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Buchtipp
Spielerischer Umgang mit männlicher Identität
Der neue Bildband "Tetris B Mountaingoat" der Fotografin Jana Schulz über den Südafrikaner Bathenkosi Sphesihle Luphalule ist ein gelungenes Beispiel für das Hinterfragen von Männlichkeitsbildern.

Bathenkosi Sphesihle Luphalule, porträtiert von Jana Schulz
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25. Mai 2026, 16:41h 5 Min.
Der Berliner Distanz Verlag, bekannt für sein exquisites Kunstbuch-Programm, lud zu einer Buchpräsentation ins Center for Contemporary Arts ein, dem CCA Berlin am Breitscheidplatz gleich neben der Gedächtniskirche. Präsentiert wurden die neuesten Arbeiten der Fotografin Jana Schulz. Entstanden war daraus ein Buch als fotografisches Porträt des in Südafrika lebenden Bathenkosi Sphesihle Luphalule, eines Schwarzen jungen Mannes. Die Fotos dokumentieren seinen so offenkundig spielerischen Umgang mit männlicher Identität. Sie zeigen dabei eine Männlichkeit jenseits tradierter Zuschreibungen, heißt es in der Ankündigung, und sie verspricht keineswegs zu viel.
Keine Frage, das Thema Männlichkeit ist ein weites Feld und mit nicht wenigen verminten Arealen. Mir fiel natürlich prompt der erfolgreiche Song aus den frühen 1980ern ein – "Neue Männer braucht das Land". Obschon der Song nicht verriet, was das für eine neue Männlichkeit genau sein sollte. Ein Blick in die Wirklichkeit unserer Tage belehrt uns freilich, dass toxische Männlichkeit nichts mit Voreingenommenheit zu tun hat, sondern leider eine Realität widerspiegelt, die das Klischee meistens übertrifft.
Gewiss, Verallgemeinerungen fehlt für gewöhnlich die Bodenhaftung, sie bleiben immer unkonkret und am Ende auch ungerecht. Denn längst hat sich ja eine kritische Männlichkeit zu Wort gemeldet. Da fiele mir wiederum ein Buchtitel ein: "Sei kein Mann" von JJ Bola – ein Beispiel für diese kritische Männlichkeit. Bola rät, männliche Verhaltensweisen zu verlernen. Beim Betrachten der Fotos von Jana Schulz könnte man sie glatt für eine Anleitung dazu halten.
Gibt es "ein Zuwenig an echter Männlichkeit"?

Der Bildband "Tetris B Mountaingoat" ist im März 2026 im Distanz Verlag erschienen
Aber bleiben wir noch einen Moment in der Problemzone. Da schrieb nämlich vor ein paar Tagen ein Professor von der katholischen Hochschule in Köln in der "Neuen Zürcher Zeitung", nicht "ein Zuviel an Männlichkeit" sei das Problem, "sondern ein Zuwenig an echter Männlichkeit" – hoppla, und was ist "echt männlich"? Laut Professor Michael Klein irgendwas "auf der Basis von Mitgefühl, Beschützertendenz und Stärke".
Bei dem Adjektiv "echt" gerate ich stets in eine innere Hab-Acht-Stellung. Und weiter ist zu lesen: Dieser von "links-grünen Kreisen" einseitig geführte Diskurs führe doch nur zur Selbstwertkrise und am Ende zur Radikalisierung. Schon phänomenal, wie einfach das Problem Patriarchat wegerklärt und zum Verschwinden gebracht wird, um mal eben die toxische Männlichkeit einfach der Kritik an ihr in die Schuhe zu schieben.
Gut, lassen wir das, denn eigentlich ist hier ja von einem Beispiel zu berichten, das Männlichkeit ganz anders definiert, ohne in die Beschützerfalle oder in das Bild des starken Mannes zu verfallen. Der junge Mann, den uns die Fotografin zeigt, versucht nämlich das Gegenteil zu tun. Er kreiert einen Habitus, der die Stärke in der Verletzlichkeit und Kreativität sucht, ohne den starken Mann zu markieren.
Sehen und Gesehen-werden
Die Frage ist ja, wie wir Männlichkeit definieren und ob wir sie überhaupt definieren müssen, weil wir sie als Kategorie besser öffnen, als sie weiter in Klischees einzubetonieren. Bathenkosi entschied sich zusammen mit der Fotografin Jana Schulz jedenfalls für das Öffnen. Wir sehen einen nachdenklichen, sinnlichen jungen Mann, der sich seiner Schönheit und seiner erotischen Ausstrahlung sehr bewusst ist, ohne dabei Selbstliebe mit Narzissmus zu verwechseln.
Eines der Fotos nutzt die Magie des Spiegels, um zugleich das Beobachtet-sein durch die Fotografin im Spiegel zu zitieren. Im Grunde ist jedes Foto eine Art Spiegelbild, in der Sehen und Gesehen-werden gleichermaßen präsent sind. Im konkreten Fall hing daran auch die Frage: Was erkennt die Fotografin in dem Fotografierten von sich selbst?
Die Weichzeichnung der Fotos im Wechsel von Schwarz-Weiß und Farbe, das mitunter diffuse Licht, sie zeichnen die Konturen dieses jugendlichen Körpers eher vage. Dazu passt, wie der weiche, fließende Stoff der extravaganten Kleidung den Menschen im wahrsten Sinne umhüllt und den Körper dabei so fluide erscheinen lässt wie die Geschlechtlichkeit, die uns hier präsentiert wird. Verhüllung und Enthüllung wechseln sich ab in den Selbstinszenierungen von Bathenkosi. Aber auch in Aktaufnahmen bleibt es bei dieser eigenwilligen Mischung aus lässig und in sich versunken.
Faszibnierende Choreografie, die die Nähe zum Körper sucht

(Bild: Jana Schulz)
Jana Schulz hat sich hier nicht zum ersten Mal mit dem Thema Männlichkeit fotografisch auseinandergesetzt. Als sie Gast sein durfte in der berühmten Villa Aurora in Los Angeles hatte sie sich eine Gruppe von Boxern ausgewählt, um sie und ihre Welt fotografisch zu erkunden. Das Interesse am Thema Männer, so erklärte sie, habe wesentlich mit der Suche nach einer Antwort auf die Frage zu tun, wie sähe ihr Leben aus, wenn sie als Junge geboren worden wäre. Und wie fühlt sich das an, als Frau unter Männern zu sein und dabei immer wieder konfrontiert zu werden mit der eigenen Unsicherheit. Zugleich beschrieb sie die Fotoarbeit als einen tänzerischen Akt der Annäherung.
Das daraus entstandene Buch gleicht in der Tat einer faszinierenden Choreografie, die die Nähe zum Körper sucht. Es ist zugleich ein gelungenes Beispiel für das Hinterfragen von Männlichkeitsbildern. Der seltsame Titel des Buches "Tetris B Mountaingoat" (Amazon-Affiliate-Link )ist der Künstlername von Bathenkosi, wo "Tetris" für den Namen eines Computerspiels steht und Mountaingoat die englische Bezeichnung für Schneeziege bedeutet. Der aus Nigeria stammende und in Berlin lebende Dichter Logan February hat für das Fotobuch ein Gedicht geschrieben. Darin fragt er an einer Stelle "what is style?". Die Antwort findet man in der hinreißenden Performance dieses jungen südafrikanischen Mannes.
Jana Schulz: Tetris B Mountaingoat. 80 Seiten. 7 Farb- und 35 sw-Abbildungen. Distanz Verlag. Berlin 2026. Softcover mit Klappen: 30 € (ISBN 978-3-95476-852-3)
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