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Interview
Aljosha, was lässt dich an eine bessere Zukunft glauben?
Der queere Arzt und Influencer Aljosha Muttardi veröffentlicht am 4. Mai sein erstes Buch. Mit queer.de spricht er ungewohnt offen über Druck, Scham und Selbstzweifel – und darüber, warum Hoffnung für ihn kein Gefühl, sondern eine Entscheidung ist.

Der Arzt, Podcaster und Influencer Aljosha Muttardi war einer der Fab5 bei der Netflixserie "Queer Eye Germany" (Bild: Maïscha Souaga)
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3. Mai 2026, 11:18h 7 Min.
Aljosha Muttardi ist jemand, der sich nicht auf eine einzige Rolle reduzieren lässt. Er arbeitet als Arzt in einem Krankenhaus, ist Aktivist, Content Creator und eine der sichtbarsten queeren Stimmen im deutschsprachigen Raum. Viele kennen ihn aus der Netflix-Produktion "Queer Eye Germany", wo er mit Empathie, Humor und einer spürbaren Verletzlichkeit Menschen begleitet hat, die sich selbst aus dem Blick verloren hatten. Auf Social Media spricht er über Veganismus, mentale Gesundheit, Rassismus, Körperbilder und gesellschaftliche Ungleichheit und tut das mit einer Mischung aus Direktheit, Selbstironie und politischem Bewusstsein, die ihn so unverwechselbar macht.
Am 4. Mai erscheint im Droemer Verlag sein erstes Buch "Gut wird's hier nicht mehr, aber besser". Darin verbindet Muttardi seine persönliche Geschichte mit einer Analyse der Welt, in der wir leben. Er schreibt über Scham, Angst und das Ringen um Selbstakzeptanz, aber auch über die Frage, wie man in einer hyperbeschleunigten, von Krisen geprägten Zeit überhaupt noch authentisch bleiben kann.
Im Gespräch mit queer.de zeigt er sich reflektiert, offen und gleichzeitig suchend. Er spricht darüber, wie Social Media unsere Wahrnehmung verzerrt, wie ihn seine Arbeit im Krankenhaus politisiert hat und warum er trotz allem daran glaubt, dass Veränderung möglich ist. Vor allem aber wird deutlich, wie sehr er darum kämpft, ein Mensch zu bleiben, der sich selbst nicht verliert, während er versucht, die Welt ein kleines Stück besser zu machen.

Aljosha Muttardis Buch "Gut wird's hier nicht mehr, aber besser" erscheint am 4. Mai 2026
Du bist Arzt, Aktivist, Content-Creator und vieles mehr. Wie schaffst du es, all diese Rollen unter einen Hut zu bringen, ohne dich zu verlieren?
Ich glaube nicht, dass ich das immer gut schaffe. Ich bin Teil dieser leistungsgetriebenen Hustle-Culture und habe oft das Gefühl, nie genug zu sein oder genug zu machen. Innehalten fällt mir schwer. Gleichzeitig ist mein Buch für mich ein Ort, an dem ich Gedanken endlich zu Ende führen kann, ohne den Druck von Social Media.
Trotzdem bleibt es viel. Wenn man in der Öffentlichkeit steht, lebt man ständig mit der Angst, an Relevanz zu verlieren. Das ist auch ein Grund, warum ich wieder als Arzt arbeite. Es gibt mir Struktur und ein Stück Sicherheit zurück. Ich struggle also genauso wie viele andere, auch wenn es von außen manchmal anders wirkt.
In deinem Buch erzählst du von Scham, Angst und dem Gefühl, "nicht normal" zu sein. Was hat dir damals am meisten geholfen, trotzdem weiterzugehen?
Es gab nicht diesen einen Moment. Es war eine lange und oft schmerzhafte Reise. Als Kind dachte ich wirklich, ich sei falsch und kaputt, weil ich einfach nur normal sein wollte und niemanden enttäuschen wollte.
Mit der Zeit kamen viele kleine Ereignisse, die mir gezeigt haben, dass ich nicht allein bin. Positive Reaktionen, Menschen, die mich gesehen haben. Ein großer Wendepunkt war für mich "Queer Eye Germany". Zum ersten Mal war ich in einem queeren Umfeld und nicht mehr in meiner extrem heteronormativen Bubble aus Schule, Uni und Krankenhaus.
Gab es in deinem Coming-out-Prozess einen Moment, der für dich alles verändert hat?
Bei mir war es definitiv nicht das Outing vor meinen Eltern. Das war eher der schwierigste Teil. Ich habe lange gebraucht, um das Wort "schwul" für mich anzunehmen, weil ich so viel internalisierte Queerfeindlichkeit mit mir herumgetragen habe. Ich wollte nicht, dass man es mir ansieht, und habe es früher sogar als Kompliment empfunden.
Mein Coming-out war ein Prozess, in dem ich zuerst die Bedürfnisse meiner Eltern über meine eigenen gestellt habe. Ich hätte ihre Unterstützung gebraucht, aber ich war damit beschäftigt, sie nicht zu überfordern. Dieses innere Kind, das einfach nur geliebt werden will, begleitet viele von uns sehr lange.
Was bedeutet für dich authentisch sein heute und wie unterscheidet es sich von früher?
Authentizität ist für mich heute ein Versuch und kein Zustand. Niemand ist zu hundert Prozent transparent, auch ich nicht. Ich poste kein Foto, auf dem ich mich komplett unwohl fühle, aber ich möchte trotzdem ehrlich und verletzlich sein und über meine Gefühle sprechen.
Für mich bedeutet Authentizität, die eigene Realität einzuordnen. Dazu gehören meine Privilegien, meine Wirkung und meine Fehler. Früher habe ich weniger über mich gesprochen und mehr über Themen. Heute versuche ich, beides zu verbinden und Menschen einen realistischeren Blick zu geben.
Welche Ungerechtigkeit macht dich im Alltag am wütendsten?
Mich frustriert am meisten, wie stark Privilegien und Ignoranz zusammenhängen. Menschen, die am meisten haben, nehmen oft den meisten Raum ein und wehren sich am stärksten gegen Veränderungen. Für sie fühlt sich Gerechtigkeit schnell so an, als würde ihnen etwas weggenommen. Das sehe ich in meiner Arbeit ständig. Und es macht mich wütend, dass genau diese privilegierten Menschen politische Entscheidungen treffen, während diejenigen mit weniger Ressourcen gegeneinander ausgespielt werden.
Wie prägt deine Arbeit als Arzt deinen Blick auf mentale Gesundheit und soziale Gerechtigkeit?
Im Krankenhaus sehe ich, wie wenig präsent diese Themen dort wirklich sind. Mentale Erkrankungen werden oft nicht ernst genommen. Rassismus und Sexismus sind sichtbar und es gibt kaum funktionierende Antidiskriminierungsstrukturen. Das System ist extrem hierarchisch und patriarchal geprägt. Ich beobachte häufig, dass vulnerable Menschen nicht so aufgefangen werden, wie sie es bräuchten. Krankenhäuser sind für viele kein sicherer Ort, und das sollte eigentlich selbstverständlich sein.
Was hat dir die Sichtbarkeit durch "Queer Eye Germany" gegeben und was hat sie dir abverlangt?
Die Sichtbarkeit hat mir viel mehr gegeben, als sie mir genommen hat. Mein queeres inneres Kind hat sich zum ersten Mal richtig gesehen gefühlt. Ich konnte Make-up ausprobieren, Nagellack, meine feminine Seite. Dinge, vor denen ich früher Angst hatte. Gleichzeitig war es ein intensiver Prozess. Die Dreharbeiten waren anstrengend, und privat ist in dieser Zeit viel passiert, worüber ich öffentlich nie gesprochen habe. Im Buch gebe ich zum ersten Mal kleine Einblicke, soweit es möglich ist.
Gibt es ein Thema, das dir sehr am Herzen liegt, aber online oft untergeht?
Ich spüre eine gesellschaftliche Müdigkeit. Die ständige Reizüberflutung durch Krisen, Kriege, Tierleid und politische Konflikte führt dazu, dass viele Menschen belastende Themen kaum noch aufnehmen können. Das macht meinen Job manchmal schwierig.
Ich glaube, viele Bewegungen würden profitieren, wenn sie ihren Blick weiten. Veganismus ist ein gutes Beispiel. Es gibt mehr Produkte, aber strukturell hat sich wenig verändert. Wenn Menschen finanziell und mental überlastet sind, können wir nicht erwarten, dass sie ihre Ernährung, ihre Kleidung und alles, was mit Veganismus zu tun hat zusätzlich einfach umstellen.
Wie schützt du dich vor dem Druck, ständig performen oder politisch perfekt sein zu müssen?
Ehrlich gesagt, schaffe ich das kaum. Ich mache Therapie und das ist ein großes Thema dort. Therapie ist für mich ein wichtiges Tool, auch wenn sie gesellschaftlich immer noch stigmatisiert ist. Mein Job im Krankenhaus gibt mir Struktur und Abstand zu Social Media. Und ich habe ein sehr liebevolles privates Umfeld, das mich auffängt. Trotzdem lande ich immer wieder im Doomscrolling und habe das Gefühl, nicht genug zu machen. Es fällt mir schwer, stolz auf meine eigenen Erfolge zu sein, selbst jetzt beim Buch.
Was gibt dir Hoffnung, dass es wirklich besser werden kann?
Wenn man die letzten Jahrhunderte betrachtet, geht es der Menschheit im Durchschnitt immer besser, trotz Krisen und Rückschritten. Vieles, was uns heute Angst macht, ist auch eine Frage der Wahrnehmung, die durch Populismus, Medien und Social Media verstärkt wird.
Ich glaube fest daran, dass es besser werden kann, aber nicht von allein. Demokratie und Fortschritt sind hart erkämpft und können schnell verloren gehen. Es hängt davon ab, ob wir unsere Privilegien reflektieren, aktiv werden und laut bleiben. Jede Person in dem Rahmen, der möglich ist.
Aljosha Muttardi: Gut wird's hier nicht mehr, aber besser. Ein Versuch, in dieser Welt klarzukommen. 272 Seiten. Verlag Droemer HC. München 2026. Gebundenes Buch: 22 € (ISBN: 978-3-426-56864-4). E-Book: 18,99 €
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