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Berlin
Raus aus der Stadt? "Cruising the Countryside" im Schwulen Museum
Mit der neuen Ausstellung "Cruising the Countryside – Queeres Leben auf dem Land" rüttelt das Schwule Museum Berlin am queeren Freiheitsversprechen der Großstadt.

Cruising the Countryside: Das pfiffige Design der Ausstellung stammt aus dem Allgäu vom queeren Grafikbüro Studio Erika (Bild: Key Visual @ Studio Erika)
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1. Mai 2026, 09:49h 6 Min.
Ein junger Mann sitzt in der Bahn, neben sich die eiligst zusammengepackte Reisetasche. Untermalt von düsteren Synthiepopklängen blickt er aus dem Fenster und erinnert sich in Flashbacks an die Gewalt, die Demütigungen und die Zurückweisungen, die ihn nun als Schwulen zur Flucht aus seiner Heimatstadt drängen: Mit "Smalltown Boy" schufen Jimmy Somerville und Bronski Beat 1984 einen ikonischen Soundtrack zu diesem biografischen Bruch. Am Ende des Musikvideos wird der Protagonist am Bahnhof der großen Stadt von seiner Clique freudig begrüßt, ein neuer Lebensabschnitt unter Gleichgesinnten beginnt – denn die Lösung für seine Probleme wird er zuhause nicht finden ("…will never be found at home").
Der genötigte Umzug von der Provinz in die Metropole verdichtet sich hier in wenigen Minuten zu einem Muster, das queere Lebensläufe bis heute prägt. Längst gab es dafür eine empirische Basis: Die Sexualwissenschaftler Martin Dannecker und Reimut Reiche wiesen 1974 in ihrer Studie "Der gewöhnliche Homosexuelle" nach, dass ein gelingendes schwules Leben zumeist mit einer Land-Stadt-Migration und einem sozialen Aufstieg verknüpft ist – verbunden mit einem Coming-out und dem Anschluss an eine Community als notwendigem Befreiungsschlag.
Knutschen zwischen Kraut und Rüben
Doch während der Weg in die Metropole lange Zeit als die einzige Option für ein selbstbestimmtes queeres Leben galt, blickt das Schwule Museum Berlin nun in die Gegenrichtung. Die neue und buchstäblich wegweisende Ausstellung "Cruising the Countryside – Queeres Leben auf dem Land" verlässt diese festgeschriebene Fluchtroute. Sie stellt die Frage, was jenseits der Urbanität geschieht: Wie sehen queere Realitäten in der Provinz aus? Ist das Land wirklich nur der Ort, den man verlassen muss, oder längst selbst Schauplatz für Begehren, Gemeinschaft und Eigensinn?

Eines der vielen Exponate in der Ausstellung: Die erste Regenbogenfahne der Bundesrepublik, entworfen 1983 von Klaus-Dieter Begemann in Osnabrück (Bild: Axel Krämer)
In der von Collin Klugbauer kuratierten Schau wimmelt es von Bildern, Geschichten und Fundstücken, die das vermeintlich bekannte Terrain des Ländlichen neu vermessen. Knutschen zwischen Kraut und Rüben, Cruising an der Autobahnraststätte und Pride-Paraden in Brandenburger Dörfern: Historische Materialien aus dem Archiv des Schwulen Museums treffen auf zeitgenössische künstlerische Arbeiten und Videointerviews mit Menschen aus Brandenburg. All das erzählt von einem Alltag zwischen Stall, Szene und politischer Selbstorganisation – und davon, wie unterschiedlich sich queeres Leben auf dem Land entfalten kann.
Die Stadt löst ihr Freiheitsversprechen nicht immer ein
Bemerkenswert ist die Ausstellung auch deshalb, weil sich – wie Klugbauer sagt – in der Community die Vorstellung von einer bestimmten Art von homosexueller oder queerer Lebensweise festgesetzt habe, die eng mit Urbanität verknüpft sei: "Einerseits wird das Ländliche abgewertet, während die Stadt als schillerndes Paradies oder Freiheitsversprechen aufleuchtet." Doch für viele löse sich das Versprechen nicht ein.
Andererseits gebe es auch eine Gegenbewegung mit einem verklärenden Blick auf das Landleben, das etwa in der Cowboy-Romantik von "Brokeback Mountain" zum Ausdruck kommt. In der Ausstellung ist das Plakat der zum Kult gewordenen Romanverfilmung zu sehen, das einen spannungsreichen Kontrast zu den dokumentarisch geerdeten Arbeiten des Fotografen Pancho Assoluto aus der queeren Landwirtschaft bildet.

Queeres Leben in der Landwirtschaft: Die Fotoserie "out there" von Pancho Assoluto (Bild: Axel Krämer)
Klugbauer stammt selbst aus einem Dorf in Niederbayern und kam über München und Frankfurt nach Berlin: "Mir ging es bei der Arbeit für die Ausstellung darum, das Stadt-Land-Narrativ ein bisschen zu verkomplizieren. Was bedeutet der ländliche Raum für queere Personen? Welche Lebensweisen gibt es da? Aber auch: Wie verhält sich die Stadt gegenüber dem ländlichen Raum?"
Die Idee zur Ausstellung, so Klugbauer, entstand unter anderem aus der Erkenntnis, dass queere Geschichte im Schwulen Museum fast immer aus dem städtischen Raum heraus erzählt wurde – ein Blickwinkel, für den der Gender- und Queertheoretiker Jack Halberstam den Begriff der "Metronormativität" prägte. Klugbauer beschloss, die Sammlung des Hauses mal durch eine ganz andere Brille zu betrachten.
Queere Infrastruktur über Stadtgrenzen hinaus

Die Schneiderin Hella Knabe fertigte Kleidung für trans Personen an (Bild: Axel Krämer)
Und so kam es, dass sich beim Durchstöbern der Sammlung plötzlich neue Perspektiven eröffneten. "Da sind zum Beispiel die Briefe an Hella Knabe aus den 1930er Jahren", so Klugbauer. Die Berliner Schneiderin inserierte gezielt in Zeitschriften wie der "Freundin", um Kleidung für trans Personen anzufertigen. In der Sammlung des Museums finden sich zahlreiche Zuschriften von Menschen aus ländlichen Regionen, die Spezialanfertigungen bei Knabe bestellt hatten und sich für ihre Arbeit bedanken. Die Korrespondenz belegt, dass queere Infrastruktur schon früh über Stadtgrenzen hinaus funktionierte – die Postverbindung nach Berlin war für die Absender ein Mittel, um Identität im ländlichen Raum leben zu können. Klugbauer macht deutlich, dass solche Dokumente längst im Archiv lagern, dort aber bisher kaum unter dem Aspekt der Herkunft betrachtet wurden. In der Ausstellung wird dieser historische Bestand durch eine Soundarbeit von Kai* Brust ergänzt, in der die Briefe vertont und präsent gemacht werden.
Am Rand der Ausstellung scheint aber immer wieder auch der Bruch in der biografischen Identität mit dem Umzug vom Land in die Stadt durch. Dass damit oft auch eine Verleugnung der sozialen Herkunft einhergeht, deutet die Schau über den Verweis auf Autoren wie Didier Eribon oder Édouard Louis an. Deren Bücher, die an einer Wand mit Archivmaterialien als Referenzpunkte zu sehen sind, markieren den Umzug in die Metropole als soziale Aufstiegsgeschichte, die aus Scham häufig mit einer schmerzhaften Abspaltung der eigenen Herkunft erkauft wird. Man verleugnet den Stallgeruch aus dem Dorf, um in der urbanen Intellektualität anzukommen und anerkannt zu werden.
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Queere Selbstermächtigung auf dem Land
In einer der persönlichen Geschichten, die in der Ausstellung zu sehen sind, wird jedoch auch die Möglichkeit der biografischen Integration aufgezeigt: So etwa am Beispiel von Jonas, der aus dem Schwarzwald nach Berlin flieht, um später zurückzukehren und in seiner Heimat einen Jugendtreff zu gründen: das Leben auf dem Land nicht mehr nur als Ort der Enge, sondern als Schauplatz aktiver Veränderung.
Queere Selbstermächtigung zeigt sich immer wieder in der Schau. Besonders deutlich wird das in der Dokumentation der Landlesben-Bewegung der 1980er Jahre. Am Beispiel eines Widerstandscamps im Hunsrück gegen atomare Nachrüstung wird deutlich, dass queere Frauen das Land bewusst als politische Ressource und kapitalismuskritischen Rückzugsort wählen. Viele bleiben, gründen Kollektive und prägen die Region über Jahrzehnte – anstatt sich vertreiben zu lassen. Klugbauer stieß beim Kontakt mit den Angehörigen des Kollektivs auf eine bemerkenswerte Fotosammlung, deren Relevanz den Frauen nicht wirklich bewusst war: "Von Schafe züchten bis zu Brotbacken – da ging es vor allem um die Autarkiefrage. Können wir uns selbst versorgen und unser Gemüse anbauen?"
Dass solche Erzählungen oft erst über gezielte Recherche den Weg ins Museum finden, unterstreicht den Anspruch der Ausstellungskonzeption von Collin Klugbauer: Die Geschichte des ländlichen Raums muss nicht nur gefunden, sondern auch anders gelesen werden – nicht als Randnotiz zur großen urbanen Erzählung, sondern als eigenständiger Teil queerer Lebensweise.
Links zum Thema:
» Mehr Infos zur Ausstellung auf der Homepage des Schwulen Museums
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
















