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Literaturgeschichte
Dieses queere Buch sorgte 1904 für einen Skandal
Mit der Wiederveröffentlichung des Romans "Pijpelijntjes" von Jacob Israël de Haan leistet der Männerschwarm Verlag einmal mehr einen wichtigen Beitrag zur queeren Literaturgeschichte – und zugleich mehr als das.

Jacob Israël de Haan (1881-1924) verlor wegen seines 1904 veröffentlichen Romans "Pijpelijntjes" seinen Job als Lehrer und wurde aus der Sozialdemokratischen Partei der Niederlande ausgeschlossen (Bild: Männerschwarm Verlag)
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18. April 2026, 09:39h 3 Min.
Seit einigen Jahren erlebt das autofiktionale Schreiben ein Comeback. Inspiriert von gefeierten Autor*innen wie Annie Ernaux oder Didier Eribon erscheinen Halbjahr für Halbjahr unzählige Romane, in denen das Selbst seziert und in Beziehung zur Welt gesetzt wird. Doch neu ist die Autofiktionalität nicht, im Gegenteil. Vermutlich ist sie so alt wie das Schreiben selbst.
Die weit zurückreichende Traditionslinie des literarischen Stils wird dieser Tage einmal mehr durch die Wiederveröffentlichung eines lange in Vergessenheit geratenen Werkes in Erinnerung gerufen. Das von dem niederländischen Schriftsteller Jacob Israël de Haan verfasste Buch "Pijpelijntjes – Die Jahre mit Sam" (Amazon-Affiliate-Link ) erschien im Jahr 1904, und löste bereits kurz nach Erscheinen einen Skandal aus.
Explizität und Prüderie
Kein Wunder, schilderte es doch auf sehr explizite Art homosexuelle Handlungen und Beziehungen. Was sich bereits im Buchtitel widerspiegelt, der neben dem Amsterdamer Stadtviertel De Pijp – in dem die Geschichte spielt – auch auf das Wort "pijpen" (zu dt: blasen) anspielt. In der bürgerlichen Prüderie des beginnenden 20. Jahrhunderts geradezu eine Unerhörtheit.
In dem Werk erzählt de Haan die Geschichte des jungen Studenten Joop, der mit seinem Partner Sam zusammenlebt. Die beiden teilen sich ein Zimmer im Haus von Jouffrouw Bramer, einer liebenswürdigen Hauswirtin. Sie führen ein zwar bescheidenes, jedoch überwiegend glücklich erscheinendes Leben.
Zwischen Sadismus und Harmonie

"Pijpelijntjes – Die Jahre mit Sam" ist am 16. April 2026 im Männerschwarm Verlag erschienen
Getrübt wird ihr gemeinsames Glück von wiederkehrenden Anfällen Sams, der offensichtlich eine gewisse Freude aus der Qual seiner Mitmenschen zieht. Mal kneift er seinen Freund und fügt ihm damit so starke Schmerzen zu, sodass dieser anfängt zu weinen. Mal ertränkt er einen Hund, weil dieser ihn zuvor genervt hat.
Doch diese Phasen währen stets nur kurz, und werden immer wieder abgelöst von einer ansteckenden, mitunter geradezu naiv erscheinenden Harmonie der beiden Freunde. Auffällig ist dabei, mit welcher Selbstverständlichkeit sie ihre Liebe ausleben. So gibt es keine Stelle im Buch, die auf ein Versteckspiel der beiden hindeutet.
Weit entfernt von einer queeren Utopie
Zugleich wird die Partnerschaft nach außen nicht klar kommuniziert, sodass im Verlauf des Buches unklar bleibt, ob, und falls ja, was die Mitmenschen der beiden von ihrer für jene Zeit durchaus ungewöhnlichen Beziehung mitbekommen. Doch gerade darin liegt ein besonderer Reiz von "Pijpelijntjes", weil es – anders als das Gros queerer Liebesgeschichten – eben nicht den Fokus richtet auf Coming-outs und die damit einhergehenden Probleme.
Dennoch aber ist das Werk weit entfernt von einer queeren Utopie. Was spätestens zum Ende des Buches deutlich wird, als Sam die Beziehung mit Joop zugunsten einer gesellschaftlich konform erscheinenden heterosexuellen Verbindung beendet. Joop aber hält an seinem Verlangen fest, und trifft sich fortan mit anderen Jungs. "Ich glaube jetzt", so sagt er an einer Stelle, "dass es falsch ist, gegen seine Natur anzukämpfen. Lass einfach alles seinen Gang gehen". Ein rührendes, kaum verklausuliertes Plädoyer für queere Emanzipation.
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Queere Emanzipationsgeschichte – und große Literatur
Nach Erscheinen des Werkes gab es zahlreiche Kontroversen um das Buch. Infolgedessen verlor Jacob Israël de Haan nicht nur seinen Job als Lehrer, sondern schließlich auch seine Mitgliedschaft in der Sozialdemokratischen Partei der Niederlande. Was aus heutiger Sicht schwer nachvollziehbar erscheint, unterstreicht in der Retrospektive umso deutlicher, dass er seiner Zeit mit "Pijpelijntjes" weit voraus war.
So ist das Werk einerseits ein bedeutendes künstlerisches Zeugnis queerer Emanzipationsgeschichte – und zugleich weit mehr als das: ein kleines Stück große Literatur, das auch gut 120 Jahre nach Ersterscheinen mitsamt seiner klaren, bildreichen Sprache noch mitzureißen vermag.
Jacob Israël de Haan: Pijpelijntjes – Die Jahre mit Sam. Bibliothek rosa Winkel, Band 86. Übersetzt von Olaf Knechten. 216 Seiten. Männerschwarm Verlag. Berlin 2026. Gebundene Ausgabe: 24 € (ISBN 978-3-86330-086-8)
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