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Ab Donnerstag im Kino
Wenn das Private nur noch als Content existiert
Luca wächst in einer Daueröffentlichkeit auf, die keine Rückzugsräume kennt: In seinem satirischen Drama "Babystar" zeigt Regisseur Joscha Bongard die Abgründe des Family-Influencing.

Wenn alle am Tisch sitzen, aber niemand da ist: Szene aus "Babystar" (Bild: Jakob Fliedner)
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20. April 2026, 06:50h 3 Min.
Luca kriecht, von den Albträumen fremder Kinder in ihrem Bett heimgesucht, zu ihren Eltern unter die Decke. Eben noch hatten Stella und Chris Sex – einer jener seltenen intimen Momente in "Babystar". Dann klatscht der Vater zweimal in die Hände, das Licht erlischt, und mit einem schiefen Lächeln sagt er: "Falls wir uns heute nicht mehr sehen: Good afternoon, good evening, and good night." Dieser Satz – eine unüberhörbare Referenz an "Die Truman Show" – legt den Film augenblicklich offen: als Versuchsanordnung, als Bühne, als hermetisch abgeschlossene Welt, in der Luca nicht lebt, sondern ausgestrahlt wird.
Regisseur Joscha Bongard knüpft mit seinem Diplomfilm an seinen dokumentarischen Blick aus "Pornfluencer" an – ein Film, der bereits die Ökonomisierung von Intimität im digitalen Raum seziert hat. "Babystar" führt diese Beobachtung nun ins Fiktionale weiter. Lucas Eltern, Stella und Chris, betreiben den millionenfach abonnierten Account @our_bright_life. In dieser Ökonomie der Intimität wird alles verwertet: Ultraschallbilder, erste Körperfunktionen, Aufklärungsgespräche – das Private existiert nur noch als Content, das Intime nur als Währung. Luca wächst in einer Daueröffentlichkeit auf, die keine Rückzugsräume kennt.
Kein plumper Abgesang auf "die Gen Z"

Poster zum Film: "Babystar" startet am 23. April 2026 im Kino
Und doch ist "Babystar" kein plumper Abgesang auf "die Gen Z". Im Gegenteil: Der Film verschiebt die Perspektive. Während die Eltern sich in der Logik von Reichweite und Selbstoptimierung verlieren, ist es Luca, die keine Sprache für sich selbst entwickelt hat – die nicht gelernt hat, ihre eigenen Grenzen zu hören, geschweige denn zu artikulieren. Wenn sie im Pool steht, während ihre Eltern auf Liegestühlen durch Feeds scrollen, ist das kein stilles Aufbegehren, sondern ein offenes Flehen nach Sichtbarkeit – eines, das schließlich eskaliert, als sie den Laptop ins Wasser schleudert, als ließe sich Aufmerksamkeit erzwingen, wenn schon nichts anderes mehr durchdringt.
Wie fein dieser innere Riss gezeichnet ist, liegt maßgeblich an Maja Bons als Luca Sommer: Sie spielt die Zerrissenheit eines Mädchens, das sich hinter einer perfekt einstudierten Oberfläche verbirgt, mit einer fast schmerzhaften Zurückhaltung. Bea Brocks und Liliom Lewald hingegen geben Stella und Chris eine irritierende Doppelbewegung: performativ nahbar, fast kumpelhaft – und zugleich durchdrungen von Kontrolle, Bevormundung, einem latenten Überwachungsblick, der nie abschaltet.
Der Blick in die Kamera als Geste der Selbstvermarktung
Formal übersetzt der Film diese Kälte in eine präzise, unheimliche Ästhetik: weite, sterile Totalen eines Hauses, das mehr Set als Zuhause ist; dumpfe, dissonante Klangflächen; immer wieder Bildschirme, Interfaces, Überwachungsperspektiven. Luca, die ihre Eltern über Sicherheitskameras beobachtet, wird selbst zur Beobachterin in einem System, das sie zugleich verschlingt.
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Nicht jede satirische Zuspitzung trifft dabei ins Schwarze. Manches wirkt etwas zu didaktisch, zu sehr auf Pointe gebaut – etwa wenn Luca ein Gespräch über ihre schlaflosen Nächte mit dem mantraartigen Aufsagen von Produktnamen wie "Softening Toner" abwehrt und die Mutter sofort in diese absurde Werbespirale einsteigt. Oder wenn die Entwickler*innen eines KI-Avatars mit beinahe religiösem Pathos von "echter Interaktion" sprechen, während sie gerade deren vollständige Simulation vorbereiten.
Vielleicht hätte das Ende noch konsequenter, noch radikaler sein dürfen. Denn was hier verhandelt wird, ist mehr als ein Familiendrama: Es ist die Frage, wie Subjektivität unter Bedingungen totaler Sichtbarkeit überhaupt noch entstehen kann. Wenn selbst der Blick in die Kamera – im Moment größter körperlicher Verausgabung – zur Geste der Selbstvermarktung wird, bleibt offen, ob es überhaupt noch ein Außen gibt. "Babystar" stellt diese Frage nicht laut, aber insistierend. Und genau deshalb wirkt er nach.
Babystar. Spielfilm. Deutschland 2025. Regie: Joscha Bongard. Cast: Maja Bons, Bea Brocks, Liliom Lewald. Laufzeit: 98 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. FSK 12. Verleih: Across Nations. Kinostart: 23. April 2026
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