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Österreichische LGBTI-Ikone

Ein Auftritt wie aus einer anderen Zeit: Conchita Wurst und der ESC

Conchita Wurst holte den ESC vor zwölf Jahren nach Wien. Seither hat sich die Stimmung in Europa verändert.


Conchita Wurst präsentiert nach ihrem ESC-Sieg stolz den Siegerpokal (Bild: IMAGO / Eibner Europa)
  • Von Ralf Isermann, AFP
    6. Mai 2026, 12:08h 3 Min.

Als im Jahr 2015 das letzte Mal vor dem nun nahenden Wettbewerb der Eurovision Song Contest (ESC) in Wien stattfand, hatte sie einen großen Auftritt vor einem weltweiten Millionenpublikum: Die Kunstfigur Conchita Wurst sang damals noch einmal ihr "Rise Like a Phoenix", mit dem sie als vollbärtige Diva in einem prächtigen Kleid 2014 den ESC gewonnen hatte.

Der Auftritt erscheint heute wie aus einer anderen Zeit – und das nicht nur, weil sich der hinter Conchita Wurst steckende Künstler Thomas "Tom" Neuwirth im Januar unmissverständlich vom ESC abwandte (queer.de berichtete). "Ich ziehe mich fortan aus dem Eurovision-Kontext zurück", erklärte Neuwirth da. Gründe dafür lieferte er damals nicht. Die Entscheidung sei "persönlich". Weitere Kommentare lehnte er ab.

Auch die mit dem Aufstieg von Conchita Wurst verbundene queerfreundliche Stimmung in Europa scheint seither gekippt zu sein. Der queere Verband LSVD+ bringt dies so auf den Punkt: "Allein der Anblick einer Dragqueen, einer trans Person oder eines lesbischen oder schwulen Paars kann Gewalttäter motivieren, brutal zuzuschlagen." Auch Conchita Wurst war Dragqueen – nach dieser Einschätzung würden ihr heute in Deutschland Prügel drohen.

Die von dem Verband beschriebene Stimmung lässt sich auch mit Zahlen unterlegen. Im Februar antwortete das Bundesinnenministerium auf eine Anfrage der Grünen im Bundestag, dass es 2025 in Deutschland 2048 Fälle von Hasskriminalität gegen queere Menschen gegeben habe. Nach einer Übersicht von LSVD+ bedeutet dies mehr als eine Verzehnfachung der Zahl von Delikten in diesem Fallbereich gegenüber dem Jahr, in dem Conchita Wurst die ESC-Bühne betrat. 2014 waren es demnach 184 solcher Taten.

Leichtigkeit ging verloren

Damit scheint über die Jahre die Leichtigkeit zerstört worden zu sein, die Conchita Wurst durch ihren ESC-Sieg in die gesellschaftliche Debatte über queeres Leben brachte. Der am 6. November 1988 im österreichischen Gmunden geborene Neuwirth kann nämlich eigentlich für sich reklamieren, mit Conchita Wurst damals Türen geöffnet zu haben.

Dies ließ sich symbolhaft an den Ampeln erkennen: Die Stadt Wien ersetzte vor dem ESC 2015 an zahlreichen Ampeln die Ampelmännchen durch Ampelpärchen, mal hetero, mal schwul, mal lesbisch (queer.de berichtete).. Viele Städte fühlten sich angesprochen und ahmten das nach.

Mit ihrem außergewöhnlichen Aussehen setzte Conchita Wurst ein Statement, das Neuwirth auch öffentlich mit Stellungnahmen unterlegte. "Vor allem der Bart ist ein Mittel für mich, zu polarisieren, auf mich aufmerksam zu machen", sagte er damals. "Was ich mir wünsche, wäre, dass sich die Leute ausgehend von meiner ungewöhnlichen Erscheinung Gedanken machen – über sexuelle Orientierung, aber genauso über das Anderssein an sich." Als er dann tatsächlich den ESC gewann, sah er sich als Teil einer unaufhaltbaren Gemeinschaft.

Neuwirth respektive Conchita Wurst wird beim diesjährigen ESC keine eigene Rolle spielen, im vergangenen Jahr gewann der österreichische Countertenor JJ, dem nun die Aufmerksamkeit gehört. Der ESC bewahrt sich allerdings seine besondere Bedeutung für die queere Szene, die den in diesem Jahr zum 70. Mal stattfindenden Wettbewerb schon lange für sich entdeckte.

Diesmal zeigt sich das durch den in den Achtzigerjahren bekannt gewordenen britischen Superstar Boy George. Der mittlerweile 64-Jährige soll für San Marinos Starterin Senhit mit auf der Bühne stehen (queer.de berichtete). Boy George gilt als eine Ikone in der queeren Szene – er trat mit seiner Band Culture Club als einer der ersten Künstler mit Make-up und extravaganten Outfits auf. Der Brite erlebte unzählige Anfeindungen in seiner Karriere – entmutigen ließ er sich nicht.

-w-