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TV-Tipp
ZDF-Biopic "Olivia": Queeres Empowerment zur Primetime
Vom jungen Oliver, der verschämt den Lippenstift der Mutter ausprobiert, zur Hamburger Kiezgröße: Das ZDF erzählt in "Olivia" die Geschichte des deutschen Drag-Stars Olivia Jones – mit Rückschlägen, ungeheurem Mut und ganz viel Glitzer.

Johannes Hegemann als Olivia Jones: Das Biopic "Olivia" ist seit 5. Mai 2026 in der ZDF-Mediathek verfügbar und wird am 13. Mai um 20:15 Uhr im ZDF ausgestrahlt
- Von
5. Mai 2026, 08:38h 4 Min.
Der blonde Junge legt sich eine lange Perlenkette um, klipst sich Ohrringe an, schlüpft in ein viel zu großes Kleid, dazu wackelige Schritte in ebenfalls zu großen Stöckelschuhen, und der Lippenstift sitzt auch noch nicht ganz.
Doch Oliver fühlt sich wohl. "Hallöchen", sagt er zu sich selbst, dem 13-Jährigen gefällt sein Spiegelbild, er tanzt durchs Wohnzimmer. So fühlt sich Freiheit an – an einem sonst viel zu engen Ort. Die Wände des Hauses sind holzvertäfelt, eine wuchtige Schrankwand in Eiche rustikal dominiert den Raum.
"Was soll nur aus dir werden?"
Plötzlich bricht Panik aus, weil der neugierige Nachbar ihn durchs Fenster entdeckt, außerdem kommt seine Mutter zurück. Sie, gespielt von Annette Frier, erwischt ihn, ist sprachlos und geschockt. "Was soll nur aus dir werden?", fragt sie den verschämten Jungen.
Vermutlich kennen fast alle Zuschauer*innen die Antwort, sie wird dennoch ausgesprochen. Ein Schnitt, fast 35 Jahre später sagt Olivia Jones wieder "Hallöchen". Sie steht in ihrer eigenen Bar, umringt von Fans, der Lippenstift sitzt perfekt. Sie hat das geschafft, wovon der Junge nur träumen konnte. Doch bis dahin musste sie einen beschwerlichen Weg entlanggehen.
Eine echte Heldinnenreise
Das Biopic "Olivia" erzählt, wie aus dem schüchternen Jungen aus der Kleinstadt Springe in der Nähe von Hannover eine gefeierte Hamburger Kiezgröße wird. Der Weg von Oliver Knöbel zu Olivia Jones, der bekanntesten Dragqueen Deutschlands.
Es ist eine echte Heldinnenreise. Oliver hat ein klares Ziel vor Augen. Er näht Glitzerkleider, will von der Travestie leben. Homofeindliche Beleidigungen in der sonst verschlafen wirkenden Backsteinsiedlung stoppen ihn nicht, im Gegenteil. Er will es allen beweisen. Auch seiner Mutter, für die er Abschaum ist.
Instagram | Trailer zum Film
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Erste Auftritte, erste One Night Stands
Die Entschlossenheit ist bemerkenswert, mit der Olivia Jones ihre Karriere vorantreibt. Sie ist aber vor allem urkomisch, wenn etwa der Musterungsbescheid dazwischenzufunken droht. Im dunkelroten Glitzercocktailkleid und mit hellblonder Lockenperücke betritt sie das Kreiswehrersatzamt. Wie sie versucht, den Arzt zu bezirzen, um den herbeigesehnten Ausgemustert-Stempel zu ergattern, gehört zu den besten Szenen des Films. Zumal sich das Ganze tatsächlich so abgespielt haben soll, wie sie in einem Interview bestätigte.
Und auch sonst macht das Biopic von Regisseur Till Endemann viel richtig: Er erzählt konventionell, aber der Flow stimmt, der Film schreitet flott und pausenlos voran, aber es gibt auch viel zu erzählen: Absagen, erste Auftritte, erste One Night Stands, Zickenkrieg mit alteingesessenen Stars (in einer großartigen Nebenrolle: Victor Schefé als intrigante Lulu), ein Fernsehauftritt bei Lilo Wanders, die Angst vor HIV, das legendäre Interview auf einem NPD-Parteitag, die tränenrührende Unterstützung der Travestie-Wahlfamilie, aber immer auch die Suche nach Liebe und Anerkennung, vor allem der Mutter.
"Du hast den Farbfilm vergessen" lipsynct Olivia bei den ersten Auftritten
Ein Gefühl für die Zeiten vermittelt "Olivia" vor allem über die Songs: "Enjoy the Silence" von Depeche Mode, Queens "I Want to Break Free" beim Staubsaugen, "Du hast den Farbfilm vergessen", lipsynct sie bei den ersten verpatzten Auftritten, und auch "Smalltown Boy" von Bronski Beat darf nicht fehlen. Eine solide Auswahl.
Das Einzige, was richtig nervt, ist der penetrant-beliebige, fast pausenlose Piano-Klangteppich in den Kinder- und Jugendszenen von Oliver. Und auch von den fernsehfilmtypischen Gegenlichtbildern konnte man sich offenbar nicht verabschieden.
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Breites Grinsen, breite Schultern
Der Schauspieler Johannes Hegemann wird Olivia im Laufe des Films immer ehrlicher. "Einen Besseren hätte man gar nicht finden können", urteilt Olivia Jones im Interview mit der Hannoveraner Lokalzeitung "Neue Presse".
Das liegt sicher auch an seinem breiten Grinsen und seinen genauso breiten Schultern. Und natürlich tragen auch die ordentlichen Kostüme dazu bei, wo kaum an Glitzer und Pailletten gespart wurde – an Annette Friers Perücke jedoch schon.
Träume sind greifbar
"Olivia", das auf der Autobiografie "Ungeschminkt. Mein schrilles Doppelleben" basiert, reißt aber auch Olivia Jones' politische Dimension an: Sie engagiert sich gegen Rechts und macht sich stark für Toleranz und Vielfalt. Das ist nur eine Message des ZDF-Films.
Olivia Jones kann auch als Vorbild für alle queeren Menschen dienen: Träume sind greifbar, trotz einer feindlichen Umgebung. Der Kampf lohnt sich, auch wenn er hart ist. Das sind nicht die schlechtesten Botschaften, die in der ZDF-Primetime laufen könnten.
Das Biopic "Olivia" ist seit 5. Mai 2026 in der ZDF-Mediathek verfügbar und wird am 13. Mai um 20:15 Uhr im ZDF ausgestrahlt
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