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Kinotipp
Rose, der Soldat
Eine Frau gibt sich im 17. Jahrhundert als Soldat aus. "Rose" zeigt eine Gesellschaft, die Frauen nur eine Rolle zuspricht – und erzählt dabei viel über die Gegenwart. Das queere Historiendrama ist genauso komplex wie sanft, vor allem dank Hauptdarstellerin Sandra Hüller.

Szene aus "Rose": Sandra Hüller spielt eine Frau, die sich im 17. Jahrhundert als Mann ausgibt (Bild: Gerald Kerkletz / Schubert, Row Pictures und Walker + Worm Film)
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29. April 2026, 06:19h 4 Min.
Die kleine Bleikugel trägt Rose immer um den Hals. Den Anhänger nimmt sie oft in den Mund – wie als Erinnerung. Denn die Kugel traf sie im Mund, eine lange Narbe in der rechten Gesichtshälfte zeugt davon. Ein Auge hängt nach unten, der rechte Mundwinkel bewegt sich kaum.
Doch die Kugel ist mehr als eine Erinnerung. Sie ist ein Beweis. Sie soll Zweifel gar nicht erst aufkommen lassen. Denn Rose nimmt eine männliche Rolle ein. Als Soldat habe er im 30-jährigen Krieg gekämpft. Jetzt komme er in seine Heimat zurück, um den Gutshof der Familie mit ein bisschen Land zu erben. Ein neues Leben, sich endlich niederlassen.
Rose erschafft sich eine Identität

Poster zum Film: "Rose" startet am 30. April 2026 bundesweit in den Kinos
Als Frau wäre das im 17. Jahrhundert – und noch einige Jahrhunderte später – unmöglich gewesen. Also erfindet sich Rose neu. Sie erschafft sich eine Identität, die ihr mehr Möglichkeiten gibt, und die sie beschützt.
Auch wenn Rose kein trans Mann im heutigen Verständnis ist, ist ihre Haltung doch transgressiv: Sie überschreitet Normen und kann sich nicht mit der ihrem Geschlecht zugewiesenen Rolle zufriedengeben. Ihr ist bewusst, dass sie das auch in Gefahr bringt.
Rose und Suzanna heiraten
Doch der Wunsch nach dem Leben, das sie sich ausmalt, ist stärker. "Sie ist keine Revolutionärin, keine Heldin und keine Rosa Luxemburg. Sie will einen Hof, sie möchte vom eigenen Ertrag leben können. Und sie will in Ruhe gelassen werden", erklärte Regisseur Markus Schleinzer im queer.de-Interview.
Die Dorfgemeinschaft betrachtet den Neuankömmling anfangs noch sehr skeptisch. Das ändert sich erst, als Rose einen Bären tötet. Dann kommt sie auch als Partner infrage, eine Ehe mit der jungen, gottesfürchtigen Suzanna (Caro Braun) wird arrangiert. "Von allen Dingen schätze ich am meisten deine Reinheit. Die will ich mir lange bewahren", erklärt Rose ihr. Nur deren Vater überzeugt das nicht. Eine Ehe hat Pflichten.
"Es ist ja nur ein Stoff, und da bin ich in die Hose gestiegen"
Der queere Historienfilm "Rose" des österreichischen Regisseurs Markus Schleinzer begeisterte schon bei seiner Premiere auf der diesjährigen Berlinale. Der in Schwarz-Weiß gedrehte Film erzählt die komplexe Geschichte einer ambivalenten Figur – und gleichzeitig noch so viel mehr darüber hinaus.
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Der Film ist, so sagt es der Untertitel, "die Geschichte einer Land- und Leutebetrügerin". Rose darf auf keinen Fall aufliegen. Und dafür verinnerlicht sie die Rolle des Mannes so sehr, dass sie ihre Gattin Suzanna genau wie die Knechte und Mägde schlechter behandelt, als es ihr lieb ist. "Es ist ja nur ein Stoff, und da bin ich in die Hose gestiegen", sagt Rose zwar – weiß jedoch genau, dass das nur für die Perspektive von außen gilt.
Die Härte ist in jedem Schritt spürbar
Die Zerrissenheit ist spürbar. Hauptdarstellerin Sandra Hüller, die aktuell international erfolgreichste deutsche Schauspielerin, verleiht ihrer Figur eine Härte, die in jedem breitbeinigen Schritt spürbar ist. Ihren Körper formt der enge Lederwams, ihre Blicke die ständige Sorge, nicht Mann genug zu sein. In einer der eindrücklichsten Szenen muss sie sich allein gegen die misstrauische Dorfgemeinschaft behaupten. Es gelingt ihr. Eine Leistung, für die Sandra Hüller mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde.
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"Rose" zeichnen nicht nur die ästhetischen Schwarz-Weiß-Bilder aus. Der Film findet eine formale Strenge, die mit der Strenge des Dorfes korrespondiert. Auch die nüchterne Erzählerinnenstimme, deren Ursprung erst zum Schluss aufgelöst wird, passt dazu. Der kraftvolle Score von Tara Nome Doyle, a cappella gesungen, unterstützt dagegen die sanfte Seite des Dramas. In der ersten Hälfte nimmt es sich noch mehr Zeit, um Stimmungen einzufangen. Danach erzählt es deutlich schneller, wirkt stellenweise fast etwas hastig.
"Unmöglichkeit ist nur ein Wort"
Der Film behandelt Möglichkeiten, die genommen werden, und Möglichkeitsräume, die man sich selbst schaffen kann. "Rose" erzählt einerseits eine Geschichte, die auf der Recherche von über 300 ähnlichen Frauenbiografien basiert – und thematisiert dabei zugleich gesellschaftliche Wirkungen, die nach wie vor bestehen.
"Unmöglichkeit ist nur ein Wort, und Worte kann man ändern", sagt die Erzählerin gegen Ende des Films. "Einmal ausgesprochen, sind sie in der Welt, sind sie Wirklichkeit, und haben Wirklichkeit zur Folge", fährt sie fort. So wahr diese Worte sind: Der Preis dafür ist hoch, wenn die Wirklichkeit zerbricht. Das war im 17. Jahrhundert so – und ist es zu oft heute noch immer.
Rose. Historienfilm. Deutschland 2026. Regie: Markus Schleinzer. Cast: Sandra Hüller, Caro Braun, Marisa Growaldt, Godehard Giese, Robert Gwisdek, Maria Dragus. Laufzeit: 94 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. FSK 12. Verleih: Piffl Medien. Kinostart: 30. April 2026
Mehr zum Thema:
» Interview mit Regisseur Markus Schleinzer: "Sie ist keine Revolutionärin, keine Heldin und keine Rosa Luxemburg" (26.04.2026)
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