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Interview

Regenbogen allein reicht nicht

Matthias Weber und Lucia Urciuoli vom European Pride Business Network über das CSD-Engagement von Unternehmen, strukturelle Barrieren in der Arbeitswelt, Mikroaggressionen – und warum echte Inklusion eine Frage von Zukunftsfähigkeit ist.


Symbolbild: Regenbogenfahnen vor einer Filiale der Deutschen Bank in Berlin (Bild: IMAGO / Schöning)

Viele Unternehmen schmücken sich im Pride-Monat mit Regenbogenlogos – doch für zahlreiche queere Beschäftigte bleibt der Arbeitsplatz ein unsicherer Ort. Diskriminierung, subtile Mikroaggressionen und fehlende Aufstiegschancen gehören in Europa weiterhin zum Alltag.

Gleichzeitig entsteht eine neue Bewegung – nicht von oben, sondern aus den eigenen Community-Strukturen heraus. Das European Pride Business Network (EPBN), ein Zusammenschluss queerer Wirtschaftsverbände aus mehr als 20 Ländern, wird zunehmend zur zentralen Stimme für LGBTI-Inklusion in Europas Arbeitswelt. Unter den inzwischen 26 Mitgliedern sind auch der Berufsverband VK sowie die Wirtschaftsweiber aus Deutschland dabei.

Als anerkannter Partner der Europäischen Union und des Europarats arbeitet EPBN nicht nur an politischen Standards, sondern baut mit dem EU-Projekt "WISE – Workplace Inclusion for a Sustainable Europe" erstmals europaweite Strukturen auf, die Gleichstellung messbar voranbringen sollen.

Diversity-Experte Pavlo Stroblja spricht mit EPBN-Gründer und Präsident Matthias Weber und Vize-Präsidentin Lucia Urciuoli über strukturelle Barrieren, neue Daten zu Mikroaggressionen – und warum echte Inklusion queerer Fachkräfte längst kein "Nice to have" mehr ist, sondern eine Frage von Sicherheit, Chancengerechtigkeit und Zukunftsfähigkeit.

Matthias, du hast das European Pride Business Network gegründet. Was war dein Antrieb dafür?

Matthias Weber: Als ich EPBN gegründet habe, ging es mir um mehr als Sichtbarkeit im Pride-Monat. Mir fehlte eine europäische Struktur, die queere Berufstätige wirklich stärkt – über Ländergrenzen, Branchen und Sprachen hinweg. Es gab viele engagierte Initiativen, aber keine gemeinsame Stimme, die Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft auf europäischer Ebene zusammenführt.

Meine Motivation war auch biografisch: Ich kenne die Perspektive einer Führungskraft, aber ebenso die eines queeren Menschen, der gelernt hat, sich in heteronormativen Systemen zu behaupten. EPBN soll anderen diesen Weg erleichtern – durch Austausch, Empowerment und konkrete Strategien gegen Diskriminierung.


Matthias Weber ist Gründer und Präsident des European Pride Business Networks (Bild: privat)

Lucia, was ist der inhaltliche Kern des WISE-Projekts – und welche Auswirkungen erwartet ihr auf die Arbeitswelt europaweit?

Lucia Urciuoli: WISE bündelt erstmals die besten nationalen Ansätze zur Förderung von LGBTQIA+-Rechten am Arbeitsplatz und überführt sie in eine gemeinsame europäische Struktur. Das Projekt besteht aus fünf Bausteinen: ein europäisches Role-Model-Programm, ein Mentoring für junge queere Fachkräfte, europäische Awards für Unternehmen, eine groß angelegte Studie zu Mikroaggressionen sowie ein Toolkit, das Unternehmen mit konkrete Standards und Trainings unterstützt.

Unser Ziel ist es, erfolgreiche Praktiken aus fünf EU-Ländern so aufzubereiten, dass sie europaweit eingesetzt werden können. Damit entsteht ein gemeinsamer Wissenspool, von dem nicht nur die Projektpartner profitieren: Jede beteiligte Organisation bringt ihre Expertise ein, lernt von den anderen und stellt anschließend neue Tools auch den übrigen 25 EPBN-Mitgliedern zur Verfügung.

Warum sind belastbare Daten zu Mikroaggressionen entscheidend?

Lucia Urciuoli: Weil Mikroaggressionen oft unsichtbar bleiben – und trotzdem wirken. Sie sind selten bewusst gemeint, aber sie machen queere Beschäftigte unsichtbar, mindern Wohlbefinden und schaden Leistung. Viele Unternehmen unterschätzen diese Dynamiken gerade wegen ihrer Subtilität.

Die ersten Ergebnisse der WISE-Studie zeigen: auch in Organisationen mit Schutzrichtlinien treten sprachliche Mikroaggressionen weiterhin auf – besonders stark bei der trans Community. Zudem zeigt sich ein klarer Zusammenhang: In Ländern mit besseren gesetzlichen Schutzmechanismen berichten Beschäftigte von weniger Mikroaggressionen.

Kurz gesagt: Daten machen sichtbar, wo Diskriminierung passiert – und ermöglichen Unternehmen, gezielt dort anzusetzen, wo Veränderung wirklich nötig ist.

Matthias, letztes Jahr wurdest du mit dem Impact of Diversity Award ausgezeichnet, den Lucia stellvertretend entgegengenommen hat. Was bedeutet dir diese Auszeichnung?

Matthias Weber: Für mich war diese Auszeichnung sehr bewegend, weil sie sichtbar macht, dass individuelle Sichtbarkeit und systemische Veränderungsarbeit zusammengehören. Ich verstehe sie nicht als persönliche Ehrung, sondern als Anerkennung für das gesamte EPBN-Team und unsere Mitgliedsorganisationen.

Wir haben als rein ehrenamtliches Netzwerk begonnen und in kurzer Zeit erreicht, dass wir europäische Projekte mitgestalten können. Der Award ist deshalb beides: eine Bestätigung dessen, was wir aufgebaut haben – und eine Verpflichtung, weiter laut, konstruktiv und gut vernetzt für queere Gleichstellung in der Arbeitswelt einzutreten.


Pavlo Stroblja, Lucia Urciuoli und Barbara Lutz bei der Verleihung des Impact of Diversity Awards 2025 in München (Bild: Christian Klant)

Gab es einen Moment im Rahmen der EPBN-Zusammenarbeit, der euch persönlich berührt oder verändert hat?

Matthias Weber: Ja, mehrere. Besonders bewegend war die erste WISE-Award-Zeremonie in Warschau – in einem Land, in dem queere Menschen politisch immer wieder unter Druck stehen. Zu sehen, wie dort junge queere Fachkräfte gemeinsam mit sichtbaren Vorbildern gefeiert wurden, war ein Moment, in dem Europa plötzlich greifbar wurde. Da wurde mir klar: Unsere Arbeit ist nicht nur Strategie. Sie verändert Leben – und sie zeigt, dass queere Karrieren in Europa nicht länger Ausnahme, sondern Teil der Normalität werden können.

Lucia Urciuoli: Für mich war die Zeremonie in Warschau ebenfalls ein Schlüsselmoment. Viele Monate Arbeit wurden dort zu etwas Konkretem – zu Initiativen, die tatsächlich das Potenzial haben, Lebensrealitäten zu verändern.


WISE-Konferenz in Warschau (Bild: EPBN)

Wenn ihr eine Botschaft an die nächste Generation queerer Mitarbeitender richten könntet – welche wäre es?

Lucia Urciuoli: Schaut auf die Geschichte der LGBTQIA-Bewegung und lasst euch von denjenigen inspirieren, die lange vor euch für unsere Rechte und Sichtbarkeit gekämpft haben. Sie haben neue Wege und Allianzen geschaffen – oft unter deutlich schwierigeren Bedingungen. Baut darauf auf: mit euren Ideen, euren Träumen und eurem Talent. Wir alle sind Teil einer gemeinsamen Reise.

Matthias Weber: Habt Mut, sichtbar zu sein – aber lasst euch nicht instrumentalisieren. Sichtbarkeit ist kein Selbstzweck, sondern ein Werkzeug für Veränderung. Sucht euch Netzwerke, Mentor*innen und Verbündete, die euch stärken. Und denkt europäisch: Unsere Themen enden nicht an Landesgrenzen. Jede Person, die heute offen und kompetent ihren Platz einnimmt, öffnet Türen für viele, die nachkommen.

-w-