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Ein Leben im Dorf ist auch ein queeres, trans und inter Leben!
Mit seinem Dokumentarfilm "Denn dieses Leben lebst nur Du" über vier queere Menschen im Südwesten Deutschlands schließt der Konstanzer Regisseur Douglas Wolfsperger eine Repräsentationslücke.

Szene aus "Denn dieses Leben lebst nur Du": Melina fühlt sich angekommen im eigenen Körper (Bild: Douglas Wolfsperger Filmproduktion / Georg Kliebhan)
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16. April 2026, 05:20h 4 Min.
"Einige haben zu mir damals gesagt, geh doch irgendwo in eine Großstadt. Da kennt man dich nicht", sagt Elisabeth beim Blumengießen. Es ist ein warmer Sommer, die Blumen leuchten knallrot. "Aber das wäre ja blöd. Ich springe nicht weg von der Gefahr. Das bringt nichts."
In diesem Satz verdichtet sich bereits die zentrale Bewegung des Films: das Verbleiben im Ort, das Sichtbarbleiben im vermeintlich Unveränderlichen. Elisabeth, eine inter Person, widerspricht der Logik des Rückzugs und setzt ihr Leben in die dörfliche Öffentlichkeit Süddeutschlands – nicht als Provokation, sondern als Selbstverständlichkeit. Die These des Films wird dadurch körperlich erfahrbar: Trans und inter Personen sind da, sie leben dort, sie gehören in diese Räume.
Der selbst nicht queere Konstanzer Regisseur Douglas Wolfsperger formuliert daraus eine affirmative, titelgebende, fast imperative Grundhaltung: "Denn dieses Leben lebst nur Du" Eine sympathische, unaufgeregte Setzung, die weniger erklärt als anerkennt. Wolfsperger entwirft solidarische Bilder, die die Existenz von trans und inter Personen im Dorf nicht rechtfertigen müssen, sondern sie zeigen, als wäre sie längst Realität – was sie ist.
Queere Menschen in der Kirche und in der Bäckerei

Poster zum Film: "Denn dieses Leben lebst nur Du" startet am 16. April 2026 in ausgewählten Kinos
Man sieht Elisabeth, daneben das trans Paar Duna und Melina sowie den trans Mann Gabriel, in ihren alltäglichen Kontexten: bei der Arbeit, beim Musizieren, beim Sport, in der Kirche, in der Bäckerei. Orte des Alltags, an denen sich Routine und Reibung mischen – an denen ihnen mürrische, abwertende Blicke und Kommentare entgegenschlagen, aber auch vorsichtige Neugier aufscheint. Und genau diese Momente des leisen Lernens, dieses "Ach, da habe ich etwas dazugelernt", entfalten gerade in konservativen, politisch zunehmend nach rechts driftenden Gemeinden eine vorsichtige Hoffnung.
Die Kamera bleibt dabei ruhig, beobachtend, sucht sonnige, luftige Bilder und folgt den Protagonist*innen mit einer gewissen Gelassenheit. Gleichzeitig zeigen sich im Film immer wieder ungewollte Brüche, die seine dokumentarische Geschlossenheit irritieren. Wenn Protagonist*innen direkt in die Kamera blicken und sich dadurch kurz die Illusion des Beobachtens auflöst, wirkt das weniger wie ein bewusst eingesetztes Stilmittel als wie ein Moment des Kontrollverlusts. Auch das versehentlich im Bild sichtbare Stand-up-Paddle-Brett der Kamerapersonen Florian Mag und Frank Amann verweist nicht auf eine reflexive Kameraästhetik, sondern auf eine gewisse Unsauberkeit in der Bildführung, die die Szene aus ihrem eigenen Raum herauskippt.
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Raum für Fragen, die sonst oft unausgesprochen bleiben
Inhaltlich kritisiert er – wenn auch eher zurückhaltend – patriarchale Strukturen innerhalb der katholischen Kirche, insbesondere die Tatsache, dass Frauen dort keine Ämter übernehmen können. Die homophobe Gewalt der Institution bleibt dabei jedoch unerwähnt. Elisabeth selbst hatte eine Ausbildung zur Diakonin absolviert, darf dieses Amt nach ihrer Transition jedoch nicht mehr ausüben – eine biografische Zäsur, die im Film zwar sichtbar wird, aber nicht weiter in ihrer strukturellen Tiefe ausgearbeitet wird.
Der Film mit seinem etwas unbeholfenen Titel öffnet dennoch Räume für Fragen, die sonst oft unausgesprochen bleiben: Fragen nach geschlechtsangleichenden Operationen, nach Selbstbefriedigung, nach Geschlechtsverkehr. Die Protagonist*innen durchbrechen dieses unangenehme Schweigen selbstbestimmt, ohne dabei zu bloßen Erklärfiguren zu werden. Sie sind kein Lexikon, sondern erzählen aus ihrem Leben heraus. Gerade deshalb wirkt es schade, dass die Begegnungen mit neugierigen, aber skeptischen oder offen konservativen Bürger*innen oft ohne stärkere Kontextualisierung bleiben: Wer sind diese Stimmen? Warum erhalten sie Raum? Und nach welchen Kriterien werden sie in den filmischen Blick eingeschrieben?
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"Die andere Frau, das bin ich selber"
"Ich hab mich als erstes bei meiner Mutter geoutet, weil die hat mich darauf angesprochen und gesagt: Gibt's da eine andere Frau? Ja, die andere Frau, das bin ich selber", sagt Dunja – und dieser Moment trägt eine stille emotionale Wucht in sich. Wolfsperger begegnet seinen schrägen, liebenswerten Protagonist*innen mit Respekt, zeigt auch ältere Generationen von trans und inter Menschen und schließt damit eine Repräsentationslücke, die im dokumentarischen Erzählen selten sichtbar wird. Gleichzeitig bleiben manche Beziehungen – etwa Freundi*nnenschaften zwischen inter und trans Personen oder die Beziehung des trans Mannes – etwas randständig, fast aus dem Zentrum herausgerückt, als hätte der Film hier noch mehr journalistische Tiefe entwickeln können.
Insgesamt jedoch trägt der Film eine starke, einfache und gerade darin überzeugende Grundidee: ein Leben im Dorf ist auch ein queeres, trans, inter Leben. Und dieses Leben ist nicht Ausnahme, sondern Gegenwart.
Denn dieses Leben lebst nur Du. Dokumentarfilm. Deutschland 2025. Regie: Douglas Wolfsperger. Laufzeit: 80 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. FSK 12. Verleih: Wilder Süden Filmverleih. Kinostart: 16. April 2026
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