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Interview
Ist "Sirens Call" eine Art trans "Nomadland"?
Jetzt im Kino: "Sirens Call" von Miri Ian Gossing und Lina Sieckmann führt uns in die Welt der Merfolk-Subkultur, in der sich Menschen performativ als Meereswesen inszenieren und dabei nach Zugehörigkeit, Identität und neuen Formen des Seins suchen. Wir sprachen mit den beiden Regisseur*innen.

Lina Sieckmann (l.) und Miri Ian Gossing bringen ihre Leidenschaft für experimentelles Kino nicht nur in "Sirens Call" ein, sondern auch als kreative Köpfe hinter dem Blonde Cobra Festival for Queer & Experimental Cinema (Bild: Gossing / Sieckmann)
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30. April 2026, 07:36h 9 Min.
In einer Zeit, in der politische und gesellschaftliche Krisen immer spürbarer werden, könnte das Verlangen nach Transformation, nach einem Anderssein, kaum größer sein. "Sirens Call" von Miri Ian Gossing und Lina Sieckmann führt uns in die Welt der Merfolk-Subkultur, in der sich Menschen performativ als Meereswesen inszenieren und dabei nach Zugehörigkeit, Identität und neuen Formen des Seins suchen. Zwischen Dokumentation und Fiktion oszillierend, folgt der Film Una the Mermaid und Moth auf einem surrealen Roadtrip durch ein politisch zerrissenes Amerika.
Im Gespräch mit den beiden Regisseur*innen Miri Ian Gossing und Lina Sieckmann wollen wir diesen Fragen nachgehen: Welche Rolle spielt Fluidität als queeres Konzept? Und wie kann das Kino dazu beitragen, neue Formen von Identität und Gemeinschaft sichtbar zu machen?

Poster zum Film: "Sirens Call" startet am 30. April 2026 im Kino
Ich hatte beim Schauen von "Sirens Call" das Gefühl, dass der Film eine Art trans "Nomadland" ist. Gab es filmische Inspirationen oder queere Filme, die euch beeinflusst haben? Oder habt ihr eine völlig eigenständige Erzählung entwickelt?
Miri: Ich würde sagen, dass wir als Filmemacher*innen keine unbeschriebenen Blätter sind. Unsere Einflüsse stammen aus ganz verschiedenen Bereichen – von Filmemacher*innen, Theoretiker*innen, Alltäglichem, Musikvideos bis hin zu Popkultur. Besonders prägend waren auch die Arbeiten von Freund*innen und Künstler*innen aus unserem Umfeld. An der Kunsthochschule für Medien in Köln hatten wir queere Videokünstler*innen als Professor*innen, die uns sehr inspirierten.
Lina: Aber man muss auch dazu sagen, dass "Sirens Call" über einen Zeitraum von sechs Jahren entstanden ist. Es war von Anfang an ein sehr prozesshafter Film. Wir hatten keine feste Vorstellung davon, in welchem Stil er enden sollte. Natürlich haben wir als Künstler*innen eine Handschrift, die durch unsere vorherigen Kurzfilme geprägt ist. Aber wir sind nicht mit einer fertigen Idee gestartet, sondern haben uns bewusst dem offenen Experiment hingegeben. Dennoch gibt es zahlreiche Zitate aus Werken, die uns beeinflusst haben.
Miri: Besonders prägend waren für uns der Bereich des Experimentalfilms und das New Queer Cinema. Ein zentrales Thema von "Sirens Call" war die Auseinandersetzung mit Meerjungfrauen-Mythologien, sei es von Disney oder Hans Christian Andersen. Unser Ziel war es, eine neue Form von Sirenen zu erschaffen – eine, die sich von der klassischen männlichen Erzählung emanzipiert: Es geht nicht mehr darum, die Liebe eines Mannes zu gewinnen oder die eigene Stimme aufzugeben. Stattdessen stehen neue Formen des Seins, der Verbindung mit Umwelt, Natur und Technologie im Vordergrund. Unsere Sirene sucht nach Gemeinschaft, nach einem Überleben in einer Welt in der Krise – und sie sucht ihre Chosen Family, ihre Wahlverwandten.
Der Film beschäftigt sich intensiv mit Fluidität. Wie kam die Idee, Fluidität als queeres Konzept mit der Merfolk-Subkultur zu verbinden und einen durch und durch queeren Film zu erschaffen?
Miri: Der queere Aspekt der "Meerjungfrau" war in der Filmgeschichte immer präsent – sei es in Jack Smiths "Normal Love" (1963) oder in Cher als "Mermaid" (Richard Benjamin, 1990) aus einer Camp-Perspektive. Bei den Menschen, mit denen wir zusammengearbeitet haben, ging die queere und trans Perspektive ganz organisch einher. Ein großer Teil unseres Casts identifiziert sich als nichtbinär und trans; und für viele hat ihre "Mersona" eine tiefgehende symbolische Bedeutung. Unser Film könnte auch als Ausdruck einer trans Existenz gelesen werden, die über Speziesgrenzen hinausgeht.

Szene aus "Sirens Call" (Bild: missingFILMs)
"Sirens Call" öffnet einen nichtbinären Raum, einen In-Between-Space. Inwiefern spiegelt sich das trans Potenzial auch in der Erzählweise des Films wider?
Lina: Der Film durchläuft verschiedene Genres – er beginnt als Science-Fiction, entwickelt sich zum Roadmovie, nimmt dokumentarische Formen an und endet fast im Melodrama. Für uns war es wichtig, ihn als offenes Experiment zu gestalten. Die Anfangsszene im Labor symbolisiert diesen offenen Prozess, in dem Identitäten, Zugehörigkeiten und Verbindungen immer wieder neu verhandelt werden und Inhalt und Form ineinandergreifen.
Miri: Wir waren besonders interessiert daran, Genregrenzen zu durchbrechen. Viele Filme mit queerem Inhalt arbeiten trotzdem innerhalb klassischer Erzählmuster. Wir wollten jedoch, dass sich die Fluidität der Merfolk-Welt auch auf formaler Ebene widerspiegelt. "Sirens Call" erforscht die Grenzen von Fiktion und Dokumentarischem, spielt mit hybriden Erzählformen und verweigert sich den normativen Narrativen einer "Heldenreise".
Der Film thematisiert die Suche nach Zugehörigkeit und Entwurzelung – zentrale Erfahrungen vieler queerer Menschen. Im Verlauf des Films entwickelt sich eine stetige Suche. Zu welcher Antwort seid ihr gekommen?
Miri: Unsere Intention war es nicht, eine vorgefertigte Antwort zu geben, sondern Fragen zu stellen. Jede*r hat eine individuelle Biografie und Erfahrung. Wir wollten die Zuschauer*innen einladen, sich auf die Perspektiven von Posthumanismus und einem "trans being in the world" einzulassen. Die Hauptfigur durchläuft unterschiedliche Stadien – sie beginnt in einer kapitalistischen Welt, in der selbst der Atem zur Ware geworden ist, und trifft dann auf Moth, ein trans Teenager. Diese Begegnung bringt erstmals eine authentische Verbindung in den Film. Später findet die Protagonistin ihre Chosen Family unter Aktivist*innen in Portland und ihre eigene Stimme. Doch anstatt mit einem "Happy ever after" zu enden, wollten wir zeigen, dass die Suche nach der eigenen Verortung, Identität und Zugehörigkeit nie wirklich abgeschlossen ist.
Lina: Genau, wir wollten da auch nichts glätten oder ein klassisches Happy End liefern. Das Ringen um Verbindung bleibt im Film als Motiv bis zuletzt bestehen, auch nachdem Una auf die anderen Merfolk-Personen getroffen ist. Den Begriff der Identität sehen wir nicht als etwas Festes, sondern uns gefällt eher die Idee eines konstanten Werdens, ein Prozess, der nicht endet. Una verkörpert für uns als Figur auch eine queere Zeitlichkeit, die konventionelle Vorstellungen von Biografie infrage stellt.
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Was war der Gedanke dahinter, zwei unterschiedliche trans Zeitlichkeiten – Una als ancient Figur und Moth als contemporary genderqueere Person – aufeinandertreffen zu lassen?
Miri: Besonders spannend war, dass Moth während der Dreharbeiten selbst in einem Transitioning-Prozess war. "Sirens Call" ist ein Hybridfilm, in dem Fiktion und Dokumentation verschmelzen. Moth und Una, die in ihrem "echten Leben" Mutter und Kind sind, treffen im Film in einer neuen Phase ihres Lebens als Fremde aufeinander, fast so, als würden sie sich nochmal ganz neu kennenlernen. Diese Konstellation war sehr berührend – sie lässt sich als Bild für eine generationsübergreifende trans Erfahrung lesen, aber auch als Verbindung zwischen transspecies und transgender Identität.
Wasser spielt eine zentrale Rolle im Film. Woher kommt dieses Bedürfnis zu schwimmen – sowohl metaphorisch als auch buchstäblich?
Lina: Diese Frage müssten wir eigentlich unseren Protagonist*innen stellen. Man kann das natürlich überhaupt nicht über einen Kamm scheren. Uns persönlich hat das flüssige Milieu als Aggregatszustand und Medium in seiner Symbolik und Physikalität künstlerisch sehr angezogen.
Miri: Für mich persönlich hat das Element Wasser eine starke Bedeutung. Es trägt einen, unabhängig von Körper und Gender, und fordert zugleich Hingabe und Vertrauen. Als queere Person mit Trauma-Hintergrund war das Sein im Wasser für mich eine wichtige Lern- und Heilerfahrung – sich treiben lassen, mit den Wellen gehen können. In "Sirens Call" spiegelt sich das auch im kreativen Prozess wider: Wir haben uns bewusst dem Filmfluss hingegeben, statt starre Konzepte und Ideen durchzusetzen. Gleichzeitig steht Wasser auch für mehr als nur Fluidität – es ist im permanenten Wandel, speichert Geschichte, ist lebensnotwendig und durchzieht unsere Existenz.
Wie spielt der Körper in das Themenfeld der Mermaid-Subkultur hinein?
Lina: Der Körper ist eine Plattform für verschiedene Diskurse. In unserer Gesellschaft werden Menschen oft durch ihren Körper festgelegt. In der Mermaid-Subkultur gibt es jedoch Möglichkeiten, den Körper aktiv zu gestalten- eine Art "Looking back". Die Protagonist*innen von "Sirens Call" erweitern ihre Körper durch Prothesen oder Inszenierungen und entziehen sich so klassischen Zuschreibungen.
Miri: Genau, "Sirens Call" greift auch Themen wie Krankheit, Disability, Immunität und Körpermodifikation auf. Viele unserer Protagonist*innen setzen sich mit diesen Themen auseinander, sei es durch eigene Erfahrungen mit Krankheit oder durch eine bewusste Erweiterung des Körpers. Besonders spannend fand ich den Gedanken, dass der eigene Körper nicht nur ein Ort der Einschränkung, sondern auch der Möglichkeiten und der Erweiterung durch Prothesen kann.
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Welche politische Implikation trägt "Sirens Call" nach außen?
Miri: Der Film gibt keine fertigen Antworten, sondern wirft Fragen auf, die gemeinsam verhandelt werden können. Was mich besonders inspiriert, ist die Resilienz queerer Communities wie unserer Meerwesen. Trotz politischer Unterdrückung erschaffen sie neue Formen der Gemeinschaft und Solidarität. "Sirens Call" ist eine Einladung, über Zugehörigkeit, Transformation und radikale Empathie nachzudenken.
Euer Film bricht mit klassischen Erzählstrukturen und Hollywood-Narrativen. Welche Rolle spielte für euch das Aufbrechen dieser traditionellen Dramaturgie in Bezug auf queere Repräsentation?
Miri: Ja, es gibt tausend Filme, die man zum Teil auch mag, die so sind. Aber wie viele Menschen haben überhaupt eine Heldengeschichte in ihrem Leben? (lacht) Es ist auch der American Dream, der da drin steckt, wer hat wirklich die Möglichkeit zum "Happy End"?
Lina: Und wenn wir über queere Narrative sprechen, geht es auch darum, alternative Formen des Erzählens zu finden. Es geht nicht nur darum, was erzählt wird, sondern auch darum, wie es erzählt wird. Eine Geschichte kann noch so radikal queer sein – wenn sie in eine konventionelle Dramaturgie gepresst wird, bleibt sie letztlich doch in einer sehr binären, heteronormativen Struktur gefangen.
Miri: Deshalb wollten wir mit "Sirens Call" etwas schaffen, das sich organischer anfühlt, das eher in Wellen erzählt wird, statt auf einen einzigen Höhepunkt hinauszulaufen – und das sich dem männlichen Orgasmus mit "Climax" als dramaturgischem Leitmotiv verweigert. (lacht) Wir haben uns dabei auch von Kishotenketsu inspirieren lassen, einer Erzählweise, die besonders im ostasiatischen Kino verbreitet ist. Statt einer linearen Konfliktlösung geht es dort um das schrittweise Entfalten von Perspektiven, um plötzliche Wendungen, die nicht auf eine Auflösung im klassischen Sinne hinauslaufen. Dinge dürfen parallel nebeneinander stehen anstatt im Gegeneinander. Das fühlt sich für uns viel näher an queere Erfahrungen an.
Sirens Call. Hybrid-Dokumentarfilm. Deutschland, Niederlande 2025. Regie: Miri Ian Gossing, Lina Sieckmann. Mitwirkende: Gina Rønning als Una the Mermaid, Moth Rønning-Bötel. Laufzeit: 121 Minuten. Sprache: englische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 12. Verleih: missingFILMs. Kinostart: 30. April 2026
Links zum Thema:
» Alle Kinotermine auf der Homepage von missingFILMs
Mehr zum Thema:
» Filmkritik von Jojo Streb: Meerjungfrau und nichtbinäre Person auf surrealem Roadtrip (26.04.2026)
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