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Buchtipp
Wie der trans Aktivismus Mitte der 1980er Jahre seine Fahrt aufnahm
Es war eine Zeit des Aufbruchs: In ihrem neuen Buch "Transidentitas" erzählt Niki Trauthwein die lehrreiche Geschichte eine der frühen Organisationsformen der trans Selbsthilfe in der Bundesrepublik.

Ein vielleicht etwas irritierendes Symbolbild: Die Trans-Fahne, wie wir sie heute kennen, wurde erst 1999 erfunden – also lange nach der Gründung des Transidentitas e.V. (Bild: karohubert / unsplash)
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25. April 2026, 08:55h 4 Min.
Was wissen wir über die Geschichte von trans, über die Geschichte, die von unseren Anerkennungskämpfen handelt? Wie kam die Community dahin, wo sie heute steht? Wer waren diejenigen, die vor uns für die rechtliche und soziale Anerkennung kämpften? Ich fürchte, die meisten von uns kennen wahrscheinlich nur, was ihre ganz persönliche Geschichte ausmacht. Das ist kein Vorwurf, denn bislang blieb die Erzählung der trans Liberation ungeschrieben. Woher soll also das Wissen kommen, wenn es nicht verfügbar ist?
Doch das ändert sich allmählich. So ist jetzt ein Buch im LIT Verlag (Amazon-Affiliate-Link ) erschienen, das einen wichtigen Mosaikstein zur trans Geschichte liefert. Die Autorin Niki Trauthwein, bekannt als ehemalige Leiterin des leider nicht mehr zugänglichen Lili-Elbe-Archivs in Berlin (nicht zu verwechseln mit der online zugänglichen Lili-Elbe-Bibliothek, dem derzeit wohl bestsortiertesten trans Archiv hierzulande), hat sich dem trans Aktivismus der 1980er und 1990er Jahre gewidmet und ist dafür tief ins Archiv eingestiegen. Das Resultat: Wir können auf rund 450 Seiten jetzt nachlesen, wie der trans Aktivismus damals in Frankfurt am Main Mitte der 1980er Jahre seine Fahrt aufnahm.
Eine hochprofessionelle trans Interessenvertretung

Das Buch "Transidentas" ist Anfang April 2026 im LIT Verlag erschienen
Zunächst war das eine Selbsthilfegruppe in einem damals noch recht übersichtlichen trans Netzwerk in der Bundesrepublik, initiiert von Cornelia Klein. Doch innerhalb weniger Jahre entstand daraus ein für damalige Verhältnisse hochprofessionelle trans Interessenvertretung unter dem Namen Transidentitas. Schon der Name signalisierte, dass hier etwas Neues entstanden war, denn er distanzierte sich offen von der gängigen Bezeichnung Transsexualität und transsexuell. Das schlagende Argument: Es gehe bei trans um die geschlechtliche Identität und nicht um Sexualität. Letztere spielt zwar auch eine Rolle, aber trans Menschen beanspruchen die gleiche Palette an sexuellem Begehren wie der Rest der Menschen. Ja, es ging um nichts Geringeres, als gemeinsam, Neues zu wagen.
Zur Professionalität von Transidentitas gehörten neben den regelmäßigen Gruppentreffen auch jährlich organisierte Tagungen, die in guten Jahren bis zu 400 Besucher*innen nach Frankfurt/Main lockten. Hinzu kam die Aufklärungsarbeit in Richtung Mehrheitsgesellschaft und selbstredend die politische Lobbyarbeit. Zum Angebot gehörten eine regelmäßig erscheinende Vereinszeitung, die den Namen des Vereins trug, und eine Reihe von Broschüren, die aktuelles Wissen über trans vermittelten. Bevor es 1999 zur Gründung von TransMann e.V. in Köln kam, gab es bereits eine Arbeitsgruppe trans Männer bei Transidentitas und war also auch in dieser Hinsicht eine Art Vorreiter.
Eine gut zehnjährige Erfolgsgeschichte
Diese gut zehnjährige Erfolgsgeschichte des trans Aktivismus aus den 1990er Jahren hat Trauthwein detailliert erforscht und das Ergebnis ihrer Recherche in Buchform gebracht und sie so dem Vergessen entrissen. Wer wissen will, wie vor dreißig Jahren trans Diskurse geführt wurden, wie Lebenswirklichkeiten und Selbstverständnisse aussahen, der erhält hier eine umfassende Antwort und dazu im Anhang eine Reihe von Dokumenten wie Vereinssatzungen und Protokolle. Die Lektüre vermittelt ebenso, wie sehr sich die trans Community seither verändert hat, wie divers sie geworden ist.
Trauthweins Resümee:
Die historische Analyse dieser Organisationskulturen eröffnet damit einen wertvollen Zugang, um die heutigen Konfliktlinien und Solidaritätspotentiale innerhalb transgeschlechtlicher Communities besser zu verstehen. Sie macht deutlich, dass Differenzen und sogar Abspaltungen nicht zwangsläufig als Schwäche einer Bewegung gelesen werden müssen. Vielmehr können sie Ausdruck dafür sein, dass soziale Bewegungen lebendig sind.
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Eine Zeit des Aufbruchs
Es war offenkundig eine Zeit des Aufbruchs, die allerdings auch vor Augen führt, dass solche Zeiten auch Menschen brauchen, die ihre Energie und ihren Willen einbringen, damit etwas entsteht und sich entwickelt. Cornelia Klein war so eine Persönlichkeit mit lauter großen Plänen.
Eine Geschichte zu besitzen, ist nicht nur identitätsstiftend, sie verschafft uns so etwas wie Integrität und schließlich noch die Gewissheit, dass es uns nicht zufällig gibt. Ich bin zuversichtlich, dass unsere Geschichte über kurz oder lang Teil unseres Selbstbewusstseins sein wird. Die trans Geschichtsforschung findet heute an vielen Orten statt – und das ist wirklich gut so. Wir werden dann wissen, woher wir kommen und welche Kämpfe nötig waren, um geschlechtliche Selbstbestimmung zu erreichen und schließlich wer diese Kämpfe mit ausgefochten hat.
Niki Trauthwein: Transidentitas. Geschichte und Geschehen des Vereins für Menschen mit abweichender Geschlechtsidentität. 470 Seiten. LIT Verlag. Münster 2026. Paperback: 49,90 € (ISBN 978-3-643-25237-1)
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