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Interview
"Alle queeren Menschen sind in der Gesellschaft weiße Elche"
Jonas Gardells Romanzyklus "Trockne niemals Tränen ohne Handschuhe" gehört zu den wichtigsten schwulen Büchern in Schweden. Gottfried Lorenz hat den Dreiteiler über die Aids-Krise erstmals ins Deutsche übersetzt.

Der Schriftsteller Jonas Gardell, geboren 1963, zählt zu den bekanntesten queeren Stimmen Skandinaviens. Seine Trilogie "Torka aldrig tårar utan handskar" (Trockne niemals Tränen ohne Handschuhe) gilt in Schweden als zentrales literarisches Erinnerungswerk an die Aids-Krise (Bild: IMAGO / TT / Jonas Ekströmer)
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25. Mai 2026, 15:51h 8 Min.
Stockholm, frühe 1980er Jahre. Die ersten Gerüchte. Dann die ersten Fälle. Dann die Namen, die fehlen. Jonas Gardells mehrbändiger Romanzyklus "Trockne niemals Tränen ohne Handschuhe" erzählt die Aids-Katastrophe als Liebesgeschichte und als Protokoll einer Zeit: zärtlich, drastisch, dokumentarisch. Jetzt liegt er erstmals in deutscher Übersetzung vor.
Was es heißt, Gardells Stockholm ins Deutsche zu holen, und wieso wir alle weiße Elche sind, darüber haben wir mit Übersetzer Gottfried Lorenz gesprochen. Über ein Buch, das daran erinnert, wie schnell aus Freiheit wieder Angst werden kann.

Übersetzer Gottfried Lorenz (Archilvbild)
Herr Lorenz, rund 800 Seiten Text, ein schweres Thema, die Aids-Krise, viel Schmerz, viel Verlust. Was hat Sie persönlich dazu bewegt, Jonas Gardells "Trockne niemals Tränen ohne Handschuhe" ins Deutsche zu übersetzen?
Also erstens bin ich stockschwul. Da gibt es kein hin und her. Und zweitens hat mich diese Romanreihe selbst sehr bewegt. Bei einer meiner Reisen bin ich in Stockholm in einem kleinen Buchladen, der nur Taschenbücher hatte, auf dieses Buch gestoßen, beziehungsweise auf diese Bücher, es sind ja drei Teile. Und die haben mich direkt in ihren Bann gezogen, ich habe sie ausführlich gelesen und direkt angefangen, einzelne Stellen zu übersetzen. Dann habe ich es aber doch wieder beiseitegelegt, weil ich dachte, dass es eine sehr schwedische Sichtweise ist und ich für ein deutsches Publikum zu viel erklären müsste.
Sie haben es dann aber doch übersetzt.
Ich habe einigen Menschen, mit denen ich befreundet bin, die HIV-positiv sind, davon erzählt. Und ihnen auch die Verfilmung – die Romanreihe wurde in Schweden sehr erfolgreich zu einer Fernsehserie gemacht – gezeigt. Und die sagten, nachdem sie es gesehen haben: "Das ist doch unser Leben!" Da wurde mir klar, was dort über Stockholm geschrieben ist, könnte genauso über Berlin oder über Hamburg oder Köln oder München geschrieben worden sein. Und dann habe ich mich hingesetzt und mit der Arbeit angefangen.
Jonas Gardell erzählt in drei Teilen die Aids-Pandemie der 1980er und 1990er Jahre. Was haben die Tränen und die Handschuhe damit zu tun?
Sie meinen den Titel des Romans, "Trockne niemals Tränen ohne Handschuhe", "Torka aldrig tårar utan handskar" im schwedischen Original. Der ist etwas sperrig, das ist aber die Ermahnung einer Krankenschwester an ihre junge Kollegin, die einem sterbenden Aids-Kranken mit der bloßen Hand die Tränen abwischt. In dem Titel steckt die Panik und die Angst vor der Krankheit. Die ganze Situation der Schwulen, die in Schweden teilweise noch härter war als in Deutschland. Und das stellt Gardell der Bibelstelle aus der Offenbarung des Johannes gegenüber: Und er wird abwischen alle Tränen, da wird kein Leid und kein Tod mehr sein. Zwischen diesen beiden Sätzen bewegt sich der dreibändige Roman.
Ein sehr dunkles Kapitel queerer Geschichte. Wie erzählt der Roman davon?
Das ist keine leichte Kost. Das Buch nimmt einen sehr mit. Mein Lektor hat mir bei der Arbeit an der Übersetzung dreimal kündigen wollen, weil er es inhaltlich so schwer aushalten konnte. Ich habe dann auch den ehemaligen Aids-Pastor Detlev Gause gebeten, ein kleines Vorwort zu schreiben. Er ist normalerweise in privaten Dingen zurückhaltend und ich hatte mit einer kleinen Notiz von ihm gerechnet. Dann bekomme ich drei Tage später eine Nachricht von ihm, dass er alle drei Bände in einem durchgelesen und einen zwölfseitigen Lebensbericht als Resonanz verfasst hat. Also diese Romanreihe bewegt.
Also vor allem Trauma, Tränen, Traurigkeit?
Nein, gar nicht nur! Die Romane erzählen die Aids-Geschichte in Schweden von den ersten Nachrichten, dass es da eine Krankheit gibt, über die ersten Fälle und die Todesfälle bis dann die ersten Heilmittel gefunden werden. Und natürlich ist da viel Leid und Traurigkeit. Aber außerdem enthält dieser Roman eine Fülle von Liebesgeschichten. Da gibt es Liebeleien, Beziehungen, schwule Ehen. Aber auch die One-Night-Stands. Im Zentrum stehen sieben Männern, die miteinander verbunden sind. Von ihnen sterben fünf an Aids. Nur zwei überleben. Und sie überleben deshalb, um Zeugnis ablegen zu können von dieser Katastrophe.
Sie sagten, dass das Buch sehr schwedisch sei und dass die Situation schwuler Männer in Schweden teilweise härter als in Deutschland gewesen sei. Können Sie das ausführen?
An vielen Stellen kann man den Roman mit veränderten Namen geradezu "deutsch" lesen: Dann ist eben die eine Person einmal Rita Süssmuth, die andere Gauweiler und so weiter und so weiter. Auf der anderen Seite hatte Schweden eine viel liberalere Gesetzgebung schon seit Mitte des Zweiten Weltkriegs. Aber es hatte auch eine Reihe homosexueller Skandale gegeben, in die unter anderem auch der schwedische König involviert war. Daraus wurde sehr viel politisches Kapital geschlagen. In einer der größten schwedischen Tageszeitungen, "Dagens Nyheter", die mit der "Süddeutschen Zeitung" zu vergleichen ist, also eine wirkliche Qualitätszeitung – in ihr erschienen ganz offen und aggressiv homophobe Berichte und Kommentare, die Stimmung gegen schwules und queeres Leben gemacht haben. Die schwedische Medienlandschaft von extrem rechts bis extrem links war homophob.

Auf Deutsch ist die Trilogie von Jonas Gardell in zwei Bänden erschienen. Band I (Amazon-Affiliate-Link ) enthält das erste Buch sowie Anmerkungen und bebilderte Stadtrundgänge. Band II (Amazon-Affiliate-Link ) umfasst die Übersetzung des zweiten und dritten Buches, dazugehörige Anmerkungen, ein Nachwort-Essay sowie eine Resonanz von Detlev Gause
Der Autor, Jonas Gardell, ist eine feste Größe in Schweden. Zahlreiche Bücher, Theaterstücke, er ist im Fernsehen – wieso ist er in Deutschland so unbekannt?
Schweden und dessen Homosexuellengeschichte werden in Deutschland eher als Nischenthemen wahrgenommen. Die Aids-Katastrophe gehört zu den wichtigsten Ereignissen der Schwulengeschichte. Sie beendete den Aufbruch, den es ja in den 1970ern und frühen 1980er Jahren gab. Als Homosexueller dachte man, jetzt haben wir es erreicht. Jetzt können wir machen, was wir wollen, und wir können rumvögeln, so viel wir wollen. Uns kann ja nichts passieren. Aber dann war auf einmal Schluss damit, und das alles brach zusammen. Diejenigen, die ihre Sexualität am freiesten auslebten, waren diejenigen, die als erstes starben. In meinem engsten Freundeskreis habe ich selbst zum Glück niemanden verloren, aber im erweiterten Kreis einige. Aber das wird alles in Deutschland noch immer als schwules Sonderthema behandelt.
Sie bezeichnen das Buch als "Dokumentarroman", was meinen Sie damit?
Die Romanhandlung ist fiktiv. Die Geschichten der sieben Männer sind von Gardell erfunden. Aber alles drumherum ist historisch, dokumentarisch. Neben der Handlung sind immer wieder Dokumente, Zitate aus Zeitungen, Gutachten von Medizinern oder Theologen in den Roman eingefügt, die klar machen, das ist Geschichte, das ist echt. Manchmal mogelt der Autor ein bisschen und dann zitiert er bisweilen Songtexte, die es zu dem Zeitpunkt noch gar nicht gegeben hat.
Sie haben das alles nachgeprüft?
Nicht nur die Songtexte! Ich habe neun Stadtrundgänge in Stockholm gemacht zu den Orten, die im Roman genannt sind. Mein Bericht darüber findet sich auch im Anhang, quasi als Reiseführer. Ich habe viele Anmerkungen gemacht, die schwedische Eigenheiten erklären, die aber auch belegen, dass fast alles, was Gardell da schreibt, nachgeprüft werden kann.
Wieso ist diese Echtheit heute, 2026, wichtig?
Das Buch ist eine Mahnung, das alles nicht zu vergessen. Ich habe dem Buch in der deutschen Übersetzung noch einen Untertitel hinzugefügt: "Weiße Elche in Stockholm". Gardell hat nämlich einen Mythos geschaffen, den Mythos "weißer Elch". Er wird im Roman immer wieder erwähnt. Der weiße Elch symbolisiert den Außenseiter. Wenn man schwedische oder norwegische Zeitungen liest, wird man eigentlich immer mal wieder auf Berichte über weiße Elche stoßen. Und dann gibt es ein paar Naturschützer, die sagen, die wollen wir haben. Und es gibt viele Jäger, die sagen, die schießen wir ab. Denn sie sind widernatürlich, eugenisch schädlich. Die müssen weg. Die weißen Elche, das sind wir als Schwule, als Lesben, als queere Menschen.
An einer Stelle im Roman geht ein kleiner Junge mit seinem eigentlich liebevollen Vater in den Wald zum Beerenpflücken. Und auf einmal sehen sie einen weißen Elch. Der kleine Junge ist fasziniert, aber dann sagt der Vater, der gehört gar nicht hierher. Der muss abgeschossen werden. Und der kleine, etwas besondere Junge versteht, dass mit dem Außenseiter auch er gemeint sei. Denn alle queeren Menschen sind in der Gesellschaft weiße Elche. Die weißen Elche, das sind wir!
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Also auch ein Aufruf an alle queeren Menschen?
Das ist es auf jeden Fall. Gardell ist in Schweden seit langem auch als Aktivist tätig. Zunächst als Schwulenaktivist und jetzt als Queer-Aktivist. Er wendet sich unter anderem gegen bestimmte Stimmen, die unterschiedliche Gruppen aus unterschiedlichen Gründen vom CSD ausschließen wollen. Wir müssen zusammenstehen. Und wer sich für die Sache der queeren Menschen interessiert, ist willkommen. Im engeren Sinne ist das Thema des Romans natürlich die Aids-Krise. Im weiteren Sinne aber die Verfolgung, Stigmatisierung und Instrumentalisierung queeren Lebens in Vergangenheit und Gegenwart. Derzeit passiert das ganz vielen trans Personen, die ständig im Fokus stehen und für politische Belange instrumentalisiert werden.
Ein Schlusswort: "Trockne niemals Tränen ohne Handschuhe" ist also ein Roman, der…
Ein Roman, der an Geschehenes erinnert und vor Entwicklungen in der Gegenwart und der Zukunft warnt. Er hält fest, was in den 1980er und 1990er Jahren passiert ist, als aus Aufbruch Angst wurde und queere Menschen nach einer beginnenden Liberalisierung der Verhältnisse wieder zu Außenseitern gemacht und gestempelt wurden – und zwar von rechts und von links und von der politischen Mitte.
Jonas Gardell: Trockne niemals Tränen ohne Handschuhe oder Weiße Elche in Stockholm. Band I: Die Liebe. 344 Seiten. Herausgegeben und übersetzt von Gottfried Lorenz. Verlag tredition. Ahrensburg 2026. Taschenbuch: 29,99 € (ISBN 978-3-384-69737-0)
Jonas Gardell: Trockne niemals Tränen ohne Handschuhe oder Weiße Elche in Stockholm. Band II: Die Krankheit. Der Tod. 572 Seiten. Herausgegeben und übersetzt von Gottfried Lorenz. Verlag tredition. Ahrensburg 2026. Taschenbuch: 29,99 € (ISBN 978-3-384-75386-1)
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