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Buchtipp

Bibel-Gesänge und triefend nasse Rugby-Körper

Im neuen Roman "John of John" von Booker-Preisträger Douglas Stuart bleibt dem jungen, queeren, mittel- und obdachlosen Protagonisten Cal nichts anderes übrig, als in sein religiöses Elternhaus auf einer kargen schottischen Insel zurückzukehren.


Für seinen ersten Roman "Shuggie Bain" erhielt Douglas Stuart den Booker Prize 2020. Zuletzt erschien von ihm 2023 "Young Mungo" (Bild: IMAGO / opale.photo / Mathieu Bourgois)

Cal drückt sich den Hörer ans Ohr, der Regen prasselt gegen die Scheiben der Telefonzelle, und der Junge singt mit seinem Vater Psalmen. Ihm knurrt der Magen und spürt noch die Couch im Rücken, auf der er mal wieder bei Freunden notnächtigen konnte. Während die strenge Stimme seines Vaters knarzt aus der Heimat, versucht Cal, die nassen Rugbyspieler auf dem Sportplatz vor der Telefonzelle nicht zu sehr anzustarren.

In Douglas Stuarts neuem Roman "John of John" (Amazon-Affiliate-Link ), der gerade im Hanser Verlag erschienen ist, herrscht eine beunruhigende, geradezu mystische Stimmung, in der alles gleichzeitig passiert: Körper und Glaube, Begehren und Scham, Intimität und Verbot. Bibel-Gesänge und triefend nasse Rugby-Körper. Verpackt in berührende Szenen wie den Telefonzellen-Moment, der das Buch eröffnet, schiebt der Autor seine Themen so ineinander, dass es schwerfällt, den Wälzer (immerhin 560 Seiten!) wegzulegen.

Arbeit, die sich in den Körper einschreibt


Der Roman "John of John" ist am 21. April 2026 bei Hanser Berlin erschienen

"John of John" ist ein Roman, der seine Figuren nicht übermäßig psychologisiert, sondern sie arbeiten lässt – im wörtlichen Sinn. Weben, schlachten, putzen. Nachdem der junge Cal aus der presbyterischen Enge seines Elternhauses nach Edinburgh geflüchtet war, muss er sich zu Beginn des Buches mehr übel als wohl seine Niederlage eingestehen und kehrt mittel- und obdachlos zurück. Auf die Hebriden, karge Inseln vor der Nordwestküste Schottlands. Um dort eben bei der harten Arbeit mit anzupacken.

Die Arbeit liefert "John of John" die Struktur. Sie formt Körper, Beziehungen und auch die Sprache. Wenn die Hände aufreißen vom Garn, wenn Cal nachts am Webstuhl sitzt und die Meter in Geld umrechnet.

Douglas Stuart ist ein begabter Erzähler. Die Szenen, die er schreibt, setzen sich fest und bleiben noch lange im Kopf. Die Fahrt über den Minch, die schottische Meerenge, etwa. Nass, schwankend, mit einem Protagonisten, der auf Ecstasy zurück in ein Leben fährt, das er nicht will. In das die Welt ihn aber zurückzudrängen scheint. Die Begegnung mit Doll am Anleger, die von alter Vertrautheit in verletzte Kälte kippt.

Liebe für die Grobheit

Auch schon der letzte Roman des Autors, "Young Mungo" (2023), zeichnete sich durch eine wunderbare Zärtlichkeit im Umgang mit den Figuren aus. Douglas Stuart schickt seine Figuren auf schwere und auch schwer zu ertragende Pfade. Die Nähe, mit denen er ihnen folgt, ihr Schicksal erzählt, ist auf der einen Seite schonungslos. Doch auf der anderen Seite ist sie sehr liebevoll. Oft liegen Grausamkeit und Zärtlichkeit nah beisammen.

Anders als der letzte Roman, ist "John of John" aber noch konzentrierter und karger. Die Abgeschiedenheit der schottischen Hebriden mit ihren stürmischen Landschaften wird zu einem System der Enge und Beklemmung für die queere Seele Cal, der doch in die Welt wollte.

Zurück in der Heimat, findet er sich zerrissen zwischen Klasse, Religion und Queerness. Armut ist hier ökonomisch und sozial: Jede*r kennt jede*n, jede*r beobachtet jede*n. Religion ist gleichzeitig Trost und Disziplinierung: Sie strukturiert Zeit, Körper und Sprache. Und Queerness ist permanenter Konfliktzustand. Sie kann nicht gelebt werden, ohne alles andere zu gefährden. Dem streng religiösen Vater kann Cal sich nicht offenbaren.

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Queerness als permanenter Konfliktzustand

"John of John" ist präzise erzählt. Etwa wenn Cal von seinem ersten schwulen Kontakt gerade nicht spricht, während sein Vater aus der Bibel vorliest. All die Gespräche, die nicht geführt werden, weil sie nicht geführt werden können, klingen immer mit. Wer sprechen darf, worüber gesprochen werden darf, wie gesprochen werden darf, wird selbst zu einer Machtfrage. Gälisch als intime, aber kontrollierende Sprache des Vaters. Englisch als Distanz und als Ausbruch.

Die deutsche Übersetzung von Sophie Zeitz, die auch schon "Young Mungo" übertragen hat, trägt über weite Strecken sehr gut. Die Körperlichkeit, die Härte, der Rhythmus der Dialoge sind gut übersetzt. Gerade die Wechsel zwischen Gälisch und Englisch, werden sinnvoll markiert, ohne künstlich zu wirken. Leider ist der Titel nicht übersetzt worden. "John of John" ist schließlich nicht selbsterklärend. Gemeint ist die genealogische Formel – "John, Sohn von John -, die Identität vor allem über Herkunft definiert. Cal ist nur ein Glied in der Kette seiner Vorväter. Das Leben geht immer weiter, ein Neubeginn wäre das Sprengen der Kette. Es wäre schön gewesen, wenn da zumindest ein Versuch unternommen worden wäre, diese Bedeutung ins Deutsche zu übertragen.

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Eine Rückkehr in die Vergangenheit

Und vielleicht liegt hier auch der Punkt, an dem "John of John" zumindest vorsichtig kritisiert werden kann. So stark dieser Roman ist, so sehr er beim Lesen in seinen Bann zieht, so konsequent er seine nasse brutale schottische Welt baut, er ist doch eine Rückkehr. Wie auch Cals Heimkehr ist auch der Roman eine Rückkehr in eine Vergangenheit, in eine vormoderne Struktur, in eine Welt ohne digitale Zeit, ohne die Zerstreuung und Brüche der Gegenwart.

Natürlich ist das Teil des Konzepts, aber zumindest leise meldet sich die Frage, was es mit dieser Sehnsucht nach der Vergangenheit auf sich hat. Denn auch wenn die Themenlandschaft von "John of John" durchaus Verbindungen zum Jetzt hat, so ist das Buch doch kein Roman der akuten Gegenwart. Doch vielleicht liegt genau darin die Attraktivität. Dass er in Räume zurückgeht, in denen alles dichter, härter, unmittelbarer ist. Dass ein Bedürfnis nach Klarheit und eindeutigen Konflikten bedient wird. Eine Form von Gegenwartsflucht, die im Gewand der Ernsthaftigkeit daherkommt.

Infos zum Buch

Douglas Stuart: John of John. Roman. Übersetzt aus dem Englischen von Sophie Zeitz. 560 Seiten. Hanser Berlin. Berlin 2025. Hardcover: 26 € (ISBN 978-3-446-28582-8). E-Book: 19,99 €

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