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Richard Wagner
Warum der Fliegende Holländer schwul ist
150 Jahre Festspiele in Bayreuth – und noch immer wird Wagners Werk meist heroisch oder metaphysisch gelesen. Dabei erzählt keine seiner Opern so unverhohlen von verdrängtem Begehren und dessen gesellschaftlicher Ächtung wie "Der fliegende Holländer".

Ryan McKinny beim Opernfestival in Iowa in der Titelrolle des Fliegenden Holländers (Bild: Courtesy of Des Moines Metro Opera, 2025)
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22. Mai 2026, 00:29h 6 Min.
In Richard Wagners erster romantischer Oper sucht ein von Selbstzweifeln geplagter Mann eine Frau an seiner Seite. Es ist jedoch kein erotisches Begehren, das den blassen Herrn in schwarzer Kleidung zur Brautschau treibt. Von Sehnsucht nach Leidenschaft und Zärtlichkeit ist bei ihm nie die Rede. Sein eigentlicher Wunsch ist vielmehr zu sterben. Zahllose Selbstmordversuche sind zwar nicht das einzige, aber das augenfälligste Symptom seiner Depression – ein anderes ist der Verlust jeglicher Zuversicht.
Immerhin ist ihm ein Funke Hoffnung geblieben: Eine Braut, die sich auf eine Scheinheirat mit ihm als Außenseiter einließe, würde ihm Erlösung bringen. Bislang ist es ihm nicht gelungen, eine zu finden – kein Wunder, müsste sie doch sein fehlendes sexuelles Interesse an ihr akzeptieren und die undankbare Rolle einer Alibi-Ehefrau einnehmen.
Er ist mit seinen Trieben nicht im Einklang
Bei aller Todessehnsucht wäre es dennoch ein Trugschluss, sich den Holländer als Mann ohne Libido vorzustellen. Darauf verweist der dynamisch-aufwühlende Einsatz der Streicher, die seine Auftritte immer wieder flankieren – vor allem im Leitmotiv des Sturms, das in der Partitur mehrfach eingesetzt wird und einen schwankenden Rhythmus erzeugt. Wo der Holländer in Erscheinung tritt, bringt er nicht nur eine orkanartige Wetterlage mit sich. Auch in seinem Inneren tost und braust es – er ist getrieben von einer Leidenschaft, die ihm jedoch den Boden unter den Füßen wegzureißen droht. Anders gesagt: Er ist mit seinen Trieben nicht im Einklang. Er empfindet sie als Fluch, weil sie ihn zu einem Ausgestoßenen machen – allein aus diesem Grund wünscht er den Tod herbei. Doch in Wahrheit sehnt er sich nach Zugehörigkeit und Akzeptanz.
Welches Verbot mit seiner Passion berührt wird, findet im Libretto kaum Erwähnung. Der Anlass für seine Verfemung mutet nichtig an: Einst schwor er, das Kap der Guten Hoffnung gegen alle Widrigkeiten zu umsegeln – und wurde dafür zur ewigen Rastlosigkeit verdammt. Die Bestrafung ist unverhältnismäßig, dennoch muss das Holländerschiff fortan als Schreckbild für alle Frommen herhalten.
Schwule Sexualität auf hoher See
Hier drängt sich die Vermutung auf, dass hinter dem vermeintlichen Grund für den Fluch ein Tabu verborgen liegt, das lange Zeit als unaussprechlich galt. Der Psychoanalytiker Wilhelm Stekel äußerte bereits 1921 den Gedanken, dass der legendäre Holländer von einem latent homoerotischen Begehren angetrieben werde, das sein Ziel ständig verfehle. Plausibler erscheint jedoch, dass die Seefahrt dem Holländer und seinen Mannen als Nische für eine Sexualität dient, die nicht sublimiert, sondern konkret ausgelebt wird. Zudem mag Wagner bei der Lektüre seiner Inspirationsquelle "Aus den Memoiren des Herren von Schnabelewopski" (1834) von Heinrich Heine selbst auf diese Idee gestoßen sein. Dort kolportiert der Erzähler an einer Stelle vielsagend, dass die Phönizier den Hafen von Hamburg und Altona womöglich als Zufluchtsort für das untergehende Sodom und Gomorrha gründeten. Gleich darauf kommt der Holländermythos zur Sprache.
Lange war das Thema Homosexualität in der Kultur- und Sittengeschichte der Schifffahrt ein unterdrücktes Kapitel. Allmählich setzt sich die Erkenntnis durch, dass zumindest unter Piraten gleichgeschlechtlicher Sex verbreitet war. Facettenreich spiegelt sich das Phänomen in der schwulen Subkultur des 20. Jahrhunderts als Matrosenfetisch. Zeichnungen von Jean Cocteau oder Tom of Finland zeigen muskelbepackte Seefahrer beim Sex – das Fotografenpaar Pierre & Gilles hat sie in einer eher androgynen Variante beim Küssen festgehalten. Die Disco-Hymne "In the Navy" von Village People preist den Lebensstil auf hoher See. Literarisch hat sich dem Sujet Jean Genet mit der Geschichte des Matrosen Querelle gewidmet. Und das aus der Seefahrersprache stammende "Cruising" ist zum Inbegriff der Kontaktaufnahme für schwulen Sex geworden.
"Gott, was mußt' ich sehen!"
So gesehen erscheint der Anlass, der den arglosen Frauen und Männern während der Hochzeitsvorbereitungen im dritten Akt der Oper die Haare zu Berge stehen lässt, in einem anderen Licht. Aus dem Darkroom des holländischen Schiffsbauchs vernehmen sie plötzlich derbe Geräusche: lauter werdendes Singen, wildes Johlen und vulgäres Gelächter. Dort feiert man eine spezielle Form des Junggesellenabschieds, der mit dem fanfarenartig hervorgestoßenen Geisterruf des Männerchores eingeläutet wird: "Johohe!".
Nach dem orgiastischen Höhepunkt dieses Zwischenfalls – bei dem die Holländer nur zu hören, aber nicht zu sehen sind – herrscht wieder Totenstille. Das Furchterregendste daran sind für die Außenstehenden die Bilder, die ihre eigene Phantasie heraufbeschwört. "Gott, was mußt' ich sehen!", ruft Sentas Verehrer Erik außer sich vor Erregung. Als er sich ihr als Beschützer aufdrängt, wehrt ihn seine Angebetete selbstbewusst ab. Denn das, was Erik schockiert, macht für Senta den Reiz an dem Holländer aus. Dessen Schicksal ist ihr ohnehin längst bekannt – wohl erahnt sie auch dessen sexuelle Vorlieben. Von ihrem Vater als "höchstes Gut" angepriesen, das ihm "mit treuer Kindesliebe ergeben" sei, wurde sie als Teenager um jegliche Möglichkeit zur Rebellion betrogen.
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Umso mehr sehnt sie sich nach einem wilden, unangepassten Lebensstil, wie ihn das Holländerschiff in ihren Augen verheißt. Senta verkörpert den Archetypus jener heterosexuellen Frau, die sich vorzugsweise mit schwulen Männern identifiziert und in deren Nähe sie einen Safe Space findet. Im angloamerikanischen Sprachraum wird sie leicht geringschätzig "fag hag" bzw. auf Deutsch "Schwulenmutti" genannt. Eine Sonderform davon ist die Schwulenikone, der durch die Überhöhung zum Star die Unsterblichkeit zuteil wird. Einen solchen Status erlangt Senta am Ende von drei aufwühlenden Akten, wenn sie im Finale mit dem Holländer zu den Sternen aufsteigt – zum lyrisch-sanften Erlösungsmotiv der Holzbläser. Davor darf es das Orchester mit Pauken, Posaunen und Trompeten aber noch mal richtig krachen lassen.
Das Begehren, das keine Heimat findet
Auch die Vergötterung auf hoher See spiegelt sich in der modernen queeren Kulturgeschichte wider. Barbra Streisand, Marilyn Monroe, Kylie Minogue: Sie alle ließen sich im Sailor-Outfit ablichten. Doch die berühmteste Wiedergängerin Sentas ist die Popgöttin Madonna, die im Matrosenlook von dem schwulen Fotografen Herb Ritts verewigt wurde.
Richard Wagner kam die Idee zur Vertonung des Holländerstoffs während einer stürmischen Schiffsreise. Im Dresdner Hoftheater erwartete man nach dem Erfolg von Rienzi einen Anschlusstriumph. Doch das Uraufführungs-Publikum reagierte im Januar 1843 mit äußerster Reserviertheit auf das Werk. Später räumte Wagner ein, dass die Sänger für ihre Rollen nicht geeignet gewesen seien. Nach nur wenigen Aufführungen wurde das Stück abgesetzt – bis es in Kassel in der Einstudierung von Louis Spohr im Juni desselben Jahres unter dem Einsatz aufwändiger Spezialeffekte seinen Durchbruch erlangte.
Auch heute lässt sich der Holländer als Symbol lesen – für das Begehren, das keine Heimat findet und doch in seiner Andersartigkeit weiterlebt.
Für queer.de hat Axel Krämer seine queere Lesart von "Der Fliegende Holländer" aus dem Opernführer "Casta Diva" neu bearbeitet.
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