Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?57645

Kinostart

Neustart dank eines bisexuellen Polizisten

Das französische Drama "Zwischen uns das Meer" über einen illegalen Einwanderer aus Marokko erzählt feinfühlig vom schwierigen Leben und allmählichen Ankommen in der Fremde.


Polizist Serge (Grégoire Colin, r.) lässt den illegalen Einwanderer Nour (Ayoub Gretaa) mehrfach laufen (Bild: ImmerGuteFilme)

Als der Polizist Serge (Grégoire Colin) den jungen illegalen Einwanderer Nour (Ayoub Gretaa) zum ersten Mal in den Straßen von Marseille aufgreift, besteht letzterer darauf, ein portugiesischer Tourist zu sein, dem sein Rucksack samt Ausweis geklaut worden ist. Serge glaubt ihm kein Wort, lässt ihn aber dennoch gehen.

Ein paar Wochen später sitzt Nour wieder auf der Polizeiwache vor Serge, doch diesmal ist diesem nach einer Razzia auch Nours marokkanischer Pass in die Hände gefallen. Weil lügen nichts mehr hilft, bittet Nour um Gnade und muss verunsichert hinnehmen, wie Serge ihm mal roh, mal zärtlich über Gesicht und Hals streicht. Doch schließlich verbrennt der Polizist vor Nours staunenden Augen seinen Pass, was es den Behörden verunmöglicht, seine Identität als Illegaler zu beweisen. Erneut lässt Serge ihn gehen.

Ein Polizist voller Überraschungen


Poster zum Film: "Zwischen uns das Meer" startet am 23. April 2026 bundesweit im Kino

Ihre dritte Begegnung findet nicht auf der Polizeiwache statt, sondern bei Serge zu Hause. Der Polizist hat Nour zufällig bewusstlos auf der Strasse gefunden, eingesammelt und heimgebracht zu seiner Frau Noémie (Anna Mouglalis) und seinem Sohn Ugo (Max Garcia) – sie sind es auch, die ihn begrüßen, als er zu sich kommt und sich verwirrt umsieht. Zuvor hatte er aus einer Telefonzelle mit seiner Mutter in Marokko telefoniert und sich während des Gesprächs so über ihre verbohrte Haltung geärgert, dass er vor Wut mit dem Kopf gegen die Zelle schlug und ohnmächtig wurde. Erst als schließlich Serge das Zimmer betritt, ist Nour klar, bei wem er da gelandet ist – und er kann noch immer nicht recht glauben, dass der Polizist ihm tatsächlich helfen will.

Aber nicht nur verrät dieser ihn weiterhin nicht bei den Behörden, er und Noémie, eine Bankdirektorin, bieten ihm ein Zimmer an, damit er sich nicht mehr auf der Straße und mit Gelegenheitsjobs durchschlagen muss. Doch damit nicht genug der Überraschungen: Serge nimmt ihn eines Abends mit in einen queeren Club, wohl auch in der Hoffnung, so mit Nour anbändeln zu können. Dieser jedoch wehrt einen Annäherungsversuch freundlich, aber bestimmt ab, worauf Serge im Club mit einem anderen Mann tanzt und dann mit ihm auf ein Zimmer verschwindet.

Aus Fremdheit wird Freundschaft

So fremd Nour dieses Land und seine Menschen sind, so fremd ist ihm auch Serges Neigung zu Männern – und die unkonventionelle offene Beziehung, die Serge und Noémie ganz selbstverständlich führen. Und dennoch entsteht zwischen den dreien nach und nach eine echte, tiefe Freundschaft: Plötzlich hat Nour neben seinen Freund*­innen aus der marokkanischen Diaspora, die alle unter mehr oder weniger prekären Umständen leben, zum ersten Mal so etwas wie einen stabilen Halt in der sonst so schwierigen, oft ablehnenden französischen Gesellschaft. Es ist der zaghafte Start in ein neues Heimatgefühl. Doch wie das Leben so spielt, wirbelt dann ein Schicksalsschlag alles durcheinander.

Direktlink | Offizieller deutscher Trailer
Datenschutz-Einstellungen | Info / Hilfe

Saïd Hamich Benlarbis feinfühliges Einwanderer*­innen-Drama "Zwischen uns das Meer" (im Original "La mer au loin") beginnt 1990 und deckt ein ganzes Jahrzehnt ab, durch das wir die Schicksale der Haupt- und mehrerer Nebenfiguren verfolgen – stets begleitet von der Musik des Raï, die für die nordafrikanischen Einwander*­innen in Marseille damals Freude und melancholische Sehnsucht zugleich verkörperte. Der in Marokko geborene Filmemacher hat in seinem Drehbuch eigene Migrationserfahrungen verarbeitet und setzt sich auf verschiedene Weise mit der Fremde und Fremdheit auseinander – mit der Herausforderung, sich eine neue Heimat, eine neue Identität aufzubauen.

Nicht allen seinen Figuren gelingt dies gleich gut. Auch Nour hadert immer wieder, obwohl er in vielerlei Hinsicht Glück hat. Und als er bei einer Reise in die alte Heimat zu seiner Familie feststellen muss, dass ihm dort alles mittlerweile noch viel fremder ist als in Marseille, wird ihm gleichzeitig klar, dass er gar keine andere Wahl hat, als sich Frankreich zu seiner neuen Heimat zu machen.

Die Queer-Kollekte
Die queere Community braucht eine starke journalistische Stimme – gerade jetzt! Leiste deinen Beitrag, um die Arbeit von queer.de abzusichern.
Jetzt unterstützen!

Inspiriert von queeren Filmemachern

Die persönlichen Dramen seiner Figuren waren Benlarbi dabei mindestens so wichtig wie das Migrationsthema, wie er in einem Interview sagte. Dabei sei er von legendären Filmemachern wie Douglas Sirk, Todd Haynes und Rainer Werner Fassbinder inspiriert worden – allesamt wichtige Regisseure des queeren Kinos.

"Ich wollte die Geschichte des Exils auf eine intime Weise erzählen, wie sie sich im Verhältnis zu anderen definiert. Ich wollte die Figuren nicht auf ihre Funktionen reduzieren", erklärt Benlarbi. "Für mich ist es eine schöne Vorstellung, dass unsere Identität im Exil von jenen Menschen geprägt wird, denen wir dort begegnen."

Auf diese Weise lernt Nour durch Serge auch die für ihn fremde queere Welt kennen – und obwohl er selbst nicht zu ihr gehört, akzeptiert er sie mit der Zeit nicht nur, sondern lernt auch, sich entspannt in ihr zu bewegen. Benlarbi war wichtig, dass seine Figuren nicht durch ihre Identität als Migrant*innen oder durch ihre Sexualität definiert werden, sondern das Publikum im Verlauf der Erzählung immer wieder überraschen. "Ich hoffe, dass der Film all jene anspricht, die umziehen und neu anfangen mussten – denn sie alle sind durch diesen Prozess gegangen, sich im Exil eine neue Identität aufzubauen."

Infos zum Film

Zwischen uns das Meer. Drama. Frankreich, Katar, Marokko, Belgien 2024. Regie: Saïd Hamich Benlarbi. Cast: Ayoub Gretaa, Anna Mouglalis, Grégoire Colin, Omar Boulakirba, Rym Foglia. Laufzeit: 112 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 12. Verleih: ImmerGuteFilme. Kinostart: 23. April 2026
-w-