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Interview
"Sie ist keine Revolutionärin, keine Heldin und keine Rosa Luxemburg"
Am 30. April startet der queere Historienfim "Rose" mit Sandra Hüller im Kino. Wir sprachen mit Regisseur Markus Schleinzer über Hosenrollen, Crossdressing aus wirtschaftlichen Gründen und warum er auf Nackt- und Sexszenen verzichtet hat.

Szene aus "Rose": Sandra Hüller spielt eine Frau, die sich im 17. Jahrhundert als Mann ausgibt (Bild: Gerald Kerkletz / Schubert, Row Pictures und Walker + Worm Film)
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26. April 2026, 06:34h 6 Min.
Für die Rolle im queeren Historiendrama "Rose" bekam Sandra Hüller ihren zweiten Bären auf der Berlinale. Gemeinsam mit Regisseur Markus Schleinzer stand sie in "Sisi & Ich" vor der Kamera. Dabei lernten sich die beiden schätzen. Und der Star übernahm die Hauptrolle im dritten Film des Österreichers.
Schleinzer, 1971 in Wien geboren, hat als Caster für Jessia Hausner, Ulrich Seidl und Michael Haneke gearbeitet. Sein Erstlingsfilm, das Pädo-Drama "Michael", wurde 2011 nach Cannes eingeladen, sein Historiendrama "Angelo" wurde siebenfach für den Österreichischen Filmpreis nominiert. Als nächstes plant der Regisseur ein Biopic über den queeren Countertenor Klaus Nomi.
Vor dem offiziellen Kinostart von "Rose" am 30. April 2026 haben wir uns mit Markus Schleinzer über den Film unterhalten.
Herr Schleinzer, wie bekommt man einen Star, der mit Ryan Gosling spielt und Oscar-Kandidatin war, als kleiner österreichischer Regisseur für seinen Film?
Ich glaube, die Frage muss man anders formulieren: Wie kommt Ryan Gosling dazu, mit einem großen deutschen Superstar arbeiten zu dürfen? (lacht) Sandra und ich standen gemeinsam bei "Sisi & Ich" vor der Kamera. Da war schon klar, dass wir uns mögen. Wir haben großen Respekt voreinander und schätzen den Zugang zur Arbeit des anderen. Letztendlich gefiel ihr das Drehbuch und die Art und Weise, wie ich dieses Thema verhandeln wollte. Ich bin froh, dass sie zugesagt hat.
Es gab in "Titanic" ein Porträt über Sandra Hüller mit der Überschrift "Die Frau aus Holz". Was wäre Ihre Überschrift, was macht die Qualität Ihres Stars aus?
Die Qualität von Sandra Hüller besteht darin, dass sie eine ganz große Arbeiterin ist. Ich kenne kaum Personen, die so viel arbeiten wie sie. Und zwar vollkommen frei von Allüren oder Diven-Gehabe. Sandra besitzt einen natürlichen Bullshit-Detektor. Wenn sie zum Dreh kommt, ist es fast so, als ob sie den Arbeitsmantel anziehen würde. Sie ist da. Sie macht. Ohne viel Aufsehen. Sandra kann nur spielen, was logisch ist. Das finde ich fantastisch. Das macht die Ehrlichkeit ihrer Arbeit aus. Sie hat sich nie verbogen. Deswegen ist sie ein Vorbild für die Generation, die nun am Start ist.
Es gibt berühmte Vorbilder für Hosenrollen: Eva Mattes als Fassbinder in "Ein Mann wie E.V.A.", Julie Andrews in "Viktor und Viktoria" oder Cate Blanchett als Bob Dylan in "I'm Not There". Sehen Sie "Rose" in dieser Tradition oder ist sie ganz anders?
"Rose" steht in der Tradition der Hosenrollen. Aber der Film versucht, dieses Genre des Crossdressers weiterzuentwickeln. Für die Recherche habe ich alle verfügbaren Filme angesehen. Beim Mann im Kleid geht es meistens um karnevaleskes Zeug, sehr betulich, sehr sexistisch. Bei der Frau in der Hose findet die Enttarnung über den nackten Körper statt. Spätestens in Minute drei muss ein Busen gezeigt werden. Das lehne ich ab. "Rose" erzählt die Geschichte einer Frau, die aus wirtschaftlichen Gründen sich als Mann ausgibt. Das muss ich nicht so erzählen, dass Frau Hüller heimlich in den Wald geht, um sich splitterfasernackt auszuziehen und sich in einem Bächlein zu waschen. Wir versuchen, ohne diesen sexistischen und voyeuristischen Kram auszukommen, den man bis dato in der Filmgeschichte gebraucht hat, um so eine Geschichte an das Publikum herzuführen.
Im Sport werden trans Athletinnen unter Generalverdacht gestellt, sich lediglich Vorteile erschleichen zu wollen. Wird mit "Rose" nicht Transfeindlichkeit befeuert?
Ich kenne einige trans Sportlerinnen, die diesen Weg durchlaufen sind. Das ist keine freudvolle Entscheidung. Zu behaupten, dass dieser Weg gegangen wird, um Vorteile für eine sportliche Karriere zu holen, ist ziemlich dumm. Wer so denkt, sollte sich mit Betroffenen reden, um zu erfahren, welche Qualen damit verbunden sind, um da zu landen, wo sie heute sind. "Rose" ist eine andere Geschichte. Sie ist ganz klar eine Frau, die erkennt, dass sie mit den Grenzen des eigenen Geschlechts nicht weiterkommt, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Sie ist keine Revolutionärin, keine Heldin und keine Rosa Luxemburg. Sie will einen Hof, sie möchte vom eigenen Ertrag leben können. Und sie will in Ruhe gelassen werden.

Poster zum Film: "Rose" startet am 30. April 2026 bundesweit in den Kinos
Schärft der Blick in die Vergangenheit die Sicht auf die Gegenwart?
Ein historischer Film zu diesem Thema ist der Trick, um das Publikum weiter aufs Eis zu locken. Es ist ja noch gar nicht lange her, dass Frauen bei uns ein Anrecht auf den eigenen Wohnungsschlüssel haben. Oder Arbeitsverträge unterschreiben dürfen, ohne Genehmigung des Ehemanns. "Rose" ist ein historischer Film mit wunderschönen Bildern. Aber natürlich erzählt er in jeder Minute ganz viel über die Gegenwart und über eine kleine Utopie, wie ein Zusammenleben auf diesem Planeten möglich wäre.
Es fällt auf, dass Sexualität in "Rose" keine Rolle spielt. Weshalb bleibt das Thema bewusst offen?
Wie Figuren sexuell begehren, gehört den Figuren. Ich bin immer in Sorge, wenn man einem Publikum zu sehr konkret eine Geschichte anbietet, sie dann nur so gelesen und verstanden werden will. Dass man sagt, das ist jetzt ein Film über zwei lesbisch begehrende Frauen. Und dass man nicht sagt, das ist ein Film über vielleicht zwei lesbisch begehrende Frauen, die trotzdem aber auch mehr Freiheit in der Gesellschaft leben wollen. Ich hatte kein großes Interesse, das auf ein sexuelles Begehren zu reduzieren.
Wie haben Sie die Geschichte recherchiert?
Wir haben über 300 Frauenschicksale ausgegraben, die enttarnt wurden, weil sie in die Männerrolle gestiegen sind. Es gab Fälle in England von hochrangigen Offizieren, wo erst bei der Leichenwäsche das wahre Geburtsgeschlecht erkannt wurde. Es gibt ganz unterschiedliche Gründe für diese Tarnung. Frauen konnten Zwangsverheiratungen entgehen, bessere Arbeit finden oder dem Ehemann in den Krieg zu folgen, was nur als Soldat möglich war. Diese unterschiedlichen Motivationen haben aber immer das Ziel gehabt, eine größere Freiheit zu leben. Der Moment, wo etwas selbstverständlich ist, das ist die Freiheit.
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Sie lassen eine Zeit der Vergangenheit filmisch auferstehen. Wie groß war Ihr Aufwand mit stimmiger Ausstattung und Kulissen?
Stressig war das für mich überhaupt nicht, das ist eine Arbeit, die ich liebe. Ich habe für die Recherche viel Museen besucht, mir Objekte zeigen lassen und Gemälde fotografiert. Wir haben viel nachgebildet, was wir in Museen vorgefunden haben oder auf Gemälden gesehen haben. Das war eine reine Freude. Es gehört zum Großartigen an meinem Beruf, das Sinnliche auf die Leinwand zu bringen.
Ihre drei Filme "Michael", "Angelo" und "Rose" sind eher sperrige Stoffe. Wäre es nicht Zeit für ein Feel-Good-Movie, wo alles unbeschwert zugeht?
Als "Bad Movies" möchte ich meine Filme nicht verstehen. Für mich sind das Geschichten, die zum Denken verleiten, und das ist ja nicht zwingend das Schlechteste. Aber der nächste Film wird auf jeden Fall heller und bunter werden, mit sehr viel mehr Musik und Gesang. Ich plane ein Biopic über Klaus Nomi und freue mich, dass Christian Friedl sich dafür begeistert hat.
Was wäre der Ratschlag für Kinogänger?
Es lohnt sich. Weil es ein schöner Film ist, der bislang viel Liebe und Diskussion erfährt. Das ist auch der Strahlkraft von Sandra Hüller zu verdanken, die für ihre Leistung den Silbernen Bären sehr zu Recht gewonnen hat.
Rose. Historienfilm. Deutschland 2026. Regie: Markus Schleinzer. Cast: Sandra Hüller, Caro Braun, Marisa Growaldt, Godehard Giese, Robert Gwisdek, Maria Dragus. Laufzeit: 94 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. FSK 12. Verleih: Piffl Medien. Kinostart: 30. April 2026
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