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Ausblick

So queer wird das Filmfestival von Cannes

Die Internationalen Filmfestspiele von Cannes gelten als das wichtigste Filmfestival der Welt. In diesem Jahr verspricht das Programm so viel Queerness wie lange nicht.


Szene aus "The Man I Love" (Bild: Festival de Cannes)

Wenn am 12. Mai zum 79. Mal die Internationalen Filmfestspiele von Cannes eröffnet werden, wird die Kleinstadt an der Côte d'Azur wie in jedem Jahr für zwölf Tage zum Mittelpunkt des Weltkinos. In diesem Jahr verspricht das Programm des wichtigsten Filmfestivals der Welt dabei so viel Queerness wie lange nicht. Zumindest auf dem Papier, denn viel mehr als ein einzelnes Foto und eine kurze, meist kryptische Inhaltsangabe ist über die Filme, die in Cannes fast ausnahmslos ihre Weltpremieren feiern, vorab meist nicht bekannt.

Wir haben trotzdem schon jede Menge potenzielle Highlights ausgemacht, die an der Croisette für Begeisterung nicht nur bei queeren Filmfans sorgen dürften und sich nebenbei Hoffnungen auf die Queer Palm machen können. Zehn davon stellen wir hier kurz vor.

The Man I Love

Gleich eine ganze Reihe queerer Filmemacher*innen wurde in diesem Jahr in den Hauptwettbewerb um die Goldene Palme eingeladen. Darunter auch Ira Sachs, der zuletzt 2019 mit "Frankie" in Cannes war. Der neue Film des New Yorkers spielt in den 1980er Jahren in New York, wo ein Performance-Künstler sich angesichts einer Krankheit nicht nur mit dem Tod, sondern auch der Schönheit der Kunst konfrontiert sieht. Die Hauptrolle spielt Oscar-Gewinner Rami Malek, als sein Lover ist Tom Sturridge zu sehen, der kürzlich erst in Kristen Stewarts "The Chronology of Water" mitspielte.

La vie d'une femme


Szene aus "La vie d'une femme" (Bild: Festival de Cannes)

Die 55-jährige Gabrielle widmet all ihre Energie ihrer erfolgreichen Karriere als Chirurgin, das Privatleben mit Ehemann und pflegebedürftiger Mutter muss dabei zurückstecken. Doch dann lernt sie eine Schriftstellerin kennen, die ihr für ein Buch bei der Arbeit über die Schulter guckt, und beginnt plötzlich, manche Gewissheit zu hinterfragen. Wie queer der Film von Charline Bourgeois-Tacquet am Ende tatsächlich ist, wird sich zeigen. Doch die Französin hat schon in ihrem Debütfilm "Der Sommer mit Anaïs" von queerem Begehren erzählt. Und ihrer famosen Hauptdarstellerin Léa Drucker würde man ohnehin in jeder Rolle gerne zusehen.

La Bola Negra


Szene aus "La Bola Negra" (Bild: Festival de Cannes)

"Drag Race"-Juroren im Wettbewerb in Cannes? Das dürfte es auch noch nie gegeben haben. Tatsächlich gehören Javier Ambrossi und Javier Calvo seit Beginn des spanischen Ablegers der erfolgreichen RuPaul-Show zum dortigen Panel, und auch sonst sind die beiden in Spanien feste Größen in Sachen queeren Film- und Fernsehschaffens. "La Bola Negra (The Black Ball") ist nun ihr erster gemeinsam inszenierter Kinofilm und erzählt die über verschiedene Zeitebenen hinweg miteinander verwobenen Geschichten dreier Männer. In Nebenrollen dabei: Penélope Cruz und Glenn Close! Dass die beiden Javiers sich während der Produktion des Films nach 13 gemeinsamen Jahren zumindest als privates Paar trennten, verleiht der Weltpremiere in Cannes nun eine ganz eigene Note.

Bitteres Fest


Szene aus "Bitteres Fest" (Bild: Festival de Cannes)

Und noch ein queerer Filmemacher aus Spanien im Rennen um die Goldene Palme. Vor zwei Jahren gewann Pedro Almodóvar mit "The Room Next Door" den Hauptpreis beim Festival in Venedig, nun kehrt er nach Cannes zurück. "Bitteres Fest", der als einziger Film im Wettbewerb keine Weltpremiere ist, sondern in Almodóvars Heimatland bereits in den Kinos läuft, erzählt in einer vertrackten, vielschichtigen Geschichte unter anderem von einem strippenden Feuerwehrmann und einem schwulen Regisseur, der – wem kommt's bekannt vor? – gerne die eigene Biografie bzw. die seiner Mitmenschen in seinen Filmen verarbeitet. Ab dem 30. Juli ist der Film auch auf deutschen Leinwänden zu sehen.

Coward


Szene aus "Coward" (Bild: Festival de Cannes)

Beinahe wäre Lukas Dhont nicht rechtzeitig fertig geworden, doch nun läuft der neue Film des schwulen Belgiers doch wie seine Vorgänger in Cannes. Er handelt von jungen Soldaten im Ersten Weltkrieg, die nicht nur mit einer musikalischen Show in den Gefechtspausen versuchen, der Brutalität des Krieges etwas entgegenzusetzen. Für das Drehbuch tat sich Dhont ("Close") dabei wieder mit dem queeren Autor Angelo Tijssens zusammen, produziert hat den Film einmal mehr unter anderem sein ebenfalls schwuler Bruder Michiel.

Tangles


Szene aus "Tangles" (Bild: Festival de Cannes)

Unvergessen das Jahr, in dem "Shrek 2" im Wettbewerb in Cannes lief, doch dieses Mal sind es deutlich außergewöhnlichere Animationsfilme, die ihren Weg an die Croisette gefunden haben. "Tangles" von Leah Nelson basiert dabei auf der autobiografischen Graphic Novel der lesbischen Cartoonistin Sarah Leavitt und handelt von einer Künstlerin und Aktivistin, die von San Francisco zurück in die Provinzheimat kehrt, als ihre Mutter an Alzheimer erkrankt. Besonders queer ist hier nicht zuletzt das Sprecher*innen-Ensemble: Unter anderem Abbi Jacobson, Beanie Feldstein, Samira Wiley, Bowen Yang und Wanda Sykes leihen dem Film ihre Stimmen.

Jim Queen


Szene aus "Jim Queen" (Bild: Festival de Cannes)

Knallbunt und schrill verspricht ein weiterer Animationsfilm in Cannes zu werden. In "Jim Queen" von Nicholas Athané und Marco Nguyen geht es um Jim, seines Zeichens muskelbepackter Gym-Dauergast und Influencer, der sich kaum retten kann vor Bewunderern. Doch dann droht ein mysteriöser Virus alle Homos hetero zu machen, und bald steht nur noch der loyale Twink Lucien an seiner Seite, um einen Arzt ausfindig zu machen, der angeblich ein Gegenmittel weiß. Viel schräger dürfte beim diesjährigen Festival kaum eine andere Geschichte daherkommen (Trailer auf queer.de).

Club Kid


Szene aus "Club Kid" (Bild: Festival de Cannes)

An Jordan Firstman führt seit ein paar Jahren kaum ein Weg vorbei. Mit queeren Comedy-Videos gelang dem Amerikaner während der Corona-Pandemie der Durchbruch zunächst in den sozialen Netzwerken. Dann spielte er im sexuell recht freizügigen und wunderbar absurden Film "Rotting in the Sun" eine fiktionalisierte Version seiner selbst, bevor er zuletzt auch in Serien wie "English Teacher" oder "I Love L.A." zu sehen war. Jetzt gibt der 34-jährige auch noch seinen Einstand als Regisseur – und zeichnet bei dieser Geschichte über einen Party-Promoter, der erfährt, dass er einen Sohn hat, auch als Drehbuchautor und Hauptdarsteller verantwortlich.

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Teenage Sex and Death at Camp Miasma


Szene aus "Teenage Sex and Death at Camp Miasma" (Bild: Festival de Cannes)

Spätestens mit "I Saw the TV Glow" empfahl sich Jane Schoenbrun vor zwei Jahren als eines der vielversprechendsten Talente des neuen US-amerikanischen Independent-Kinos. Jetzt legt trans und non-binary Filmemacher*in Schoenbrun nach und hat mit "Teenage Sex and Death at Camp Miasma" (Eröffnungsfilm der großen Nebenreihe Un Certain Regard) eine genderqueere, von Meta-Diskursen durchdrungene Hommage an die Teenie-Slasher-Horrorfilme der 1980er Jahre gedreht. Mit dabei: "Hacks"-Star Hannah Einbinder als Regisseur*in in einer polyamourösen Beziehung und Gillian Anderson als von ihr verehrter und aus der Öffentlichkeit verschwundenen Schauspielerin (Trailer auf queer.de).

Du Fioul dans les artères


Szene aus "Du Fioul dans les artères" (Bild: Festival de Cannes)

Wie in jedem Jahr dürften auch 2026 viele der spannendsten queeren Entdeckungen in den Neben- und Parallelsektionen des Festivals zu entdecken sein. In der Quinzaine des Cinéastes etwas läuft "Clarissa", der auf Virginia Woolfs Roman "Mrs. Dalloway" basiert und von den nigerianischen Zwillingen Arie und Chuko Esiri inszeniert wurde. In der Semaine de la Critique ist "Seis meses en el edifico rosa con azul" zu sehen, in dem Regisseur Bruno Santamaría Razo von der Lebensfreude eines Elfjährigen und der HIV-Infektion seines Vaters erzählt. Und ebenfalls dort feiert "Du Fioul dans les artères" Premiere, das Langfilmdebüt von Pierre Le Gall, der darin von einem schwulen LKW-Fahrer erzählt, dessen Einsamkeit zwischen anonymem Raststätten-Sex durch die Begegnung mit einem polnischen Kollegen aufgebrochen wird. Wir sind gespannt!

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