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Buchtipp
So erfüllend kann ein Jahr ohne Dating und Sex sein!
In ihrem Buch "The Dry Season" schreibt die lesbische Autorin Melissa Febos über ihr freiwilliges Zölibat – und tritt dabei in einen vielstimmigen Dialog mit feministischen Denkerinnen und historischen Figuren.

Melissa Febos, geboren 1980 in Massachusetts, ist Autorin und Dozentin für Nonfiction-Writing an der University of Iowa. Sie hat zahlreiche Preise und Stipendien erhalten und wurde für ihren Essayband "Girlhood" mit dem National Book Critics Circle Award ausgezeichnet (Bild: Beowulf Sheehan)
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19. April 2026, 10:42h 5 Min.
Für Melissa Febos war Dating lange nichts anderes als Sucht – ein unbewusster Konsum, schnell, beiläufig, wie Popcorn, das man gedankenverloren in sich hineinschaufelt, ohne je wirklich zu schmecken, was man da eigentlich zu sich nimmt. Und doch bleibt eine ambivalente Erinnerung: nicht zuletzt, weil die Trennungen oft hart, eklig, von Ausweichbewegungen und plötzlichem Verschwinden geprägt waren, Brüche, die weniger abgeschlossen als abgebrochen wirkten und sie innerlich jedes Mal ein Stück weit zerstörten. "Ich hatte die weichsten Stellen der Frauen liebkost und sie zu einem Sakrament erhoben, das so heilig war wie das Blut und der Leib eines Heilands. Ich möchte keine Sekunde davon missen. Ich möchte es aber auch nicht noch einmal erleben."
Also zieht Febos die Reißleine – zunächst für drei Monate, dann für ein ganzes Jahr. Kein Sex, keine romantischen Beziehungen. Doch dieser Entschluss ist weniger ein asketisches Programm als ein radikaler Perspektivwechsel: weg vom Anderen als Spiegel, hin zum Selbst als unerforschtes Terrain. Es geht nicht um moralischen Verzicht, sondern um Aufmerksamkeit. Nicht um Disziplin, sondern um eine neue Form von Intimität – mit sich selbst. Und ja, "The Dry Season" (Amazon-Affiliate-Link ) bewegt sich dabei manchmal in Schleifen, tastet sich langsam voran, verweilt. Aber gerade darin entfaltet es seine Sogkraft: als schonungslos ehrliche, kluge und überraschend zärtliche Selbstbefragung.
Liebessuche als destruktive Abhängigkeit

Melissa Febos' Buch "The Dry Season" ist im Februar 2026 auf Deutsch im Eichborn Verlag erschienen
In dem programmatisch untertitelten Buch – "Was ich in einem Jahr ohne Sex über Liebe und Begehren gelernt habe" – beschreibt Febos ihre Liebessuche immer wieder als destruktive Abhängigkeit. Eine Dynamik, in der sie ihren Selbstwert an die Körper und Blicke ihrer Liebhaberinnen bindet, in der Alleinsein nicht Leere, sondern Bedrohung bedeutet. Sie nennt sich selbst eine Süchtige in den Fängen der "einzigen Notwendigkeit" des Verliebtseins. Beziehungen dauern selten lange, enden abrupt – manchmal nicht einmal durch Trennung, sondern durch Ghosting, durch das plötzliche Verschwinden zugunsten der nächsten Begegnung. Ihre Heroinsucht hat Febos überwunden; geblieben ist eine andere, gesellschaftlich weit akzeptiertere Obsession: die nach Begehren, nach Bestätigung, nach Verschmelzung.
Schonungslos präzise wird sie, wenn sie dieses Muster als "Sexstaubsaugerroboter" beschreibt: ein Begehren, das mechanisch funktioniert, das andere Menschen erfasst, benutzt, weiterschiebt. Die Ekstase, die darin liegt, ist egoistisch – ein Zustand, in dem das Gegenüber zum Objekt wird. Auch das Bedürfnis, von anderen unbedingt gemocht werden zu wollen, erkennt sie als eine Form emotionaler Nutzung, die sie sich erst im Nachhinein eingesteht.
Enthaltsamkeit als bewusster Aushandlungsprozess
Ihr Zölibat folgt dabei keinen rigiden Regeln, sondern einem bewussten Aushandlungsprozess. Selbstbefriedigung bleibt erlaubt – es geht nicht um die Unterdrückung von Verlangen, sondern um die Unterbrechung von Mustern. "In der Einsamkeit öffnet sich der Körper, ähnlich wie bei der Selbstbefriedigung. Aber wem oder was öffnete ich mich, wenn nicht einem anderen Menschen?", fragt sie. Es ist eine Frage, die den introspektiven Raum des Begehrens neu vermisst.
Die Frau, die einst als Domina arbeitete, die als Kellnerin das Spiel der Verführung perfektionierte, verlangsamt sich: High Heels werden gegen Turnschuhe getauscht, die Nacht gegen den stillen Abend mit einem Buch. Diese Verschiebung wirkt unspektakulär – und ist doch radikal. Febos beginnt, eine Inventur ihres eigenen Begehrens vorzunehmen: ehrlich, ungeschönt, später einer vertrauten Person gebeichtet, um Selbsttäuschungen zu entlarven und Muster sichtbar zu machen.
"Im Zölibat fühlte ich mich so nass wie seit Jahren nicht"
Denn Erkenntnis allein genügt nicht. "Ich konnte wählen, und zwar etwas anderes. Das wusste ich jetzt, denn ich hatte es getan", schreibt sie. Veränderung bedeutet Entscheidung – und die Bereitschaft, diese Entscheidung auch zu leben. Dabei öffnet sich ihre Reflexion immer wieder ins Transzendente: Reiner Wille erscheint ihr als zu hart, zu mechanisch. Was sie sucht, ist eine andere Form von Verbindung, eine, die über das bloße Funktionieren hinausgeht.
Am Ende beschreibt sie diese Zeit der Enthaltsamkeit als die fruchtbarste seit ihrer Kindheit. Eine paradoxe Umkehrung: Verzicht als Fülle. "Im Zölibat fühlte ich mich so nass wie seit Jahren nicht." Die frühere Anbetung der Geliebten erscheint rückblickend als Austrocknung des eigenen Selbst – als ein Zustand, in dem das eigene Innere immer weiter verengt wurde. Febos findet dafür ein eindrückliches Bild: den Zugang zum eigenen Herzen auf die Breite einer einzigen Person zu reduzieren, sei "durch ein Schlüsselloch in ein einziges Zimmer zu spähen, statt sich umzudrehen und mit der Welt auseinanderzusetzen".
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Autobiografische Episoden und kulturhistorische Recherchen
Formal entfaltet sich "The Dry Season" als dichtes, essayistisches Geflecht. Febos schreibt klar, hart, reflektiert – und verliert dabei nie das Bewusstsein für ihre eigene privilegierte Position als weiße, normschöne lesbische Frau innerhalb feministischer Diskurse. Sie verschränkt autobiografische Episoden mit kulturhistorischen Recherchen, legt Zeiten übereinander, integriert fremde Geschichten, um wiederkehrende Muster sichtbar zu machen.
Dabei tritt sie in einen vielstimmigen Dialog mit feministischen Denkerinnen und historischen Figuren: mit Virginia Woolf, Sappho, Hildegard von Bingen, mit den Beginen. Gerade letztere werden zu einer überraschenden Referenz: religiöse Laiengemeinschaften des Mittelalters, für die Keuschheit kein Mangel, sondern ein Ausweg war – ein Bruch mit einer männerdominierten Ordnung, in der Frauen auf Ehe und Mutterschaft reduziert wurden. Der Verzicht wird hier zur Praxis von Freiheit.
Und doch ist dieses Buch, bei aller Analyse, bei aller theoretischen Durchdringung, auch etwas anderes: eine leise Ode an die kreative Ekstase. An die Möglichkeit, sich nicht im Anderen, sondern in der Kunst aufzulösen. Febos führt zurück in ihre Kindheit, in jene Zeit, in der sie Literatur verschlang, in Geschichten verschwand – und die Welt gleichzeitig in sich aufnahm. Vielleicht ist das die eigentliche Bewegung dieses Buches: weg von der Sucht nach dem Anderen, hin zu einer Form von Hingabe, die nicht verbraucht, sondern erweitert.
Melissa Febos: The Dry Season. Was ich in einem Jahr ohne Sex über Liebe und Begehren gelernt habe. Übersetzt von Eva Bonné. 368 Seiten. Eichborn Verlag. Köln 2026. Gebundenes Buch: 22 (ISBN 978-3-8479-0228-7). E-Book: 19,99 €
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