Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?57742

Buchtipp

Im Spektrumtango zur Nicht-Binarität

In dem neuen Roman "ex@frau" entlarvt Autor*in Els Busch die Einzelteile der queeren Community, wo jedes für sich nach vorn, zurück und manchmal auch auf der Stelle tritt – und zusammen immer wieder aneinandergerät.


Archivbild: Els Busch, geboren 1965, outete sich 2019 in der WDR-Talkshow "Kölner Treff" als lesbisch, zwei Jahre später im Interview mit Deutschlandfunk Kultur als nichtbinär (Bild: IMAGO / Lumma Foto)
  • Von Luise Erbentraut
    26. April 2026, 11:12h 5 Min.

Eine Definition von Nicht-Binarität könnte lauten, dass sie da beginnt, wo sich "sowohl als auch" und "weder noch" die Hand reichen. Autor*in Els Busch (auf dem Buchcover noch Else Buschheuer) nimmt die Leser*innen im neuen Roman "ex@frau" (Amazon-Affiliate-Link ) auf den Weg dorthin mit. Die farbenprächtig zugespitzten Alltagszenen erzählen sich dabei zwischen hetero und queeren Tangowelten sowie der sich wandelnden Beziehung zur demenzkranken Mutter. Über 320 Seiten hinweg werden sie von einem Humor getragen, der so derb wie zärtlich ist.

Nicht zu viel verspricht das der Geschichte vorangestellte Zitat von Rosa von Praunheim, der noch feststellen durfte: "Keine kann so schreiben wie du". Kein Wunder, teilen sie doch das Talent für scharfsinnige, entblößende wie liebevolle und ermutigende Beobachtungen des eigenen Milieus. In "ex@frau" übersetzt sich das, indem Els Busch die Einzelteile der queeren Community entlarvt, wo jedes für sich nach vorn, zurück und manchmal auch auf der Stelle tritt – und zusammen immer wieder aneinandergerät. Jede Szene wird so zum Schritt eines wohlwollenden Auf-den-Schlips-Tretens und Herausforderns. Vielleicht ein bisschen wie im Tango, wie ich ihn durch den Roman lese.

Das Dilemma der Binarität des Tangos


Der Roman "ex@frau" ist Anfang des Jahres im Konkursbuch Verlag erschienen

Wo Frauen wie Hühner auf der Stange darauf warten, zum Tanzen aufgefordert zu werden, wird hetero Tango getanzt. Ob queerer Tango dem tatsächlich so gegenübersteht, wie er es sich wünschen würde, stellen Els Buschs fidel gezeichnete Situationen infrage – nämlich etwa dann, wenn auch die Stone-Butch ihre Stimme in Lieblichkeit taucht, um der hetero Tanzlehrerin zu gefallen. Auf liebevolle Weise entlarven sich hier Klischees, die sich in lesbischen, schwulen, bisexuellen und trans Spielweisen des Tanzes abzulagern drohen.

Zwischen hetero und queeren Tango lässt Busch aber auch ein neues Muster entstehen, das ohne feste Geschlechterrollen auskommt: Wer sich zwischen den Schritten Zeit nimmt, sich aneinander reibt und miteinander verschmilzt, tanzt Tango jugoso. Wer im Tanz bei sich bleibt und sich schwungvoll – aber jeweils für sich – auf den gleichen Takt einlässt, tanzt seco. Wer einwendet, dass sich hier eine neue Binarität versteckt, liegt zugleich richtig und falsch. Schließlich handelt es sich bei Binarität immer auch um ein unlösbares Dilemma, das mittels Nicht-Binarität zu einem lösbaren Problem werden kann, wie wir im Buch lernen. Und das Dilemma der Binarität des Tangos löst in "ex@frau" der Spektrumtango, der klassische Rollen und solche, die es werden wollen, in ein kontinuierliches Rollenspiel verwandelt.

Das Verhältnis zur demenzkranken Mutter

Neben dem Tango, an dem Geschlechter und Begehrensformen in Els Buschs bunten Szenen anecken, spielt sich die Reise zur Nicht-Binarität auch in sozialen Beziehungen ab: in Freund*­innenschaften, in Familie – oder einfach: Gangs. Besonders deutlich im Verhältnis zwischen Protagonist*in und demenzkranker Mutter. Wenn diese beispielsweise die einzige ist, die den "Damenbart" schick findet, weil sie mit dem Vergessen auch die einzige ist, die es schafft, Geschlechterbilder gänzlich über Bord zu werfen.

Aber nicht nur das: Schließlich stellt sich über die Krankheit auch die Notwendigkeit eines stabilen Selbstkonzeptes infrage, und das Infragestellen wird zum Lebenskonzept. Zum täglichen Sich-neu-Erfinden und gegenseitigen Annehmen. An die Stelle einer Mutter-Tochter-Beziehung, die geprägt war von Rollenerwartungen und ihren einengenden Grenzen, tritt eine aufgeworfene Beziehung, in der sich der*die Protagonist*in schließlich eher noch wiederfindet als in queeren Wahlfamilien, die zum Anti-Weihnachtsfest aufrufen.

"Jetzt bin ich meine eigene Ex-Frau geworden"

Zusammengehalten werden die beiden Dreh- und Angelpunkte des Tangos und der Mutter-Kind-Beziehung mit Szenen, in denen Els Busch aus queeren Perspektiven sämtliche Spiegel einander vorhält. Gerade deshalb würde ich das Buch am liebsten jeder cis hetero Person in die Hand drücken, obwohl sich vor allem das queere Publikum aller Generationen am ehesten darin wiederfinden dürfte.

Den Abschluss des Romans bildet ein knapp 20 Seiten langes Interview, das den wilden Ritt, auf den der Roman die Leser*innen mitnimmt, einordnet und von dem sich Els Busch wünscht, dass es womöglich das letzte gewesen sei. Wer zuvor mit dem Titel "ex@frau" noch nichts anzufangen wusste, wird hier fündig: "Ich war immer mal wieder die Ex-Frau von irgendwem. Aber jetzt baue ich nicht mehr nach außen, sondern nach innen: Jetzt bin ich meine eigene Ex-Frau geworden." Genauer erzählt sich hier, wie Else Buschheuer das "e" und auch das "heuer" hinter sich ließ und damit auch der Institutionalisierung von Geschlechtlichkeit trotzt.

Spätestens hier pointiert sich der Roman also als nicht-binäre Coming-out-Story, die mit dem Genre des Autofiktionalen auch in nicht-binäre Räume des Schreibens und Lesens eindringt. Die Frage nämlich, was zu welchen Teilen wahr, was erfunden ist, löst sich über einen Tipp von Marcel Reich-Ranicki in ein Flickwerk aus Erlebtem, Erhofften und Befürchtetem auf. In jedem Wort finden die Leser*innen also ein Stück "sowohl als auch" und "weder noch" – und das mit dem von Els Busch gewohntem schlagkräftigen Witz.

Infos zum Buch

Else Buschheuer: ex@frau. Autofiktionaler Roman. 320 Seiten. Konkursbuch Verlag. Tübingen 2026. Gebundene Ausgabe: 18 € (ISBN 978-3-88769-276-6). E-Book: 9,99 €

Informationen zu Amazon-Affiliate-Links:
Dieser Artikel enthält Links zu amazon. Mit diesen sogenannten Affiliate-Links kannst du queer.de unterstützen: Kommt über einen Klick auf den Link ein Einkauf zustande, erhalten wir eine Provision. Der Kaufpreis erhöht sich dadurch nicht.

-w-