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Interview
Johannes Hegemann, wie fühlt es sich an, eine der bekanntesten Dragqueens zu verkörpern?
Im ZDF Biopic "Olivia" schlüpft Johannes Hegemann in die Rolle von Olivia Jones. Im Interview spricht er darüber, wie er sich dieser Herausforderung genähert hat und welche Bedeutung queere Repräsentation für ihn persönlich gewonnen hat.

Johannes Hegemann als Oliver Knöbel alias Dragqueen Olivia Jones im Biopic "Olivia" (Bild: ZDF / Thomas Leidig)
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6. Mai 2026, 06:35h 5 Min.
Seit Dienstag ist in der ZDF-Mediathek ein echtes Highlight zu sehen: die Doku "Olivia", die den beeindruckenden Aufstieg von Oliver Knöbel zur Ikone Olivia Jones erzählt. Der Film zeigt, wie ein unsicherer Junge aus einer niedersächsischen Kleinstadt trotz Ablehnung, Spott und familiärer Härte unbeirrt seinen Traum verfolgt, auf der Bühne zu stehen.
Mit viel Tempo, Humor und emotionalen Momenten begleitet die Doku Olivias Weg durch erste Auftritte, Rückschläge und die Suche nach einer Wahlfamilie bis hin zu ihrem Durchbruch auf St. Pauli. Gleichzeitig setzt der Film ein starkes Zeichen für Vielfalt, Mut und Selbstbestimmung. "Olivia" wird so zu einem inspirierenden Porträt einer queeren Persönlichkeit, die zeigt, wie weit man kommen kann, wenn man sich selbst treu bleibt (Filmkritik von Fabian Schäfer).
Verkörpert wird Oliver bzw. Olivia Jones von Johannes Hegemann. Der in Jena geborene und in Zürich aufgewachsene Schauspieler zählt zu den spannendsten Nachwuchstalenten im deutschsprachigen Theater. Seit 2020 ist er festes Ensemblemitglied am renommierten Thalia Theater Hamburg und wurde 2022 sowohl zum Nachwuchsschauspieler des Jahres gewählt als auch mit dem Boy Gobert Preis ausgezeichnet.
Im Interview mit queer.de spricht er nun über diese große Verantwortung, eine der bekanntesten queeren Personen Deutschlands zu verkörpern, darüber, wie er sich auf die Rolle vorbereitet hat und wie die Dreharbeiten seinen Blick auf queere Repräsentation verändert haben.
Johannes, du verkörperst in "Olivia" die Transformation von Oliver zu Olivia Jones. Was war für dich der entscheidende Zugang zu dieser Rolle?
Der entscheidende Zugang war letztlich, die Verletzlichkeit und Berührbarkeit der Figur zu finden. Eine Intimität zu erzeugen. Neben all der äußerlichen Annäherung an die Ikone Olivia Jones war mir sehr wichtig, einen vielschichtigen, nahbaren jungen Menschen zu zeigen.
Wie hast du die Balance gefunden zwischen der realen, sehr bekannten Person Olivia Jones und deiner eigenen Interpretation ihrer queeren Identität?
Dadurch, dass nur Olivia in der Öffentlichkeit steht, nicht aber Oliver, und wir ja vor allem eine Zeit erzählen, die schon ein paar Jahre zurückliegt, konnte ich mir da einige Freiheiten nehmen. Natürlich habe ich mich in Stimme, Sprechweise und Körperlichkeit sehr Olivia angenähert. Aber für die emotionale Tiefe der Figur habe ich vor allem meiner eigenen Interpretation Raum gegeben.
Die Drag-Welt ist politisch, laut, empowernd. Welche Aspekte von Drag haben dich beim Dreh am stärksten überrascht oder verändert?
Als ich zum ersten Mal in Drag performt habe, das war noch vor dem Dreh bei Proben, da habe ich diese enorme Kraft, diese Erhabenheit und Stärke gespürt, die Drag einem geben kann. Die Veränderung der Persönlichkeit, die damit einhergeht. Ich war total geflasht von der Wirkung, die ich auf einmal auf die anderen hatte, und das hat mir sehr viel Selbstvertrauen gegeben.

Szene aus "Olivia": Gemeinsam mit einer jungen Pastorin (Karin Hanczewski, l.) darf Olivia Jones (Johannes Hegemann, r.) auf dem Hamburger Michel als erste Dragqueen das "Wort zum Sonntag" in der ARD ansagen (Bild: ZDF / Bjørn Haneld)
Der Film zeigt queeres Aufwachsen in einer konservativen Kleinstadt der 1970er und 1980er Jahre. Welche Momente dieser Geschichte haben dich persönlich am meisten berührt?
Wenn der kleine Oliver am Anfang heimlich die Kleider seiner Mutter anzieht, dann erwischt wird und bestraft wird, aber gar nicht versteht, was daran falsch sein könnte. Mich berührt die Unschuld, mit der Oliver einfach nur er selbst sein möchte und wie er trotz all der Ablehnung und Beschimpfungen, die er erfährt, niemals seine Zugewandtheit, seine Offenheit und seinen Humor verliert. Und wie er irgendwann versteht, dass nicht er falsch ist, sondern die Umgebung, in der er aufwächst, die ihn nicht so sein lassen kann, wie er ist.
Olivia Jones betont, dass queere Rechte heute wieder unter Druck geraten. Wie nimmst du diese gesellschaftliche Entwicklung wahr, gerade nachdem du so tief in eine queere Biografie eingetaucht bist?
In den USA werden systematisch queere Rechte eingeschränkt und aufgehoben. In Ungarn wurden unter Orban jegliche CSD-Veranstaltungen generell verboten. Und auch in Deutschland steigen queerfeindliche Straftaten und Hasskriminalität immer weiter an. Die gesellschaftliche Entwicklung hin zu mehr Toleranz und queeren Rechten, die in den letzten Jahren von vielen Aktivist*innen erkämpft worden ist, ist spürbar rückläufig. Das ist beunruhigend, und ich finde es wichtig, Position zu beziehen und dem etwas entgegenzusetzen.
Du hast in früheren Interviews über Eitelkeit und Verletzlichkeit im Schauspiel gesprochen. Wie hat sich das angefühlt, wenn Drag plötzlich Teil deiner Arbeit wurde – ein Feld, in dem Körper, Inszenierung und Selbstbewusstsein so eng zusammenhängen?
Das hat sich super angefühlt. Die Drag-Performances haben sehr viel Spaß gemacht. Ich habe mich ziemlich sexy gefühlt und hatte, wie schon beschrieben, diese wahnsinnige Power und Selbstsicherheit. Mein Publikum waren die Filmcrew und die Statist*innen – und für die habe ich alles gegeben.
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Was wünschst du dir, wie die queere Community auf deine Darstellung reagiert – gerade, weil du eine so prägende Figur der deutschen Queer-Kultur spielst?
Ich hoffe natürlich, dass viele meine Interpretation von Olivia und Oliver mögen, sich vielleicht auch in ihrer eigenen Geschichte und ihren eigenen Erfahrungen gesehen fühlen und nicht zuletzt einfach Spaß haben an diesem Film.
Hat die Arbeit an "Olivia" deine Sicht auf queere Repräsentation im deutschen Film verändert, und welche Geschichten würdest du dir künftig stärker auf der Leinwand wünschen?
Die deutsche Filmindustrie steht unter Druck. Es wird weniger gedreht, es gibt weniger Geld, und der reaktionäre Zeitgeist wird Einfluss haben auf unabhängige, mutige, künstlerische Entscheidungen. Ich wünsche mir, dass wir nicht aufhören, queere Geschichten zu erzählen, weil das relevante, inspirierende, lebensbejahende und berührende Geschichten sind.
Wenn du an junge queere Menschen denkst, die vielleicht wie Oliver in einer Umgebung aufwachsen, in der "anders sein" schwierig ist: Was würdest du ihnen heute mitgeben?
Dass sie toll und liebenswert sind, so wie sie sind. Das ist vielleicht etwas simpel und ich weiß auch nicht, ob es ihnen gerade wirklich weiterhilft. Aber ich würde gerne Mut machen, dass sie noch so viele wunderschöne Momente in ihrem "anders sein" erleben werden, dass sie sich nicht unterkriegen lassen sollen, auch wenn es sich gerade alles schwierig anfühlt.
Das Biopic "Olivia" ist seit 5. Mai 2026 in der ZDF-Mediathek verfügbar und wird am 13. Mai um 20:15 Uhr im ZDF ausgestrahlt
Links zum Thema:
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