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Meerjungfrau und nichtbinäre Person auf surrealem Roadtrip

"Sirens Call", der erste Langfilm des Künstler*innen-Regieduos Miri Ian Gossing und Lina Sieckmann, ist ein ambitioniertes Werk, das auf filmischer Ebene trans Poetik und Identität radikal verhandelt.


Szene aus "Sirens Call" (Bild: missingFILMs)

"Kann ich dir einen Albtraum erzählen? Diese Welt ist mein Albtraum. Ist sie nicht auch deiner?" Die USA driften immer weiter nach rechts. Trump wurde mit offen menschenverachtender Politik wiedergewählt. Trans Menschen – besonders Jugendliche – verlieren zunehmend den Zugang zu medizinischer Unterstützung. Kämpfe um Dekolonialisierung eskalieren. Das Fundamentale im Leben, das Recht auf gesellschaftliche Anerkennung, der Boden unter den Füßen, scheint überall zu bröckeln. Vielleicht wächst genau daraus das Verlangen nach Wasser, nach Schweben, nach einem anderen Sein. Vielleicht ruft von dort der "Sirens Call".

"Meerjungfrauen kamen zu mir. Sie kamen, sie formten mein Herz. Ich nahm ihre Gestalt an. Aber eigentlich bin ich mehr ein Gestaltwandler." Mit dieser Selbstbeschreibung führt eine Protagonist*in in die Welt der Merfolk-Subkultur ein – eine Gemeinschaft von Menschen, die sich als Meereswesen identifizieren oder das Leben als Meerjungfrauen, -männern und allem dazwischen performativ zelebrieren. Es ist eine Welt zwischen Fantasie und Selbsterkenntnis, zwischen Mythen und postmoderner Identitätspolitik.

Dokumentation und Fiktion vermengt


Poster zum Film: "Sirens Call" startet am 30. April 2026 regulär im Kino. Zuvor gibt es in einigen Städten Previews (Termine siehe Link am Ende des Artikels)

In ihrem Langfilmdebüt porträtieren Miri Ian Gossing und Lina Sieckmann diese Subkultur mit einer bewusst hybriden Erzählweise. Sie vermengen Dokumentation und Fiktion, Inszenierung und Interviews, spielen mit selbstreflexiven Elementen und hinterfragen dabei auch ihre eigene filmische Praxis. Im Zentrum steht Una the Mermaid, eine Performance-Künstlerin und selbsternannte nomadische Sirene, die sich als uraltes hybrides Wesen begreift – verloren zwischen der Kälte kapitalistischer Alltagsrealität und einer tiefen, archaischen Sehnsucht nach Transformation. Ihr Körper wird zunehmend vom Sjögren-Syndrom gezeichnet, einer Autoimmunerkrankung, die ihre Speichel- und Tränendrüsen angreift.

Una trifft auf Moth, eine junge nichtbinäre Person, die davon träumt, Goth-Mode für trans Menschen zu entwerfen. Gemeinsam begeben sie sich auf einen surrealen Roadtrip nach Portland, ins Zentrum der amerikanischen Merfolk-Szene. Während sie durch eine zerrissene Landschaft fahren, sickern aus dem Autoradio Nachrichten über die politischen Verwerfungen des Landes. Sie fliehen – nicht nur vor der Realität, sondern auch zu sich selbst. "Viele Menschen haben eigentlich Angst vor mir. Es ist, als wäre mein Geschlecht eines, das Menschen nicht kennen." Moth spricht hier über deren Gender-Identität, und es wird deutlich, dass "Sirens Call" nicht nur eine Erkundung der Meermenschen, sondern auch eine Reflexion über fluides Geschlecht und den Wunsch nach einem Körper jenseits binärer Zuschreibungen ist.

Ein queeres "Nomadland"

Klingt nach einem queeren "Nomadland"? Nach einem radikal trans filmischen Unterfangen? Ist es auch. Und doch scheitert es an einer entscheidenden Stelle: "Sirens Call" bleibt erschreckend distanziert. Man bewundert die Figuren, aber man fühlt nicht mit ihnen. Alles wirkt überstilisiert, kalt, verkopft. Ich will sie so gerne mögen – ihre Geschichten, ihre Kämpfe, ihre Sehnsüchte. Aber der Film selbst verwehrt mir diese Nähe. Seine sperrige Struktur und seine fragmentierte Erzählweise lassen keinen Raum für echte emotionale Verbindung. Dabei schätze ich genau diese Art von Kino: Filme, die sich dem Konkreten verweigern, sich in Zwischenräumen auflösen, Ambiguitäten und Nichtbinaritäten nicht nur aushalten, sondern zelebrieren. Ich wünsche mir mehr Filme, die kinematisch genau das tun.

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Aber "Sirens Call" verliert sich im Undefinierbaren. Der Film wirft faszinierende Themen auf – den ständigen Prozess der Transition, die Suche nach Heimat und Zugehörigkeit, das Gefühl der Entfremdung in einer hyperkapitalistischen Welt, die Frage nach politischer Community-Bildung. "Es gibt immer Diskussionen darüber, wie man das mit in die 'normale' Welt nimmt. Wie trägt man diese Erfahrung des Möglichen weiter – in das eigene Leben oder in das Leben anderer für den Rest des Jahres?" Diese Frage, die im Film gestellt wird, ist zentral. Doch statt eine Auseinandersetzung mit diesen Themen zu vertiefen, wirft der Film alles in einen Topf – ohne jemals etwas wirklich Kohärentes daraus zu formen.

Dabei gibt es Momente, die aufhorchen lassen. Etwa, wenn eine Figur über ihr Körpergefühl in einer Flosse spricht: "Mit allen Prothesen gibt es diese Art des Seins, wo es nicht etwas ist, das an dir fest getackert ist, sondern eine Erweiterung von dir. Es ist ein Teil deines Wesens. Und so durch die Prothese zu fühlen, eins mit ihr zu werden – sodass die Prothese in Wahrheit du bist – das ist ein Thema, das ich tatsächlich auch in meiner Arbeit zur sexuellen Bildung erforsche." Ein brillanter Gedanke, der sich mit Disability Studies und trans Körperschaften verweben ließe. Doch leider bleibt er nur ein Fragment unter vielen. Ein Überangebot an Ideen – und doch ein Mangel an emotionaler Wärme.

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Visuelle Strahlkraft

Was man dem Film nicht absprechen kann, ist seine visuelle Strahlkraft. "Sirens Call" ist atemberaubend schön: Die Kamera findet poetische Kompositionen, Farbpaletten changieren zwischen schillernder Fluidität und kalter Starre. Bewegungen, Wasserklänge, Kostüme – alles ist im Fluss, nichts bleibt stehen. "Mir wurde klar, dass etwas in diesem Körper, den ich bewohnte, verborgen lag. Etwas, das danach verlangte, aufgedeckt zu werden. Ich denke, damit ich wirklich anwesend sein konnte."

Doch was bleibt am Ende? Eine ästhetisch faszinierende Reise, die sich über zwei Stunden zieht – und doch inhaltlich erstaunlich wenig hinterlässt. Man verlässt den Film mit der seltsamen Leere, etwas Wunderschönes gesehen zu haben, das sich jedoch nie wirklich geöffnet hat.

"Sirens Call" ist ein ambitioniertes Werk, das auf filmischer Ebene trans Poetik und Identität radikal verhandelt. Aber auch ein Film, der so sehr in seinen eigenen Metaebenen gefangen ist, dass er sich emotional selbst entzieht. Ein wunderschönes Puzzle, dem ein Herz fehlt.

Infos zum Film

Sirens Call. Hybrid-Dokumentarfilm. Deutschland, Niederlande 2025. Regie: Miri Ian Gossing, Lina Sieckmann. Mitwirkende: Gina Rønning als Una the Mermaid, Moth Rønning-Bötel. Laufzeit: 121 Minuten. Sprache: englische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 12. Verleih: missingFILMs. Kinostart: 30. April 2026. Zuvor gibt es in mehreren Städten Previews
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