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Buchtipp

Spermaverklebt durch das Berlin der Neunziger

Steffen zieht nach dem Mauerfall von München nach Berlin, feiert im Café Anal, leiht sich Pornos aus der Videothek und hat gigantischen Sex mit Torsten in der Treibhaus-Sauna. Felix Haß' Roman "Guten Morgen, Berlin" ist eine ehrliche und berührende Liebes-, Stadt- und Selbsterzählung.


In der Schönhauser Allee eröffnete 1993 mit der Treibhaus-Sauna das erste schwule Badehaus im Ostteil Berlins. Zwanzig Jahre später musste es schließen, weil der Mietvertrag auslief (Bild: IMAGO / Jürgen Ritter)
  • 10. Mai 2026, 07:37h 4 Min.

Beim Romantitel "Guten Morgen, Berlin" (Amazon-Affiliate-Link ) musste ich direkt an Peter Fox' Berlin-Hymne "Schwarz zu blau" denken und summte weiter, "du kannst so schön hässlich sein". Eine klischeehafte Opposition von Schönheit und Hässlichkeit, die auch im Roman stattfindet, aber das ist nicht alles. Vielmehr bietet er eine ehrliche und berührende Liebes-, Stadt- und Selbsterzählung.

Musik spielt für den Protagonisten eine wichtige Rolle des sich Erinnerns – und damit auch für den Roman, der sich der Erinnerung eines schwulen Mannes an seine frühen Jahre in Berlin widmet. Kein Wunder also, dass es mit Musikreferenzen noch vor dem ersten Satz der Geschichte weitergeht: Das Epigraph des Buches, "Once upon a time […] we were happy then", lässt zumindest für die Liebe der beiden nach Berlin zugezogenen Protagonisten, dem Münchener Steffen und Torsten aus Dresden, keine Dauerhaftigkeit prognostizieren. Sie lernen sich in der Treibhaus-Sauna kennen. Und von diesem Moment an ist man in Haß' Kartierung einer Stadt gefangen, die sich und seinen Einwohner*innen in den 1990 Jahren zahlreiche neue Räume zur Entfaltung zur Verfügung stellt.

Nähe als Schwäche, Sexlust als Stärke


Der Roman "Guten Morgen, Berlin" von Felix Haß ist im März 2026 im Querverlag erschienen

Ein schwuler, männlicher Erzähler – seine Kämpfe vorprogrammiert: Akzeptanz in der Familie, Dating, Vertrauensängste, HIV/Aids. Nähe sieht er als Schwäche, Sexlust als Stärke. Erhellend kommen die Momente, in denen Steffen in seine Jugend blickt – klassisch psychologisch. Ein Charakter mit Mut zur Selbsterkundung. Einer der wahrscheinlich mutigsten Schritte, den man machen kann. Er ist nicht immer erfolgreich. Man kann zum Ende des Buches gut mitgehen, wenn der Erzähler sich in einer ernüchternden Wendung als Esel bezeichnet. Ein Charakter, dem man als Leser*in nicht unkritisch gegenüber sein kann, wenn er zugibt: "Dies ist kein Geschichtsbuch, sondern ein verwaschener, unklarer Blick durch eine beschlagene Scheibe, verkatert, dies ist ein Brei, ein Gefühl". Und trotzdem lädt das Buch mit seinen unzähligen szenehistorischen Referenzen ein, das Geschichtsbuch aufzuschlagen und zu recherchieren, welche Orte von der Wirklichkeit inspiriert sind, welche es noch gibt und wann nun eigentlich das Café Anal geschlossen hat. Der Erzähler will es nicht sagen.

Die beeindruckende Leistung dieses Romans liegt genau darin, eine historisch-kulturelle Schatzkammer zu sein. Danach weiß man nicht nur, wie merkwürdig es ist, sich in einer Videothek in separaten Abteilungen Pornos auszuleihen, sondern auch, was es mit dem Tal der Ahnungslosen auf sich hat, wie ein homophober Werbespot sich in das Gedächtnis einbrennen kann oder was die beeindruckende Mahnmal-Idee "Bus Stop" war. Ein Portfolio an ernsten und unterhaltsamen Themen: Empfehlung!

Nostalgie pur?

Berlin, schwul, Szene. Fehlt nur noch Sex. Davon gibt es reichlich, und hier zeigt sich eine weitere Seite des Autors: seine Vielseitigkeit. Sex wird als wiederkehrendes Element des Romans gut und unterschiedlich erzählt. Mal euphemistisch beschrieben als Vergnügen, denkt der Erzähler an anderer Stelle daran, wie er die Wohnung seines Freundes "spermaverklebt" verlassen wird. Eine Schlüsselszene für Steffen wird von einer sehr detaillierten Beschreibung begleitet. Sowieso ist das Repertoire des Autors, mal süß, mal lustig, mal philosophisch zu erzählen, sehr unterhaltsam.

Eine leichte Schwere findet seinen Weg, wenn man das Gefühl bekommt, ein "langsames" Berlin verpasst zu haben, das Wohnraum und Heterotopien an jeder Ecke bot. (Heterotopien nannte Michel Foucault die "anderen Räume", in denen Gesellschaftsordnungen sich wenden. Ganz verkürzt gesagt.) Sie wird verstärkt, wann immer der Erzähler diese Zeit mit der Vergangenheit verknüpft. Denn diese, die ist vorbei: "Ach ja, wieder jung zu sein." Nostalgie pur? Es gibt auch komische Vorteile des rückblickenden Erzählerkommentars, der mehrere Jahrzehnte des Schwulseins mitgemacht hat. Zum Beispiel, wenn der im Internet den Satz liest: "You are somebody's reason to masturbate." Manchmal können auch die neuen Medien zum Schmunzeln anregen, aber der Roman erinnert doch klar: Analog wird gelebt.

Felix Haß selbst ist, ähnlich wie Steffen, Münchener und 1995 nach Berlin zugezogen. Nach den drei Krimis, "Angst ist stärker als der Tod" (2015), "Sein letzter Schritt" (2017) und "Blank" (2021), kommt dieser Roman ohne das Krimigenre aus.

Infos zum Buch

Felix Haß: Guten Morgen, Berlin. Roman. 208 Seiten. Querverlag. Berlin 2026. Taschenbuch: 20 € (ISBN 978-3-89656-367-5). E-Book: 12,99 €

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