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Ausstellung

"Balkan Erotic Epic": Marina Abramović und der rosa Elefant der Homophobie

In ihrer neuen Ausstellung im Berliner Gropius Bau inszeniert Marina Abramović Erotik als Ritual, Machtform und kollektive Körperpraxis. Gleichgeschlechtliches Begehren bleibt darin auffällig im Hintergrund


Camp-Ästhetik mit unnahbarer Diva und erregten Mannsbildern: Blick in die Ausstellung "Balkan Erotic Epic" (Bild: Axel Krämer)

Die Videoinstallation gleicht einem Altar – streng symmetrisch angeordnet und von sakraler Anmutung. Doch spätestens beim zweiten Blick offenbart sich die schwule Camp-Ästhetik des Werks. Im Zentrum posiert die Sängerin und Schauspielerin Olivera Katarina, eine der großen Diven Jugoslawiens, deren Inszenierung an eine Heiligenfigur erinnert. Flankiert wird sie von strammen Burschen in serbischen Uniformen, deren erigierte Penisse durch die Hosenschlitze ragen.

Ironisch gebrochene Bilder von Hypermaskulinität und Heteronormativität wie in diesem Beispiel gehören typischerweise zum Formenrepertoire schwuler Kulturgeschichte, um auf verdrängtes gleichgeschlechtliches Begehren hinzuweisen. Doch die Arbeit zielt laut Ausstellungstext eher in eine andere Richtung. Demnach wird ein mythisch aufgeladenes Lied zitiert, vorgetragen von Olivera Katarina, das die Durchsetzung einer serbisch-orthodoxen Identität beschwört.

"Slawische Seele" heißt das Werk von 2005. Es gehört zum Zyklus "Balkan Erotic Epic" – so lautet auch der Titel der Einzelausstellung von Marina Abramović im Berliner Gropius Bau. Es ist eine Mammutschau, die vor allem aus multimedialen Installationen besteht. Darin verhandelt die Performance-Künstlerin Sexualität nie nur als Lust, sondern als Ritual, als kollektive Choreografie und als Körperpolitik.

Erotik und Ideologie

Wie eng Erotik und Ideologie verschränkt sein können, zeigt sich bereits zu Beginn des Ausstellungsparcours in Abramovićs Arbeit "Titos Beerdigung" von 2025, die im tausend Quadratmeter großen Lichthof auf einer monumentalen Leinwand präsentiert wird: Eine Armada schwarz gekleideter Klageweiber schlägt sich zu rhythmischen Klängen die Hände auf die Brust.


Die Erotik des kollektiven Rituals: Klageweiber im Lichthof des Gropius Baus (Bild: Axel Krämer)

In einem Gespräch mit der Kuratorin und Museumsdirektorin Jenny Schlenzka erzählt Abramović von ihrer Herkunft aus einer Partisanenfamilie, von der Begeisterung ihrer Eltern für Tito. Als Kind, sagt sie, habe ihr Vater sie zu den Reden des Autokraten mitgenommen. "Ich erinnere mich an diesen gewaltigen Platz mit Tausenden von Menschen und daran, wie die Elektrizität der Menge durch meinen Körper ging. Als Tito starb, lag eine unglaubliche Erotik in der Luft, weil Frauen jeden Alters weinten und ihre nackten Brüste zeigten: Sie riefen: 'Warum hast du ihn genommen und nicht mich?' Diese gemeinsame Trauer, verbunden mit so viel Leidenschaft, war zutiefst erotisch."

Queerness ist für Abramović kein Thema

Abramović wirft in ihrer Ausstellung "Balkan Erotic Epic" einen ganz persönlichen Blick auf das Thema Erotik und Gesellschaft, und genau das mag auch der Grund dafür sein, dass tief verwurzelte Homophobie und verdrängtes gleichgeschlechtliches Begehren in der Schau bestenfalls indirekt zur Sprache kommen. Queerness scheint für die Performancekünstlerin, die in den letzten Jahrzehnten zu einem Weltstar aufgestiegen ist, bislang kein Thema gewesen zu sein.

Dabei weiß Abramović aus eigener Erfahrung nur zu gut, was es für Teenager bedeutet, wenn Begehren von Scham besetzt wird: "Mir wurde immer gesagt, dass Sex etwas Schmutziges ist, alles war verboten. Und ich fühlte mich unglaublich hässlich, ich war so eine Art schwarzes Schaf." Einen positiven Zugang zu Erotik fand sie nur allmählich, und erst als sie das 50. Lebensjahr längst überschritten hatte, konnte sie Sexualität voll und ganz genießen. Diese Selbstbefreiung möchte sie als Botschaft in die Welt senden und dazu ermutigen, mehr Risiken durch echte Begegnungen einzugehen, anstatt Lebenszeit im virtuellen Raum zu verschwenden. "Es ist uns ein existenzielles Bedürfnis, erotisch zu sein, wirklich Sex zu haben und sich am Leben zu fühlen."


Kunst als extreme Grenzüberschreitung: In "Dragon Heads" – in der Ausstellung als Video zu sehen – setzte sich Marina Abramovič eine Stunde lang hungrigen Pythonschlangen aus – Marina Abramović, Dragon Heads I, Chromogener Abzug, 1992 © Marina Abramović, Courtesy der Marina Abramović Archives / VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Die Künstlerin ist "komplett heterosexuell"

Abramović präzisiert in einem aktuellen Interview mit dem "Monopol-Magazin" ihre Haltung und macht deutlich, dass eine Frau für sie als erotisches Gegenüber nicht in Frage kommt. Sie sei "komplett heterosexuell", habe nie den Wunsch nach einer gleichgeschlechtlichen Beziehung verspürt und halte das auch für die Zukunft für unwahrscheinlich. Bemerkenswert ist dabei nicht, dass sie sich auf ihre sexuelle Orientierung beruft. Überraschend wirkt eher die resolute Grenzziehung einer Künstlerin, deren Werk von extremen Grenzüberschreitungen und einer Kraft der Transformation lebt – und, wie in ihrer neuesten Arbeit, von der Aufforderung, das Ego in kollektiven Ritualen zu überwinden.

"Es ist eine Sache, wenn du eine private Liebesbeziehung hast", sagt Abramović im Gespräch mit den beiden Kuratorinnen Jenny Schlenzka und Agnes Gryczkowska. "Aber das Erotische ist etwas anderes. Vor allem, wenn man etwas gemeinsam als Gruppenexperiment macht, wie ich es in 'Balkan Erotic Epic' vorschlage. Du öffnest diese erotische Seite deines Selbst dem Universum und machst es so öffentlich wie möglich."

Der Balkan als ein Ort voll heterosexueller Mythen

Mit Abramovićs universalem Anspruch an diese Schau drängt sich die Frage auf, ob diese kollektive Öffnung in Regionen wie dem Balkan auch Raum für gleichgeschlechtliches Begehren lässt. Vor allem in einem Rahmen, der von der gesellschaftlichen Macht über die Erotik handelt – einer Macht, die homosexuelle Beziehungen bis heute sanktioniert und vielleicht als Tabu auch braucht, um ihre Binarität aufrechtzuerhalten. In "Balkan Erotic Epic" ist von dieser Homophobie nichts zu sehen oder zu hören – als rosa Elefant im Raum ist sie jedoch allseits präsent.

Es spricht für Marina Abramović, dass sie mit ihrer neuesten Arbeit zwar wahr-, aber nicht allzu ernst genommen werden will und das Thema vor allem mit Ironie, Übertreibung und Humor angeht. Ihr monumentales Werk "Zaubertränke" besteht aus einem Wald erigierter Riesenpenisse vor dem Hintergrund einer Leinwand, auf der der Balkan als ein Ort voll heterosexueller Mythen erscheint. In dem Video wird unter anderem die Geschichte von einem Liebeszauber erzählt, bei dem eine Frau einen Fisch in ihre Vagina einführt und ihn über Nacht dort belässt, um ihn anderntags zu pulverisieren und dem Mann in den Kaffee zu mischen – damit er sie für immer liebt.


Installationansicht "Zaubertränke": Heteromythen im Peniswald (Bild: Axel Krämer)

Das klingt fast wie eine dekonstruierte St.-Olaf-Anekdote aus den "Golden Girls". Und tatsächlich erweist sich Abramović hier einmal mehr als eine begnadete Geschichtenerzählerin. Doch es hilft alles nichts: Die Ironisierung der Mythen lässt die Ausschlussmechanismen außer Acht, queere Körper bleiben in der Schau eine Leerstelle.

Die sexuelle Energie nicht genutzt

Dabei ist es keineswegs so, dass Abramović in ihrer Arbeit Homophobie und gleichgeschlechtliches Begehren schlichtweg übersehen würde – ganz im Gegenteil. In dem 2018 erschienenen Dokumentarfilm "Why are we creative?" wird sie neben einer Reihe von Prominenten darüber befragt, woraus sie ihre Kreativität schöpft. Am Rande des Interviews mit dem Filmemacher fühlt sie sich dazu genötigt, einen – wie sie es nennt – "schäbigen Witz" zu erzählen. Dessen Pointe legt nahe, dass sie das Tabu schwulen Begehrens künstlerisch durchaus auf dem Schirm hat:

"Sarajevo im Krieg. Es gibt nichts zu essen, kein Benzin, die Leute sitzen depressiv in den Bars. Und dieser Typ aus Bosnien kommt rein, in einem Armani-Anzug, mit Montblanc-Stift und einer Rolex am Arm. Er bestellt Champagner für alle. Als er gefragt wird, woher er das Geld hat, sagt er: 'Ich betreibe ein Bordell, jeder kommt zum Ficken. Russen, die Blauhelme, einfach jeder." Die Leute staunen und fragen: 'Wie viele Frauen arbeiten für Dich?' Daraufhin antwortet er: "Im Moment ist es nur ein Ein-Mann-Unternehmen."

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Vielleicht hätte "Balkan Erotic Epic" an Komplexität gewonnen, wenn die Pointe des Witzes als künstlerisch bearbeitetes Material mit eingeflossen wäre, kommt sie doch diesem Aspekt in dem Gespräch mit ihren Kuratorinnen sehr nahe: "Es ist wichtig, wie wir unsere sexuelle Energie nutzen. Wir können sie für Kreativität und spirituelle Belange einsetzen – oder wir unterdrücken sie, und dann verwandelt sie sich in Aggression, Krieg, Wut und Qual."

Hätte es der Gedanke nicht verdient, in der Ausstellung weitergedacht zu werden? Doch trotz dieser Leerstelle ist die Schau äußerst sehenswert.

-w-