in dem Artikel "Die Queer-Theorie ist nicht liberal" für die Zeitschrift "Cicero" erst mal lieber anderen den Untergang wünscht. Und wem, bitte? Natürlich denen, die Geschlechtsmündigkeit für sich in Anspruch nehmen. Es lebe die Heteronormativität, so der Retter aus dem hohen Norden, der klar Vagina von Penis unterscheiden kann!
Das Echo wiederum blies mit erwartbar schrägen Begleittönen Jan Feddersen von der Initiative "Queer" Nations (IQN), die zuverlässig Woche für Woche so vor sich hingiftet – am meisten gegen trans und queer. Feddersen ist sich bekanntlich für nichts zu schade ist, wenn er nur dem trans Aktivismus gegen das Schienbein treten kann. "Wolfgang Kubicki und die FDP: Wehmut um eine siechende Partei", ist sein Text im IQN-Blog überschrieben.
Und dann kam noch Ulf Poschardt, Herausgeber der "Welt", als Hornbläser um die Ecke und komplettierte die Kakophonie mit extra hohen und hohlen Tönen ("Auch Nazi-Transfrauen sind Frauen"). Aber einig sind sich alle: Sie kämpfen für ihre Wahrheit, die so wahr ist wie früher die "Prawda".
Der vergessliche Herr Kubicki
Hornist Nummer eins: Herr Kubicki ist offenbar schon recht vergesslich und weiß auf der zweiten Seite nicht mehr, was er auf der Ersten gesagt hat. Das macht die Widerrede schwierig, denn welchen Kubicki spreche ich jetzt an. Den von der ersten oder den von der zweiten Seite, wenn offenbar der eine vom anderen nichts weiß?
Am Anfang heißt es noch: "Jeder Mensch hat das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit. Wen er liebt, woher er kommt oder wie er lebt, ist dabei unerheblich. Entscheidend ist allein, ob er diese Freiheit und Würde auch seinen Mitmenschen zugesteht." Na, fein. Nur können wir Herrn Kubicki leider nicht beim Wort nehmen.
Denn wenn es um die geschlechtliche Selbstbestimmung geht, für die Menschen seit Bestehen der Bundesrepublik gekämpft haben, dann soll die Freiheit plötzlich nicht mehr gelten. Und für ihren Kampf brauchten sie übrigens keine Queer-Theorie, sondern nur das Recht auf Persönlichkeitsrechte, wie sie in unserer Verfassung verbrieft sind.
Kubicki spricht dagegen vom Verlust der objektiven Tatsachen und dass die Kategorie Geschlecht im Personenstandswesen keinerlei Aussagekraft mehr besitze. Eine objektive Tatsache ist, dass ich seit fünfzig Jahren als Frau lebe. Oder will mir Herr Kubicki erst zwischen die Beine schauen, um zu entscheiden, wie er mich anspricht?
Transfeindlichkeit ist überall Teil des rechten Programms
Wenn dieser alte weiße Mann wirklich gesunden Menschenverstand und dazu noch Menschlichkeit besäße, wüsste er, dass Menschen wie ich keine Wahl haben, trans zu sein, und sich nicht aussuchen konnten, welches Geschlecht in die Geburtsurkunde eingetragen wird. Und dann wüsste er auch, dass es das Bundesverfassungsgericht war, das den Weg hin zur geschlechtlichen Selbstbestimmung öffnete. Seit 2011 ist die Frage der Geschlechtszugehörigkeit unabhängig von körperlichen Merkmalen zu beantworten. Und ich glaube nicht, dass die Karlsruher Richter*innen vorher Judith Butler gelesen haben.
Wir ahnen hier, wie Kubicki die FDP retten will: Er wird sie zum Rechtspopulismus hin öffnen. Ein sicheres Merkmal dafür ist schon mal die Transfeindlichkeit, die er in seine Kritik an der Queer-Theorie verpackt. Transfeindlichkeit ist überall Teil des rechten Programms – eine Kostprobe hat er gerade geliefert. So lange eine Demokratie allerdings funktioniert, kann man diese Typen immerhin abwählen oder noch besser: erst gar nicht wählen.
Das Echo mit Namen Feddersen ist rasch abgehandelt, denn wie immer verkennt er, dass eine Minderheit die gleichen Rechte und den gleichen Anspruch auf Würde besitzt wie die Mehrheit – auch in Fragen der Geschlechtszugehörigkeit, ohne dass mir einer unterm Rock schaut oder ein anderer die Hose runterlassen muss. Darum ist ein Satz wie dieser einfach nur bullshit: "Das queeristische Selbstbestimmungsgesetz folgt mit seiner Negierung biologischer Voraussetzungen gesellschaftlichen Lebens einem totalitären Anspruch." Nein, es negiert nicht, es ermöglicht einer Gruppe von Menschen, Teil der Gesellschaft zu sein. So herum wird ein Schuh daraus.
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Ulf Poschardt bedient die üblichen transfeindlichen Narrative
Und nun zu Hornist Nummer zwei: Ulf Poschardt, der sich in intellektuell irrwitzigen Pirouetten gefällt, um den Fall Liebich als Argument gegen das Selbstbestimmungsgesetz zu benutzen (genauer: zu missbrauchen). Das funktioniert natürlich schon deshalb nicht, weil ein so offenkundiger Missbrauchsfall nicht das Selbstbestimmungsgesetz und sein Ziel in Frage stellt, sondern lediglich zeigt, dass es gegen Missbrauch zu schützen ist – wie immer das rechtlich sauber zu lösen sei. Es wäre nicht das erste Gesetz, dass nachgebessert werden muss, um Sinn und Zweck des Gesetzes zu schützen.
Und da hilft auch nicht, den dänischen Märchenphilosophen Hans Christian Andersen oder Bertolt Brechts Verfremdungseffekt (V-Effekt) ins Feld zu führen, um doch nur schlechten Journalismus zu kaschieren. Denn die Frage, in welchem Knast Liebich landet, beantwortet nicht das Märchen und nicht die Theaterbühne, sondern der verantwortliche Justizvollzug. Und ich bin sicher, dass dort zwischen Geschlechtszugehörigkeit und rechtsextremer Politshow unterschieden werden kann.
Ansonsten bedient Poschardt die üblichen transfeindlichen Narrative und fügt noch ein paar hinzu, wie etwa dieses, dass "die gesamte Debatte um Transsexualität von oben herab weggebügelt wurde". Nein, die Forderung nach Personenstands- und Namensänderung besteht schon so lange, wie es trans Menschen in diesem Land gibt. Und dass es kein "Selbstbestimmungskult" ist, sondern um Grundrechtsfragen geht, ist weniger ahnungslosen Menschen klar. Nur Poschardt nicht, der sich zur Abwechslung mal die Verfassungsrechtsprechung zwischen 1978 und 2011 zum Thema geschlechtliche Selbstbestimmung anschauen sollte. Guter Journalismus ist nicht, nur eine Hau-drauf-Meinung zu haben. Denn nicht nur Vagina und Penis sind Fakten – es gibt noch ein paar mehr.
Und weil Judith Butler bei Kubicki und bei Poschardt so prominent vertreten ist, wobei ich nicht glaube, dass die die wirklich gelesen haben, hier eine Lektüre-Empfehlung: "Wer hat Angst vor Gender?" ist im letzten Jahr erschienen. Dort nimmt Butler den ganzen Bullshit aufs Korn, den diese alten weißen Männer uns zumuten.














