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Schwul im Knast – und J.Lo tanzt

Der queere Luis Molina kommt während der argentinischen Militärdiktatur ins Gefängnis. Seinem Zellengenossen erzählt er sein Lieblingsmusical. "Kiss of the Spider Woman" ist eine Hommage an die Goldene Ära der Hollywood-Musicals – und gibt Jennifer Lopez endlich eine gute Rolle.


Tonatiuh als Molina und Diego Luna als Valentín in "Kiss of the Spider Woman" (Bild: 2026 Sony Pictures Entertainment Deutschland GmbH)

Acht Jahre Gefängnis. Unzucht mit einem Minderjährigen. So lautet die Strafe für Luis Molina, und das sind auch seine ersten Sätze, als er die dunkle Zelle betritt. Der flamboyante Schaufensterdekorateur macht kein Geheimnis daraus.

Sein Mitinsasse Valentín jedoch kümmert das nicht. "Mir egal, was du gemacht hast", sagt der trocken. Der linke politische Häftling will auch keine großen Gespräche führen. Entweder er liest in seiner Lenin-Biografie, oder er denkt nach. Bei beidem will er nicht gestört werden.

Musical-Poster an den Wänden der Zelle

Es ist 1983, in Argentinien herrscht seit sieben Jahren eine brutale Militärdiktatur. Die sperrt Andersdenkende, aber auch queere Menschen, in Geheimgefängnisse, foltert sie, lässt sie verschwinden. Heute geht man von 30.000 Todesopfern aus.

Molina – meist wird er nur beim Nachnamen genannt, der nicht zufällig wie ein weiblicher Vorname klingt – will sich aus der dreckigen Zelle wegträumen. Er beklebt die Wände mit Postern seines Lieblingsmusicals und flüchtet sich in diese traumhaft bunte Welt.

Das Musical verspricht großes Drama


Poster zum Film: "Kiss of the Spider Woman" startet am 16. April 2026 bundesweit im Kino

Ihm ist egal, ob Valentín das hören will, aber er erzählt ihm die Geschichte des Films. Valentín unterbricht ihn, ist natürlich skeptisch. Mit Musicals kann der Revolutionär nichts anfangen. Das ist nicht der beste Film, erklärt Molina, aber er ist bunt und voller Emotion.

Und das beweist "Kiss of the Spider Woman" auch: Molina erzählt weiter, der Film im Film beginnt: Es geht um die schicke Moderedakteurin Ingrid Luna und die Spinnenfrau Aurora. Eine überhöht melodramatische Geschichte über Liebe, die man sich nicht eingestehen kann, und über einen Fluch, den nur eine Opferung brechen kann. Ganz großes Drama also.

Jennifer Lopez als Spinnenfrau

Die überschaubare Handlung steht aber gar nicht im Vordergrund. Entscheidend ist die Oberfläche. Die bunten Farben, die opulenten Kostüme, die betont bühnenhaften Kulissen. Und natürlich die Musik: Die Songs liefern zwar keine mitreißenden Melodien, sind aber solide. Die Choreografien begeistern dafür umso mehr. "Kiss of the Spider Woman" lässt die Goldene Ära der Hollywood-Musicals wieder aufleben.

Dazu trägt auch Jennifer Lopez bei. Ihre Schauspielkarriere war bislang eher von Häme und Goldenen Himbeeren geprägt. Doch als Ingrid Luna und Spinnenfrau Aurora hat sie hier eine Doppelrolle gefunden, die ihr erstaunlich gut zu Gesicht steht.

Molina und Valentín finden Würde und Nähe

In diesem Film im Film ist alles angenehm übertrieben, und so soll es auch sein. Die Welt des Hochglanz-Musicals bildet einen starken Kontrast zur düster-deprimierenden Gefängniszelle von Molina und Valentín.

Die Darsteller Tonatiuh und Diego Luna übernehmen in beiden Handlungsebenen Rollen. Und auch die Themen des Musicals – unterdrückte Gefühle, Aufopferung – spiegeln sich in der Zelle. Die Insassen finden miteinander Würde in einer würdelosen Situation. Und daraus entsteht mehr, als sie gedacht hätten.

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Die Vorlage: Ein bedeutender queerer Roman

Doch die ständigen Sprünge zwischen Technicolor-Musical und erdrückender Zelle funktionieren nicht immer. Kaum ist man in der einen Geschichte, wird man wieder herausgerissen – vielleicht so, wie die Verurteilten aus ihrem Leben gerissen wurden, als sie ins Gefängnis kamen.

Bei "Der Kuss der Spinnenfrau" handelt es sich ursprünglich um einen der wichtigsten queeren Romane Lateinamerikas. Das Werk bescherte dem schwulen Autor Manuel Puig seinen literarischen Durchbruch. Einige Jahre später schrieb er auch eine Bühnenfassung, die noch immer auf den argentinischen Spielplänen zu finden ist.

Die erste Verfilmung schrieb queere Filmgeschichte

Mitte der 1980er Jahre wurde der Roman verfilmt. Das Drama des brasilianischen Regisseurs
Héctor Babenco schrieb queere Filmgeschichte: Hauptdarsteller William Hurt gewann 1986 einen Oscar – den ersten Academy Award für eine homo­sexuelle Rolle (queer.de berichtete).

Anfang der 1990er Jahre folgte eine erfolgreiche Musical-Adaption. Auf der wiederum basiert der neue Film von Regisseur Bill Condon. Der US-Amerikaner kennt sich im Genre aus: Er schrieb das Drehbuch zu den Musicals "Chicago" und "Dreamgirls", das er auch als Regisseur inszenierte. Neben neuen Songs nutzt der Film auch Stücke des Bühnenmusicals.

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Wie viele Queers sitzen gerade in ähnlichen Zellen?

Interessant sind einige Änderungen, die Bill Condon vornimmt: Er siedelt die Geschichte explizit während der argentinischen Militärdiktatur an, der Film beginnt mit einer kurzen schriftlichen Erläuterung. Argentinien ist unter Javier Milei zwar weit davon entfernt, diktatorisch regiert zu werden. Doch der ultralibertäre Präsident sorgt mit queerfeindlichen Reformen für Angst in der queeren Community des Landes. So schaffte er unter anderem das Ministerium für Diversität ab.
Die konkrete Verortung verdeutlicht, wie kurz diese schreckliche Phase in der argentinischen Geschichte zurückliegt. Und mahnt, dass ein krisengebeuteltes Land erschreckend schnell in dunkle Zeiten zurückkehren kann.

"Kiss of the Spider Woman" ist eine gelungene Adaption, aber kein präziser historisch-politischer Film. Die Diktatur dient eher als modellhaftes Schreckensregime der Vergangenheit – von denen einige heute (wieder) bestehen. Man will sich nicht ausmalen, wie viele politische sowie queere Häftlinge jetzt gerade in ähnlichen Zellen sitzen wie Valentín und Molina. Der Film blickt zurück – und zeigt unweigerlich die Gegenwart.

Infos zum Film

Kiss of the Spider Woman. Drama, Musicalfilm. USA 2025. Regie: Bill Condon. Cast: Diego Luna, Tonatiuh, Jennifer Lopez, Bruno Bichir, Josefina Scaglione, Aline Mayagoitia, Lynn Favin, Will Fitz, Driton "Tony" Dovolani, Kevin Michael Brennan, Debra Cardona, Thomas Canestraro, Odain Watson. Laufzeit: 128 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 12. Verleih: Sony Pictures Germany. Kinostart: 16. April 2026
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