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Interview
Doku über ein schwules Paar während des Ukraine-Krieges
Julian Lautenbacher wollte eigentlich einen Film über die queere Community in Kyiv und Tbilisi drehen. Dann griff Russland an – und Julian beschloss, den Kriegsalltag zu dokumentieren. Jetzt feiert "To Dance is to Resist" Deutschland-Premiere.

Der Hybrid-Dokumentarfilm "To Dance is to Resist" feiert am 9. Mai 2026 Deutschland-Premiere beim DOK.fest München (Bild: PM Film Production)
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7. Mai 2026, 06:32h 10 Min.
Techno-Beats, Stroboskoplicht. Der Bass treibt die Tanzenden an, manche tragen kein Oberteil. Eine ausgelassene, freizügige, queere Party – wie sie jedes Wochenende in Berlin, Barcelona oder Brüssel stattfindet. Doch dieser Club ist in Kyiv.
Dann verkündet Ukraines Präsident Wolodymyr Selenskyj, dass Russland das Land überfallen hat. Er bittet die Menschen, ruhig zu bleiben. Es ist der 24. Februar 2022. Seit diesem Tag hat Russland nicht aufgehört, die Ukraine anzugreifen und Menschen zu töten.
Julian Lautenbacher, 33, erlebte diesen Moment in Kyiv. Für den Hybrid-Dokumentarfilm "To Dance is to Resist" begleitete they fast vier Jahre den Kriegsalltag eines queeren Paares und kombiniert das mit inszenierten Tanzszenen. Vor der Deutschlandpremiere des Films beim DOK.fest München nimmt they sich Zeit, mit queer.de über die Doku zu sprechen.

Julian Lautenbacher (Bild: Anita Tor)
Julian, du hast für deinen Film "To Dance is to Resist" sehr viel Zeit in Kyiv verbracht. Erst Ende April warst du wieder in der ukrainischen Hauptstadt. Wie ist die Stimmung dort gerade?
Man merkt sehr, dass der Frühling kommt und wieder alles grün wird. Kyiv ist dann eine sehr schöne Stadt. Vor allem nach diesem sehr kalten Winter dort mit den krassen Blackouts. Da fiel teilweise das komplette Energiesystem aus, es gibt kein Licht, keinen Strom zu Hause, man kann nicht heizen. Ich habe Weihnachten mit meinen zwei Freunden und den Protagonisten des Films Jay und Vol'demar verbracht. Da habe ich kaum noch Hoffnung gespürt.
Wenn man die Leute fragt, wie es ihnen geht, sagen sie: Ja, alles gut. Aber wenn man ihnen tiefer in die Augen schaut, sieht man, dass es den wenigsten wirklich gut geht. Sehr viele Menschen nehmen Antidepressiva, um Depressionen und das Nervensystem zu stabilisieren. Ich bin erleichtert, weil es den Menschen jetzt besser geht als im Winter, es ist wieder ein kleiner Hoffnungsschimmer zu erkennen. Jetzt steht der Sommer vor der Tür, die Leute gehen wieder auf die Straßen.
Wie oft warst du für deinen Film in Kyiv?
Seit der russischen Vollinvasion war ich 15-mal dort, teilweise mehrere Monate am Stück, insgesamt etwa ein Jahr. Von Berlin ist man 26 Stunden im Zug unterwegs, da hatte ich immer viel Zeit, mir Gedanken zu machen. Die Hinreise war oft voller Vorfreude, weil ich mich auf die Menschen, die zu Freund*innen geworden sind, und auf die Arbeit gefreut habe.
Bei den Rückreisen musste ich öfter weinen, weil ich halt einfach in den Zug steigen kann und die Leute zurücklasse, jedes Mal aufs Neue. Ich darf mit meinem deutschen Pass ins sichere Berlin fahren. Das ist ein Gedanke, mit dem ich oft die ganze Zugfahrt über alleine war. Und wenn ich wieder zu Hause bin, dauert es immer ein paar Tage, bis ich wirklich ankomme und weiß, dass ich hier sicher bin und hier nichts passieren kann.
Wie kam es zu deinem Film? Eigentlich wolltest du überhaupt keine Doku über den Krieg machen.
Meine Verbindung zu Kyiv begann 2021, während Covid. Die Clubkultur war dort weiterhin aktiv und wir sind zum Tanzen hingeflogen. Da habe ich viele Leute kennengelernt und ihre Geschichten gehört. Ich wollte dann eigentlich einen Film über das unsichtbare Band zwischen der queeren Clubkultur von Kyiv und Tbilisi, der Hauptstadt von Georgien, machen. Für diesen ersten Entwurf des Manuskripts habe ich damals eine kleine Förderung von "Neustart Kultur" bekommen und bin im September 2021 nach Kyiv gezogen. Ich habe mich fast wie zu Hause gefühlt, als nach einem halben Jahr die Vollinvasion losging. Das war total surreal.
Du bist dann erstmal zurück nach Berlin. Wie kamst du dorthin?
Das war wirklich krass, weil ich ins Unbekannte gereist bin. Die Situation war aufreibend in Kyiv. In der Nacht davor habe ich noch einen Text fertig geschrieben und ausgeschlafen. Um halb elf morgens hatte ich Dutzende verpasste Anrufe auf dem Handy und sehe Leute mit Koffern auf den Straßen. Es war natürlich alles ausgebucht und nach langem Überlegen bin ich mit einer Freundin am Abend aber trotzdem zum Hauptbahnhof gefahren. Wir wollten einfach unser Glück versuchen. Die haben uns dann einfach in irgendeinen Zug gewunken. Der fuhr nach Lviv, von dort fuhren wir weiter mit dem Bus und standen 18 Stunden an der ukrainischen Grenze, bis wir dann irgendwann nach zweitägiger Reise in Warschau ankamen.
Und wann war für dich klar, dass du den Film trotzdem machen willst?
Ich hatte sehr viel Zeit, darüber nachzudenken. Am Anfang dachte man, diese Invasion dauert nur ein paar Monate, das ist nur ein Druckmittel von Russland, dann ist wieder Frieden. Ich hatte die ganze Zeit noch Kontakt mit den Leuten, und im August oder September 2022 war ich das erste Mal wieder in Kyiv. Da wusste ich, dass ich diesen Film weitermachen, aber den Fokus verschieben will. Weil ich verstanden habe, dass es gerade jetzt wichtig ist, weil das ein historischer Moment ist, ein Einschnitt im Leben so vieler Menschen in der Ukraine ist und ich das einfangen will. Nach dieser Entscheidung habe ich das Script etliche Male umgeschrieben, bis der Film die heutige Form gefunden hat.
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Wie hat sich in der Zeit das Leben deiner Protagonisten Jay und Vol'demar, die zusammen sind, verändert?
Vol'demar hat sich sehr verändert, das sieht man auch im Film. 2022 sieht er noch viel jünger aus, hat noch so eine naive Energie und konnte noch gar kein Englisch. Für die beiden waren die Jahre eine Achterbahnfahrt aus Hoffnung und Einbrüchen, wenn Blackouts und Bombenalarme immer wieder den Alltag bestimmen und die Bedrohung so präsent ist. Das alles ist psychisch wahnsinnig anstrengend. Aber die beiden sind an der Situation sehr gereift. Und ich bewundere ihre Widerstandskraft, sie haben eine unerschöpfliche Energie zum Weitermachen.
Wie hat sich die queere Community in Kyiv seit dem russischen Überfall verändert?
Die queere Community ist kleiner geworden, aber weiterhin sehr aktiv. Der Club ist dabei ein Raum, in dem man sich begegnet, da gibt es sehr viel Rückhalt, man kennt viele Leute und fühlt sich wohl. Vor der Vollinvasion waren in Kyiv viele Internationals, da war viel los auf Grindr, egal, was man dort sucht. Jetzt kennen sich gefühlt alle. Auf einer sexuellen Ebene ist das für viele jetzt beschneidend, weil man sich überhaupt nicht ausleben kann.
Sind queere Rechte für die Community überhaupt ein Thema oder gibt es Wichtigeres?
Es gibt gerade gar nicht die Kapazitäten, sich über die Homophobie im Land aufzuregen, das ist zumindest meine Perspektive. Aber es gibt auch positive Entwicklungen: Im März hat der Oberste Gerichtshof erstmals ein gleichgeschlechtliches Paar als Familie anerkannt . Das erwähnen wir auch am Ende des Films, weil es ein wichtiges Signal ist.
Für manche sind queere Rechte gerade zweitrangig, weil es jetzt darum geht, den gemeinsamen Feind zu bekämpfen. Manche in der Community haben aber auch einen optimistischen Gedanken: Es gibt viele geoutete LGBTQIA+-Menschen im Militär, die queeren Content auf Social Media posten und die Message verbreiten: Wir sind queer und kämpfen für euch. Ich finde das inspirierend, weil so manche Menschen verstehen, dass die sexuelle Orientierung scheißegal ist, wenn jemand an der Front steht.
Lass uns konkret über deinen Film sprechen. Der besteht einerseits aus Alltagsbeobachtungen, aber auch aus inszenierten Tanzszenen. Wie war deine stilistische Herangehensweise an das Thema?
"To Dance Is to Resist" ist ein Dokumentarfilm mit hybrider Struktur und verbindet Verité-Momente, inszenierte Tanz-Performances, persönliche Voiceovers und poetische Bildwelten miteinander. Der Film bewegt sich also fließend zwischen Realität und Erinnerung, zwischen dem, was sichtbar ist, und dem, was emotional spürbar wird. Anstatt einer klassischen chronologischen Erzählstruktur zu folgen, orientiert sich der Schnitt vor allem an Emotionen. Das ist teilweise sehr abstrakt und poetisch und soll dem Publikum das innere Erleben der beiden zeigen – vor allem in der zentralen gemeinsamen Performance von Jay und Vol'demar, die wir in einer stillgelegten Seidenfabrik gedreht haben.
Ich bin stark vom Kino der 1980er und 1990er Jahre inspiriert, insbesondere von Filmen, die eine kraftvolle Bildsprache mit persönlichen und politischen Erzählungen verbinden. Mit diesem Projekt wollte ich diese visuelle Dichte in den dokumentarischen Raum übertragen. Da ich selbst auch aus der Musik komme, spielen der Ton und die Musik eine zentrale Rolle auf der Bedeutungsebene des Films, das war mir ebenfalls sehr wichtig.
Im Kern erzählt der Film von zwei Menschen, die während des Krieges Liebe, Identität und Überleben navigieren, gleichzeitig aber auch von einer größeren Gemeinschaft und dem Akt des Widerstands durch Kunst. Mein Ziel war es, etwas Ehrliches und Lebendiges zu schaffen, formal experimentell, aber getragen von Fürsorge, Verbundenheit und dem Glauben daran, dass persönliche Geschichten eine echte politische Kraft entfalten können.
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"To Dance Is to Resist" feierte seine Weltpremiere beim BFI Flare, dem queeren Filmfestival in London. Wie war das?
Ich bin mit dem Film über die letzten Jahre durch wahnsinnig viele Hürden gegangen. Der Zuspruch vom British Film Institute war deshalb sehr wertvoll für mich. Die Weltpremiere beim BFI Flare in London war für uns ein unglaublich besonderer Moment. Nach über fünf Jahren Arbeit den Film erstmals mit Publikum zu sehen, war emotional sehr bewegend und gleichzeitig auch surreal.
Traurig war aber, dass Jay und Vol'demar kein Visum für Großbritannien bekommen haben, weil ihr Land sie aktuell einfach nicht rauslässt. Ihnen wird damit ein Stück Freiheit genommen, sie sind gewissermaßen eingesperrt. Gerade deshalb finde ich es wichtig, weiterhin über die Ukraine zu sprechen und die Aufmerksamkeit nicht abreißen zu lassen.
Gleichzeitig haben wir bei den Screenings gemerkt, dass die Themen des Films weit über die queere Community hinaus Menschen berühren. Die Gespräche nach den Screenings waren teils sehr ergreifend, und ich freue mich über diesen direkten Kontakt mit dem Publikum immer sehr. Für uns war BFI Flare ein wichtiger erster Schritt, um den Film international zu positionieren und die Aufmerksamkeit auf die politischen und gesellschaftlichen Themen zu lenken, die "To Dance Is to Resist" behandelt. Genau das war immer unsere Hoffnung für den Film.
Bald ist eure Deutschlandpremiere beim DOK.fest München. Wie geht es dann weiter?
Dass der Film beim DOK.fest München läuft und damit zum ersten Mal die klassische queere Festivalbubble verlässt und ein breiteres Publikum erreicht, freut mich wirklich sehr. Die Screenings beim DOK.fest München sind am 9. Mai, 10. Mai, 12. Mai, und am 14. Mai. Am 9./10. werden unsere Editorin Nadiia Khatymlianska und ich für das anschließende Q&A vor Ort sein. Danach läuft der Film in Berlin bei der Doxumentale am 29. Mai im Kater mit anschließender Party und am 2. Juni im b-ware Ladenkino mit anschließendem Q&A.
Außerdem bereiten wir aktuell noch ein besonderes Event für den Pride Month in Berlin vor. Wer den Weg des Films begleiten möchte, findet Updates, Festivaltermine und Einblicke hinter die Kulissen auf Instagram. Uns ist wichtig, "To Dance Is to Resist" auf möglichst vielen Festivals weltweit zu zeigen, weil wir dadurch Aufmerksamkeit für die politischen Themen des Films schaffen können, insbesondere für die Situation queerer Menschen in der Ukraine und die Bedeutung von Kunst und Gemeinschaft in Zeiten von Krieg. Aktuell suchen wir außerdem noch einen Verleih, damit der Film nächstes Jahr regulär ins Kino kommen kann.
Parallel läuft weiterhin unsere Fundraising-Kampagne zur Refinanzierung des Films. Für die Fertigstellung der Postproduktion mussten wir finanziell in Vorleistung gehen. Da freuen wir uns natürlich über jede Unterstützung.
Wird der Film auch in der Ukraine zu sehen sein?
Wir warten aktuell noch auf die Rückmeldung von zwei Festivals in der Ukraine, bei denen wir uns beworben haben. Danach würde ich dort gerne ein großes Community-Event organisieren, vielleicht sogar in dem Club, in dem wir Teile des Films gedreht haben, gemeinsam mit all den Menschen, die Teil dieses Projekts geworden sind und den Film über die letzten Jahre mitgeprägt haben. Für uns wäre das etwas sehr Besonderes, weil "To Dance Is to Resist" ohne die Community in Kyiv niemals existieren würde. Der Film ist aus echten Beziehungen, Vertrauen und gemeinsamen Erfahrungen entstanden.
Das diesjährige DOK.fest München hat noch weitere queere Filme im Programm: "A Song Without Home" über eine trans Frau, die von Georgien nach Wien flieht, "Chosen Family" über vier non-binäre Künstler*innen in der Brüsseler Drag-Szene, "Barbara Forever" über die Pionierin des lesbischen Experimentalfilms Barbara Hammer, "Meine Mütter", Rosa von Praunheims Suche nach seiner leiblichen Mutter, sowie "Meine Väter" von Julia von Heinz über das Doppelleben ihres schwulen Vaters.
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