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Theater für Niedersachsen
Glänzende Inszenierung: Harvey Milk als Opernfigur
Die gestraffte Fassung der Oper "Harvey Milk Reimagined" von Stewart Wallace im Stadttheater Hildesheim begeistert durch Drive und prägnante Szenen. Vincent Stefan und Martin Miotk machen eine aberwitzige Revue daraus – mit Selbstbewusstsein und Geschichtskenntnis.

Eddie Mofokeng als Harvey Milk (l.) und Julian Rohde als Scott Smith in "Harvey Milk Reimagined" (Bild: Tim Müller)
- Von Roland H. Dippel
4. Mai 2026, 18:34h 4 Min.
Erst explodierte im Stadttheater Hildesheim die bildgewaltige Bühnen- und Videovision von Vincent Stefan und des Ausstatters Martin Miotk, dann der überwältigte Saal mit affektiver Parteinahme für Menschenwürde und Freiheit. Der am 27. November 1979 mit dem Bürgermeister George Moscone in San Francisco im Alter von 48 Jahren ermordete Queer-Aktivist und Abgeordnete Harvey Milk gehört zu den schwulen Ikonen des 20. Jahrhunderts. Die biografische Oper "Harvey Milk Reimagined" von Stewart Wallace mit Sprüngen zur queeren Sozial- und Sittengeschichte wurde jetzt durch das ambitionierte Theater für Niedersachsen zum satten Ereignis.
Oper mit Großstadt-Format
Die temporeiche, laute und vieldeutig schrille Produktion würde bestens auch in die Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, ins Münchner Gärtnerplatztheater oder in die Oper Dortmund passen. Doch bis dorthin Gastspiele vertraglich abgesichert wären, ist die Inszenierung, mit der das Theater für Niedersachsen substanziell über die eigenen Grenzen hinauswuchs, bereits abgespielt. Oliver Graf kann "Harvey Milk Reimagined" zu den großen Ereignissen seiner inzwischen einige queere Höhepunkte reihenden Intendanz zählen.
Die erste Fassung gab es in Dortmund 1998
Die tiefgreifende Bearbeitung durch den US-amerikanischen Komponisten (geb. 1960) ist eine Ideen und Möglichkeiten inspirierende Spielvorlage. Ältere erinnern sich an die Dortmunder Europa-Premiere 1998. Drei Stunden dauerte "Harvey Milk" damals. Ein Ereignis war Wallaces Oper auch, weil der queeraktive Intendant John Dew seine Inszenierung von amerikanischen Opernhäusern nach Deutschland gebracht hatte. Zur Inszenierung des Biographical über Harvey Milk verlegte sich Dew damals auf einen gepflegt erzählenden Realismus, der einigen flach und sentimental vorkam. Die Resonanz fiel damals gegenüber den hohen überregionalen Erwartungen ab. Generell hielt man die Produktion nicht für der Bedeutung des politischen Inhalts angemessen.
Wallaces komprimierte Bearbeitung von 2022 mit verkleinertem Orchester, dafür radikal erweiterter metaphorischer und appellativer Bedeutung bietet jetzt ein ganz anderes dramatisches Potenzial. Die jüdische Trauerzeremonie setzt wie das Requiem in Webbers "Evita" den Rahmen um die Biografie, dazwischen wird es entschieden scharf und kantig. Die Stimme von Harveys besorgt vor Holocaust und Homosexualität warnender Mama durchschneidet die Szenen. Humaner Aktivismus und konservative Ängste wechseln, die schwule Befreiungsbewegung kommt ins Bild. Aus der linearen Komposition entwickelte Wallace eine durch das Sounddesign im Stadttheater Hildesheim massiv eindringliche, ja bedrohliche Direktheit.
Ehrliche Bilder aus Hoch- und Subkultur
Auf Überwältigung setzen in der deutschen Erstaufführung der impulsiv und motorisch wirkenden Neufassung Vincent Stefan und Martin Miotk. Stefan und Miotk haben sich mit einer Vielzahl schwuler Identitäten vor und nach Stonewall beschäftigt. Sie erweitern die ikonischen Zeichen, spielen mit sexuellen Attributen und Requisiten, versetzen queere und heteronormative Gegensätze in einen überwältigenden Wirbel aus Formen und Farben.
"Mein Stern besteht aus einem gelben und einem pinken Dreieck", singt Harvey an einer entscheidenden Stelle. Opernchor und Extrachor (Herausforderung für den Leiter Achim Falkenhausen) werden eingesetzt, um aus der schwulen Fokussierung die allgemeingültige Konstellation herauszukristallisieren. Die "Männer ohne Frauen in der Oper" werden fast zu Karikaturen. Sex gerät zur mechanischen Choreografie, und der Geschlechterdualismus wird durch die Besetzungen aufgehoben.
Klassische Muster, starke Bilder
In der Titelpartie erhält Eddie Mofokeng den ganz großen Auftritt. Julian Rohde ist als Scott Smith kein forscher Macher, sondern der feinsinnig im Hintergrund Beobachtende. Regie und Bild zeigen bei diesem Männerpaar weniger das Außerordentliche als das Allgemeine. Die gesellschaftlichen und visionären Kräfte sind reißender und stärker als die Privatimpulse. Wallace verkabelt sich mit der Kunstform Musiktheater nicht nur durch "Walküre"- und "Tosca"-Zitate (natürlich die Diva in diskreter Ähnlichkeit zu Maria Callas) bei Harveys ersten Opernbesuchen, sondern auch in sehnsüchtig wirkenden Bezügen zu alten Mustern. So trumpft David Soto Zambana in der Konfliktrolle des frustrierten Jedermanns und Mörders Dan White auf wie ein klassischer Schurke. Mario Klein, Gabrielė Jocaitė, Neele Kramer (Mama) und Xïa Wang modellieren plkastische Nebenpartien und Episodenfiguren, die bei Stefan und Miotk im Strudel der Massen, Projektionen und Farben aufgehen.
Erstarktes Selbstbewusstsein
Viel weiter als vor 30 Jahren zur Erstfassung weicht in "Harvey Milk Reimagined" die indirekte Bitte um Mitleid und Anerkennung aus Randgruppen-Perspektive einem stolzen und künstlerischen Selbstbewusstsein. Eine queere Ikonografie muss nicht erst eingeführt werden, sondern man setzt deren Kenntnis setzt beim Publikum voraus. Durchaus im Sinne des französischen Philosophen Michel Foucault, der Homosexualität über die Definition als sexuelle Orientierung hinausdachte und als Chance für Beziehungsformen außerhalb, staatlicher, religiöser und einengender Moraldiktate betrachtete.
Fast ungerechterweise ging das zu Lasten der tfn_philharmonie unter Sergei Kiselev, die in den Farbrausch des Gesamtkunstwerks eine eigene, allerdings im Trubel nicht sonderlich deutlich bemerkbare Palette erhielten. Das wird unwesentlich, wenn politisches Anliegen und kreative Individualität so glänzend und bestechend aneinander geraten wie in dieser Premiere des Theater für Niedersachsen.
Anlässlich des Internationalen Tages gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transfeindlichkeit (IDAHOBIT) kommt am Sonntag, 17. Mai, 15 Uhr der Film "Milk" im Thega Filmpalast zur Aufführung. Anschließend finden um 18 Uhr im Stadttheater eine Gesprächsrunde und um 19 Uhr eine Vorstellung der Oper "Harvey Milk Reimagined" statt.
Links zum Thema:
» Mehr Infos zur Oper, Termine und Karten auf der Homepage des Theaters für Niedersachsen
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