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Die Geschichte eines Machers
Niemand prägte die frühe Homosexuellenbewegung so stark wie er
Heute vor genau 150 Jahren – am 15. April 1876 – wurde Friedrich Radszuweit geboren. In der Weimarer Republik war er einer der wichtigsten homosexuellen Aktivisten und Publizisten.

Friedrich Radszuweit (1876-1932)
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15. April 2026, 08:45h 15 Min.
Friedrich Radszuweit (1876-1932) war ein deutscher Homosexuellen-Aktivist, Unternehmer, Verleger und Autor. Im Jahre 1923 betrat er die Bühne der Homosexuellenbewegung, ließ sich zum Vorsitzenden des "Bundes für Menschenrecht" wählen, gründete einen nach ihm benannten Verlag und veröffentlichte in den folgenden Jahren mehrere Homosexuellenzeitschriften und Bücher.
Zu seinem Leben und Werk kursieren zahlreiche falsche Angaben, unter anderem aufgrund unzuverlässiger Informationen von Friedrich Radszuweit selbst und von Paul Weber, einem Zeitgenossen, der Texte über ihn veröffentlichte. Neben eigenen Forschungen beziehe ich mich vor allem auf die zuverlässigen Veröffentlichungen der beiden Historiker Stefan Micheler und Jens Dobler, auf die ich am Ende noch genauer eingehen werde.
Der "Bund für Menschenrecht"
Die Freiheiten der Weimarer Republik führten ab 1919 zur Gründung zahlreicher lokaler homosexueller Freundschaftsverbände, die sich im August 1920 zum "Deutschen Freundschaftsverband" (DFV) zusammenschlossen. Am 11. Mai 1923 wurde der Vereinsname in "Bund für Menschenrecht" (BfM) geändert und Radszuweit zum Vorsitzenden gewählt. Der Verein setzte sich für die Rechte homosexueller Menschen ein und forderte die Abschaffung des § 175 RStGB und damit die Legalisierung homosexueller Handlungen unter Männern. Dieser "Bund für Menschenrecht" darf nicht mit dem anarchistischen "Bund für Menschenrechte" (Plural) verwechselt werden, der von 1903 bis 1906 existierte. Radszuweit neigte zu Übertreibungen und möglicherweise auch zu falschen Angaben. Auch wenn die Angaben Radszuweits zu 100.000 Mitgliedern des BfM nicht glaubhaft sind, kann man trotzdem davon ausgehen, dass der BfM die mitgliederstärkste homosexuelle Interessenvertretung der Weimarer Republik war.
Die Zeitschriften aus seinem Verlag
Im Verlag von Friedrich Radszuweit erschienen folgende Zeitschriften: "Blätter für Menschenrecht" bzw. "Menschenrecht" (1923-1933), "Die Insel" (1923-1925) mit dem Nachfolger "Das Freundschaftsblatt" (1925-1933), "Das dritte Geschlecht" (1928-1929), "Das 3. Geschlecht (Die Transvestiten)" (1930-1932) und "Die Freundin" bzw. "Ledige Frauen" (1924-1933). Seine Zeitschriften enthielten unterschiedliche Beilagen, die oft irrtümlich als eigenständige Zeitschriften angesehen werden. Nach Radszuweits Angaben sollten die "Blätter für Menschenrecht" vor allem dem politischen Kampf und der wissenschaftlichen Aufklärung dienen, während er die anderen Zeitschriften als Unterhaltungsblätter ansah. Viele Beiträge, die in den "Blättern für Menschenrecht" erschienen, wurden jedoch auch in den anderen Zeitschriften abgedruckt, und die Trennung zwischen Politik und Unterhaltung ist nicht immer erkennbar.

Titelseiten der "Blätter für Menschenrecht" (der Mitgliedszeitschrift des BfM) und von "Das 3. Geschlecht" (einer Zeitschrift für Transvestiten)
Mit dem sogenannten "Schund- und Schmutzgesetz" von 1926 konnten Zeitschriften als jugendgefährdend eingestuft und mit einem Aushangverbot belegt werden. Zwischen 1928 und 1932 landete ein großer Teil der Homosexuellen-Zeitschriften auf diesen "Schund- und Schmutz"-Listen und die Verlage versuchten, mit Umbenennungen diesen Einschränkungen zu entgehen. Es wird sogar für möglich gehalten, dass Radszuweit das Gesetz nutzte, um die Konkurrenz-Blätter zu denunzieren, wobei er selbst auch zum Opfer wurde. Auch mehrere Nummern seine Zeitschriften kamen auf die "Schund- und Schmutz"-Liste, wie das "Börsenblatt für den deutschen Buchhandel" u. a. über "Die Freundin" (14. Januar 1928, 23. Juni 1928), "Die Insel" (3. November 1928, 27. September 1930) und "Das Freundschaftsblatt" (13. Mai 1930) anzeigte.

"Das Freundschaftsblatt" (1925) mit einem Artikel von Radszuweit über "Neue Heilmethoden", mit dem er Stimmung gegen Magnus Hirschfeld machte
Die Behinderung anderer Zeitschriften
Der von seinen Gegnern erhobene Vorwurf, Radszuweit habe andere Blätter massiv behindert, lässt sich für die Jahre 1923 bis 1928 gut belegen. So versuchte er, die Auslage der Zeitschriften "Hellasbote" und "Die Fanfare" in Berliner Homosexuellenlokalen zu verhindern, und in Bezug auf die "Neue Freundschaft" drohte Radszuweit darin inserierenden Lokalen, ihnen Anzeigen in seinen Blättern zu verweigern, falls sie weiterhin bei der Konkurrenz annoncierten. Radszuweit bestritt die Vorwürfe und vergriff sich dabei im Ton ("dummes Geschwätz", in: "Die Insel", 9. Januar 1925). Radszuweit wurde sogar als "Diktator" bezeichnet, weil er angeblich "aus der Berliner Ortsgruppe alle Leser von 'Hellasbote' und 'Freundschaft' ausschließen wolle". Radszuweit war offenbar entschlossen, keine Konkurrenz aufkommen zu lassen. "Diese Strategie ging letztlich auf, außer der 'Freundschaft' und dem 'Eigenen' als bildungsbürgerlichen Klientelzeitschriften konnte sich keine andere Zeitschrift für Männer begehrende Männer neben den Blättern des Radszuweit-Verlages behaupten" (Stefan Micheler: "Selbstbilder und Fremdbilder der 'Anderenʻ", 2004, S. 60-61).
Weitere Streitpunkte
Innerhalb der Szene ging es Radszuweit nie um Kooperation, sondern er verfolgte einen klaren Führungsanspruch und eckte in der Szene dementsprechend auch öfter an. Mit den Aktivisten Magnus Hirschfeld und Adolf Brand gab es ab 1923 für kurze Zeit ein Aktionskomitee zur Abschaffung des § 175, das jedoch nicht lange bestand. Die Vorstellungen zum Schutzalter und zur Bestrafung männlicher Prostitution lagen zu weit auseinander. Als es Anfang 1924 zu einer groß angelegten Razzia gegen Stricher kam, begrüßte es Friedrich Radszuweit ausdrücklich, dass die "Polizei dieses Unwesen ausrottet".
Im selben Jahr schlug Friedrich Radszuweit vor, eine eigene "Homoerotische Freundschaftspartei" zu gründen und ihn als Abgeordneten in den Reichstag zu wählen, was angesichts des Verhältniswahlrechts ohne Sperrklausel zumindest theoretisch möglich gewesen wäre. Andere Aktivisten sprachen sich deutlich gegen diese Idee aus ("Homosexuelle, seid auf der Wacht!", in: "Die Fanfare", 1924, Heft 15) und warnten ausdrücklich vor Radszuweit als möglichem Reichstagskandidaten.
Die Bücher seines Verlags
Radszuweit wird oft als Autor von Büchern genannt, der er als Verleger in den Jahren 1923 bis 1925 "nur" veröffentlichte. Als Verlag seiner Bücher und Zeitschriften wird neben dem Radszuweit-Verlag auch der Orplid-Verlag genannt, der an den BfM angekoppelt war und zu seinem Netzwerk gehörte.

Die Verlagsbuchhandlung von Friedrich-Radszuweit
1925 ließ Radszuweit das Buch "Die Symphonie des Eros" von Erich Ernst in seinem Verlag erscheinen. Zu diesem Roman s. meinen Artikel auf queer.de. In der online verfügbaren Schweizer Homosexuellenzeitschrift "Schweizerisches Freundschafts-Banner" (Jg. 1934, Heft 11 mit Teil 1; Heft 12 mit Teil 2 und Heft 13 mit Teil 3) wurde das 3. Kapitel des Buches (1925, S. 19-25) als Leseprobe abgedruckt, deren sprachlicher Stil repräsentativ für das gesamte Buch ist. Manchmal werden weitere Romane, u. a. von Eduard Oscar Püttmann, genannt, die als "Geistertitel" aber wohl nie erschienen sind.
In der Reihe "Volksbücherei für Menschenrecht" erschienen 1924 drei politische Aufklärungsschriften: "Gesetz wider Gesetz. Die homosexuellen Menschen im Kampf um ihr Menschenrecht" von Kurt Leipzig (vermutlich ein Pseudonym), "Die deutsche Bewegung zur Aufhebung des § 175 R. St. G. B." des WhK-Aktivisten Ferdinand Karsch-Haack und "Unsittliche Sittlichkeitsbestimmungen" von Ernst Emil Schweitzer.
Eigene Veröffentlichungen von Friedrich Radszuweit
Radszuweit veröffentlichte viele eigene Texte in seinen Zeitschriften, aber nur selten selbständige Publikationen. Zu diesen Ausnahmen gehört die 14-seitige Aufklärungsbroschüre "§ 175 muß abgeschafft werden. Denkschrift an den Deutschen Reichstag zur Beseitigung einer Kulturschande" (1929).
Bereits 1923 veröffentlichte Radszuweit "Paul Titzki. Die Lebensgeschichte eines einfachen Mannes", der ein Jahr später unter dem Titel "Paul Titzkis Lebensweg" (1924) wieder aufgelegt wurde. Darin lernt der heterosexuelle Soldat Paul Titzki während des Ersten Weltkriegs an der Front den homosexuellen Kameraden "Fritz Bi." kennen, "in dem wohl Radszuweit zu erkennen ist" (Jens Dobler: "Nachwort", in: Friedrich Radszuweit: "Männer zu verkaufen", Neuausgabe 2012, S. 165). Nach außen hin stellt diese Publikation die Lebensgeschichte von Paul Titzki dar, den Radszuweit nach seinen eigenen Angaben nur bearbeitet hat. Einen fiktiven Roman als eine reale Lebensgeschichte erscheinen zu lassen, ist ein nicht unüblicher literarischer Kniff, um Authentizität zu suggerieren. Dieser Eindruck wird dadurch verstärkt, dass der Text auf eine bestimmte Erzählabsicht hin geschrieben worden zu sein scheint, nämlich als Lobpreis soldatischer Kriegskameradschaft, in die auch Homosexuelle einbezogen werden. Diese erkennbare Erzählabsicht ist ein Indiz für einen ganz oder überwiegend von Radszuweit selbst verfassten fiktiven Text.
Bekannter wurde Radszuweits Roman "Männer zu verkaufen. Ein Wirklichkeitsroman aus der Welt der männlichen Erpresser und Prostituierten" (1931, Neuauflage 1932) – eine Anklageschrift gegen eine diskriminierende Gesellschaft, in der schwule Männer schnell das Opfer von Erpressungen wurden. Aus heutiger Sicht ist es ein interessantes Sittenbild aus dem Berlin der Zwanzigerjahre, aber auch geprägt von Radszuweits pauschaler Diffamierung männlicher Sexarbeiter (siehe dazu auch ein Beitrag in "Die Freundin", 1931, Heft 3). Ein verdienstvoller Reprint erschien 2012 im Männerschwarm Verlag.
"Bubi, laß uns Freunde sein"
Der Schlager "Bubi, laß uns Freunde sein" (1924) ist nach dem "Lila Lied" vermutlich das zweite Lied, das in den Zwanzigerjahren für eine homosexuelle Zielgruppe geschrieben und komponiert wurde. Bruno Balz schrieb den Text und Erwin Neuber steuerte die Musik dazu bei. Bruno Balz war von 1928 bis 1930 Redakteur der von Friedrich Radszuweit herausgegebenen Zeitschrift "Die Freundin". Das Lied erschien in Radszuweits Orplid-Verlag. An den Erfolg des "Lila Liedes" konnte dieses Lied aber offenbar nicht anknüpfen (s. a. mein Artikel auf queer.de). Eine zeitgenössische Tonträgeraufnahme von "Bubi" ist nicht bekannt und vermutlich wurde das Lied nur als Text mit Noten veröffentlicht.

Notendruck von "Bubi, laß uns Freunde sein" (1924); Erich Ernst: "Die Symphonie des Eros" (1925); Friedrich Radszuweit: "Männer zu verkaufen" (1931)
Die Vorträge Friedrich Radszuweits und des "Bundes für Menschenrecht"
Für zwei Artikelserien über schwules Leben in den Jahren 1924 und 1925 für queer.de habe ich auch die politischen Aktivitäten Friedrich Radszuweits in diesen beiden Jahren etwas genauer untersucht. Bezogen auf das Jahr 1924 habe ich fünf Vorträge von Friedrich Radszuweit recherchiert, die er u. a. über den schwulen Serienmörder Fritz Haarmann hielt.
1925 hielt Radszuweit mindestens vier Vorträge: "Unsere Bewegung" (5. Januar), "Homosexualität u. § 175 R.St.G.B." (16. Januar), ein weiterer Vortrag zur geplanten Strafrechtsreform (2. Februar) sowie einer über "Männerbünde und Prostitution" (2. März) (s. dazu auch mein Artikel auf queer.de). Am bedeutsamsten war in diesem Jahr wohl sein zweiter Vortrag vom 16. Januar 1925 in Essen. In der sozialdemokratischen "Essener Arbeiter-Zeitung" wurde der Vortrag am 14. Januar und am 15. Januar beworben und am 19. Januar ausführlich besprochen. Ich vermute, dass der BfM in diesem Jahr wohl rund 30 Vorträge organisierte, wobei fast alle nur innerhalb der homosexuellen "Blase" angekündigt und rezipiert wurden.

Ankündigungen von Vorträgen des BfM ("Freundschaftsblatt", 1924) und eines Vortrags von Radszuweit in Essen ("Essener Arbeiter-Zeitung")
Keine Außenwirkung – Friedrich Radszuweit in der bürgerlichen Presse
Bei näherer Betrachtung der nicht-homosexuellen Zeitungen wird deutlich, dass Friedrich Radszuweit, seine homosexuellen Zeitschriften und der BfM in der Berichterstattung fast keine Rolle spielten. Bei "Zeitpunkt", einem Digitalisierungsprojekt für Zeitungen im heutigen Nordrhein-Westfalen, kommen auf 3.784 Beiträge über Magnus Hirschfeld (s. Portal "Zeitpunkt") nur drei Beiträge über Friedrich Radszuweit. Dabei handelt es sich um die oben verlinkten Beiträge aus der "Essener Arbeiter-Zeitung".
In ANNO, dem Digitalisierungsprojekt der Österreichischen Nationalbibliothek, ist das Rechercheergebnis ähnlich: Auf 1.215 Beiträge über Magnus Hirschfeld (s. Portal "Anno") kommt ein Beitrag über Radszuweit und selbst dieser ist nur eine Kurzmitteilung zum Verbot seiner Zeitschrift "Die Freundin" auch in Österreich ("Österreichische Buchhändler-Correspondenz" vom 8. Juni 1928).
Von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn wurden viele sozialdemokratische Zeitungen digitalisiert und ebenfalls im Volltext durchsuchbar gemacht. Hier lassen sich 469 Beiträge zu Magnus Hirschfeld nachweisen (s. Friedrich-Ebert-Stiftung), aber nur zwei Artikel zu Radszuweit. Dieser Unterschied ist auch vor dem Hintergrund bemerkenswert, dass Radszuweit zumindest zeitweise SPD-Mitglied war und damit eine politische Nähe bestand. Wenigstens sind diese beiden Artikel so spannend, dass es sich lohnt, auf ihre Inhalte näher einzugehen.
Die Mitglieder des BfM – selbstbewusst, fordernd und konfliktbereit
Zwei Artikel der sozialdemokratischen Presse behandeln Konflikte mit den Mitgliedern des BfM. Vielleicht ist es nur Zufall, aber sie bestätigen die Vorstellung, dass Friedrich Radszuweit und die Mitglieder seines Bundes nicht nur selbstbewusst, sondern auch fordernd und konfliktbereit waren. Das gewachsene Selbstbewusstsein vieler Homosexueller steht offenbar in Verbindung mit den neuen Freiheiten in der demokratischen Weimarer Republik.
Der "Sozialdemokrat" (30. Juni 1927) berichtete, dass es am Montag, dem 27. Juni 1927 in der Komischen Oper in Berlin bei der Aufführung der Revue "Streng verboten!" zu Pfiffen und Zwischenrufen gekommen war. Zwölf Mitglieder des "Bundes für Menschenrecht" erklärten, an der Vorstellung Anstoß genommen zu haben. Sie wurden festgenommen und es wurden Strafanzeigen wegen Hausfriedensbruchs erstattet. Dieser Vorfall ist in der homosexuellen Geschichtsforschung offenbar bisher unbekannt. Leider geht aus dem Artikel nicht hervor, woran die Zuschauer aus den Reihen des BfM Anstoß nahmen. Hierzu müssten weitere Recherchen in Berliner Zeitungen vorgenommen werden.
Drei Jahre später berichtete das Zentralorgan der SPD, der "Vorwärts" (8. Juli 1930), unter der Überschrift "Homosexuelle gegen Schupo" darüber, dass es in der Nacht von Samstag auf Sonntag (5./6. Juli) im Ausflugsrestaurant Waldhaus in Rauchfangswerder am Stadtrand von Berlin zu einer Prügelei zwischen Mitgliedern des "Bundes für Menschenrecht" und der Polizei gekommen war. Eine Gruppe von BfM-Mitgliedern, darunter "Transvestiten" in Frauenkleidern, hatte im Waldhaus einen Saal gemietet und traf dort auf 250 bis 300 Polizisten, die am selben Ort ein Sommerfest feierten. Zwischen beiden Gruppen kam es zu einer Prügelei. Zum Auslöser gibt der "Vorwärts" die Darstellung der Polizisten wieder, wonach angeblich das Verhalten der Homosexuellen "skandalös" gewesen sei und diese für die Tätlichkeiten verantwortlich seien. Nach der Darstellung in Radszuweits "Freundschaftsblatt" und auch nach Angaben des Gastwirts hatten hingegen die Polizisten durch homophobe Beleidigungen und Provokationen die Prügelei ausgelöst. (Zu diesem Ereignis s. a. Jens Dobler: "Von anderen Ufern", 2003, S. 75 unter der Überschrift "Rauchfangswerder was a riot").

Am Stadtrand von Berlin: das Ausflugsrestaurant Waldhaus in Rauchfangswerder
Der Faschismus und das Ende
Der BfM gab sich stets politisch neutral, wobei sich diese Haltung auch mit dem Erstarken der NSDAP nicht grundlegend veränderte. Ein antisemitischer Ausfall gegen Magnus Hirschfeld ("Die Freundschaft", 1931, Heft 6) blieb eine Ausnahme. Als 1931 der homosexuelle SA-Chef Ernst Röhm denunziert wurde, warf der BfM der SPD vor, die sexuelle Veranlagung Röhms zu instrumentalisieren. Der BfM rief sogar zum Boykott der SPD auf, weil sie Röhm als Homosexuellen denunzierte, konnte sich aber nie zu einem Boykott der NSDAP durchringen.
Ein spannendes Zeitdokument ist Radszuweits Brief an Adolf Hitler, der in der "Freundin" (1931, Heft 32) abgedruckt wurde und in dem er sich auf die Homosexualität Ernst Röhms bezog. Das von der NSDAP angekündigte "Aufhängen" von Homosexuellen bezeichnete er darin als eine "agitatorische Phrase Ihrer Partei". Weiter schrieb Radszuweit: "Ich nehme an, daß Sie, Herr Adolf Hitler, gerade über die Homosexualität nicht Bescheid wissen (…)." Danach wiederholte er die Forderungen des BfM nach einem Schutzalter von 18 Jahren und nach einem Verbot der männlichen Prostitution. Mit der Nennung von Namen berühmter Homosexueller versuchte Radszuweit zu verdeutlichen, dass die Homosexualität "auch bei nichtjüdischen Völkern" verbreitet sei. "Ich glaube also, Herr Hitler, wenn Sie für die Beseitigung des § 175 öffentlich eintreten, daß Sie dann sicher an Popularität noch mehr gewinnen würden." Dieser Versuch, Hitler und die NSDAP von den Forderungen der Homosexuellenbewegung zu überzeugen, mutet aus heutiger Sicht befremdlich und unbedarft an. Vielleicht wollte Radszuweit damit nicht zuletzt der Tatsache Rechnung tragen, dass sich auch unter den BfM-Mitgliedern zunehmend NSDAP-Anhänger befanden.
Am 3. April 1932 starb Friedrich Radszuweit an Tuberkulose. Die Machtübernahme der Nazis musste er nicht mehr erleben. Ab Mitte März 1933 wurden keine Homosexuellenzeitschriften mehr veröffentlicht. Das Ende kam offensichtlich sehr unerwartet und plötzlich; in keiner Homosexuellenzeitschrift findet sich ein Hinweis auf drohende verschärfte Repressionen. Für die oft kolportierte Behauptung, dass die Vereine oder Zeitschriften durch Erlasse verboten wurden, gibt es keine Belege. Am 9. November 1934 wurde die Löschung des BfM aus dem Vereinsregister mit der Begründung beantragt, dass der Verein nur noch drei Mitglieder habe.
Zum Weiterlesen
Von Stefan Micheler stammt die Dissertation "Selbstbilder und Fremdbilder der 'Anderen'" (2005). Der online verfügbare Beitrag "Zeitschriften, Verbände und Lokale gleichgeschlechtlich begehrender Menschen in der Weimarer Republik" (2008) ist eine erweiterte Fassung eines Kapitels daraus. Von Stefan Micheler stammt auch der Aufsatz "Zeitschriften und Verbände gleichgeschlechtlich begehrender Menschen in der Weimarer Republik" (in: "Invertito", 2008, S. 10-56). Jens Dobler veröffentlichte den online verfügbaren Aufsatz "Der Bund für Menschenrecht" (2003). Dabei handelt es sich um eine korrigierte und leicht gekürzte Version eines Kapitels aus seinem Buch "Von anderen Ufern. Geschichte der Berliner Lesben und Schwulen in Kreuzberg und Friedrichshain" (2003, S. 71-76). Außerdem schrieb er das Nachwort zu dem oben erwähnten Reprint von Friedrich Radszuweits Roman "Männer zu verkaufen" (2012, S. 159-178).
Die fünf Ausgaben der von Radszuweit publizierten Zeitschrift "Das 3. Geschlecht (Die Transvestiten)" (1930-1932) erschienen 2016 im Männerschwarm Verlag als Reprint. Dass dieser eine "wahre Schatztruhe" (queer.de) ist, liegt wohl auch am Herausgeber Rainer Herrn, der hier die Entstehungsgeschichte der Zeitschrift schildert, die Beiträge analysiert und so ein Stück queerer Emanzipationsgeschichte wieder sichtbar macht.
Als erste Lesbenzeitschrift der Welt hat "Die Freundin", die ebenfalls von Radszuweit publiziert wurde, einen ganz besonderen Stellenwert. 194 Hefte dieser Zeitschrift wurden bereits vor einiger Zeit vom Forum queeres Archiv München online gestellt, mittlerweile hat die Berliner Humboldt-Uni alle Jahrgänge von "Die Freundin" online zugänglich gemacht.

Zwei Ausgaben von "Die Freundin" aus dem Bestand des "Forums queeres Archiv München"
Weitere Reprints oder Online-Digitalisate anderer Zeitschriften aus dem Radszuweit-Verlag sind mir nicht bekannt. Antiquarisch werden seine Zeitschriften so gut wie nie zum Verkauf angeboten. Ein Heft von "Menschenrecht" wird aktuell für rund 400 € angeboten, was die Seltenheit und den zugemessenen Wert wohl gut verdeutlicht.
Zum Weitergucken – Videos auf Youtube
Auf Youtube habe ich zwei Beiträge über Friedrich Radszuweit aus den USA gefunden. Das erste Video heißt "Friedrich Radszuweit: LGBTQ+ Stories from Nazi Germany" (9:27 Min.) und gehört zum "Pink Triangle Legacies Project". Friedrich Radszuweit wird hier mit Adolf Brand und Magnus Hirschfeld verglichen. Der Titel ist allerdings irreführend, denn Radszuweits Wirken fand nicht in "Nazi Germany" statt, sondern in der Weimarer Republik.

Drei Aktivisten, die in der Doku miteinander verglichen werden: Adolf Brand, Magnus Hirschfeld und Friedrich Radszuweit
In dem Video "Bad Gays: Friedrich Radszuweit" (insbesondere 12:15-26:10 Min.) geht es neben den geschichtlichen Hintergründen auch um die heutige Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft in Berlin und den Historiker Rainer Herrn, der Radszuweits Zeitschrift "Das 3. Geschlecht" als Reprint herausgab (16:40-17:00 Min.; 26:50-29:15 Min.). Es wird außerdem auf Ben Miller verwiesen, der auf outhistory.org, einer der wichtigsten Online-Plattformen zur Geschichte von LGBTQ in den USA, seinen Online-Artikel "Friedrich Radszuweit" publizierte.
Resümee
Radszuweits Werk ist auch mit wissenschaftlichen Beiträgen mittlerweile gut untersucht. Es ist kein Widerspruch, wenn man darauf hinweist, dass Radszuweit in den Jahren 1923 bis 1932 eine bedeutende Rolle in der Homosexuellenbewegung spielte, aber gleichzeitig in der heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft kaum wahrgenommen wurde. Vermutlich gab es niemanden, der die Homosexuellenbewegung von 1923 bis 1930 nach innen so stark geprägt hat. Er konnte allerdings nicht – wie Magnus Hirschfeld – in die heterosexuelle Mehrheitsgesellschaft hineinwirken. Magnus Hirschfeld und das WhK konnten sich als die etablierte und "seriösere" Interessenvertretung der Homosexuellen präsentierten. Schließlich war Hirschfeld schon seit dem Kaiserreich ein anerkannter Sexualwissenschaftler und das WhK nicht kommerziell ausgerichtet.
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Radszuweit war kein Akademiker und konnte möglicherweise allein deshalb nicht das Renommee Hirschfelds erreichen. Vielleicht lag es auch an Radszuweits dominantem Führungsstil und daran, wie er eigene wirtschaftliche Interessen mit den Interessen der Bewegung vermischte. Zumindest war Radszuweit neun Jahre lang – von 1923 bis zu seinem Tod 1932 – eine oft angefochtene, aber nie gestürzte Führungspersönlichkeit der Freundschaftsverbände. Er hat gezeigt, dass es möglich war, mit Zeitschriften und Organisationen für ein breites homosexuelles Publikum zumindest zeitweise – und trotz Zensur – ein funktionierendes Geschäftsmodell aufzubauen. Durch die Art, wie er mit seinen Zeitschriften Homosexuelle erreichte und ihnen vermutlich auch zu mehr Selbstbewusstsein verhalf, hat er seinen Platz in den Geschichtsbüchern trotzdem mehr als verdient.
Radszuweits Privatleben lässt sich dagegen nur schlecht nachzeichnen. Ab 1925 lebte er mit seiner Ehefrau und seinem vermutlichen Lebenspartner Martin Butzko (1903-?) zusammen. Einige Wochen nach dem Tod seiner Ehefrau adoptierte er Butzko am 28. März 1929, was für intergenerationelle homosexuelle Beziehungen eine Form der rechtlichen Absicherung war. Kurz danach wurde Martin Butzko, der mit der Adoption Radszuweits Familiennamen annahm, im BfM tätig und aus dem Friedrich Radszuweit-Verlag wurde 1930 der Martin Radszuweit-Verlag.
Der März 1933 markiert nicht nur in der Homosexuellengeschichte einen harten Bruch. Meistens wird davon ausgegangen, dass die spätere Homosexuellenbewegung nach 1945 nicht an die erste Homosexuellenbewegung anknüpfte. In der Schweiz erschien einige Jahre lang die Homosexuellenzeitschrift "Menschenrecht" (1937-1942), die später in "Der Kreis" (1943-1967) aufging. Wenn mit dem Namen der Zeitschrift "Menschenrecht" bewusst an die in Deutschland abgebrochene Tradition angeknüpft werden sollte, wäre von dem, was Radszuweit erreicht hat, etwas übernommen worden.
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