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Interview
"Keine rechte Politik – egal von wem sie kommt!"
2023 organisierte er den ersten CSD im Burgenlandkreis, jetzt kandidiert er für die Linke für den Landtag Sachsen-Anhalt. Wir sprachen mit Eric Stehr über seinen ungewöhnlichen Weg in die Politik, queere Sichtbarkeit im ländlichen Raum und die Gefahr einer AfD-Regierung.

Eric Stehr ist seit 2021 Mitglied der Linkspartei (Bild: privat)
- Von Ilenia Lucisano
30. Mai 2026, 08:17h 6 Min.
Eric Stehr lebt in Weißenfels in Sachsen-Anhalt und hat gute Chancen, bald für die Linke im Landtag von Sachsen-Anhalt zu sitzen. Der Jugendkandidat der Linksjugend wurde im März auf Listenplatz 2 für die Landtagswahl am 6. September gewählt. Sein politisches Engagement begann im Jugendbeirat seiner Stadt, später folgte der Einzug in den Stadtrat.
Heute arbeitet Stehr vor allem zu Jugend-, Verkehrs- und Stadtentwicklungspolitik und bringt zugleich eine queere Perspektive in seine politische Arbeit ein, unter anderem durch die Organisation des ersten CSD im Burgenlandkreis im Jahr 2023 (queer.de berichtete). Im vergangenen Jahr gehörte er zu den Protagonist*innen der MDR-Dokumentation "Queer in der Provinz" (queer.de berichtete).
Im Interview mit queer.de spricht Eric Stehr über seinen politischen Werdegang, seine Erfahrungen als queerer Politiker im ländlichen Raum und den drohenden Rechtsruck in Sachsen-Anhalt.
Eric, wie bist du überhaupt in die Politik gekommen?
Ich bin seit 2021 Mitglied der Linken. Davor war ich bei "Die Partei". Der Einstieg war weniger ein Plan, sondern eher der Versuch, überhaupt irgendwo aktiv zu werden. Parallel dazu wurde ich gefragt, ob ich im Jugendbeirat mitarbeiten oder beim Aufbau helfen will. Darüber bin ich Schritt für Schritt in politische Arbeit hineingewachsen. In der Schule war ich eher Klassenclown und kaum politisch aktiv. "Die Partei" hat mich damals über Social Media erreicht – das war niedrigschwellig und hat mich neugierig gemacht.
Du bist dann früh in den Stadtrat gekommen, wie kam das?
Ich habe 2019 eher aus Spaß für den Stadtrat kandidiert und wurde dann während des Abiturs gewählt. Das kam für alle überraschend – auch für mich. Trotzdem habe ich mich entschieden, in der Region zu bleiben und das Mandat anzunehmen, weil es sich falsch angefühlt hätte abzusagen.
Ich habe mich im Stadtrat wohlgefühlt, aber auch gemerkt, dass ich immer stärker realpolitisch arbeite. Nach der Bundestagswahl 2021, bei der die Linke bei 4,9 Prozent lag, habe ich mich dann entschieden, tatsächlich der Linken beizutreten. Im Stadtrat bin ich geblieben, auch weil niemand von den anderen auf der Liste das Mandat übernehmen wollte. So bin ich nach und nach in verschiedene Bereiche der Partei hineingestolpert – und jetzt sitze ich hier.
Du kandidierst jetzt auf Listenplatz 2 für den Landtag. Was bedeutet das für dich?
Ich habe noch nicht ganz realisiert, dass ich mit hoher Wahrscheinlichkeit im Landtag landen werde. Im Moment konzentriere ich mich auf den Wahlkampf und schaue, was am Ende passiert. Wenn man mit 16 bei "Die Partei" eintritt, denkt man nicht, dass daraus eine politische Karriere wird. Auch mit meinem Wechsel zur Linken war das nicht der Plan, irgendwann für etwas Größeres zu kandidieren.
Ich bin in einer Phase in die Partei gekommen, in der viele andere gegangen sind. Dadurch bin ich an einem Punkt gelandet, an dem sich plötzlich Möglichkeiten ergeben haben – viel davon war auch Timing und Zufall.
Wie hast du deine Sichtbarkeit als queerer Politiker erlebt?
Am Anfang hat das kaum eine Rolle gespielt. Ich habe mir über mein Außenbild wenig Gedanken gemacht und es nicht besonders thematisiert. Politisch wurde das Thema erst, als ich 2023 den CSD im Burgenlandkreis mitorganisiert habe. Und mit dem CSD ging es dann wirklich los, dass wir auch sehr offensiv in die Öffentlichkeit getreten sind und gesagt haben: Wir organisieren das hier. Da gab es natürlich auch Anfeindungen. Aber man kann ja nie so richtig auseinanderhalten: Liegt das daran, dass ich links bin, dass ich schwul bin oder einfach generell daran, dass ich eine progressive Haltung vertrete, die im ländlichen Raum nicht unbedingt gern gesehen wird?
Welche Rolle spielt Queerpolitik für dich?
Ich bin zwar queer, sehe Queerpolitik aber nicht als mein zentrales politisches Thema. Für mich ist Queerpolitik am Ende auch Klassenpolitik: Ich will, dass es allen gut geht – ob Arbeiter*innen, queeren Personen, Migrant*innen oder Menschen mit Beeinträchtigungen. Gleichzeitig bringe ich durch den Austausch mit queeren Personen und Organisationen eine besondere Perspektive mit. Gerade in einem Umfeld mit vielen männlichen Stimmen ist es wichtig, dass diese vertreten ist. Ich versuche, sie einzubringen, zuzuhören und Politik für diese Menschen mitzumachen – auch weil ich nicht für alle sprechen kann.

Eric Stehr in der MDR-Doku "Queer in der Provinz" (Bild: MDR / LÖWE TV / Thomas Keffel)
Welche Rolle spielt deine Arbeit vor Ort im Wahlkampf – gerade im ländlichen Raum?
In einem ländlichen Wahlkreis wie meinem ist es schwer, überall präsent zu sein. Deshalb konzentriere ich mich darauf, generell sichtbar zu bleiben und gleichzeitig gezielt auf Landesebene zu arbeiten. Man muss vor Ort sein. Bei Veranstaltungen merke ich, dass wir oft ein eher akademisches Publikum erreichen, aber die klassische Arbeiter*innenschaft, die wir eigentlich erreichen wollen, hat sich teilweise von uns abgewandt. Deshalb ist es wichtig, bei Streiks oder ähnlichen Situationen präsent zu sein.
Wie realistisch ist eine AfD-Alleinregierung in Sachsen-Anhalt?
Realistisch ist das durchaus. Wenn man sich Umfragen anschaut, fehlt der AfD zur absoluten Mehrheit nicht mehr viel. Trotzdem sollte man davor keine Angst haben. Durch Angst macht man nicht nur schlechte Politik, sondern resigniert schnell. Deshalb geht es darum, konsequent antifaschistische Politik zu machen. Gerade auch mit Blick auf queere Gruppen ist die Entwicklung gefährlich, deshalb ist klar: Keine rechte Politik – egal von wem sie kommt!
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Was würde eine AfD-Alleinregierung für queere Menschen konkret bedeuten?
Ich glaube, für jeden Einzelnen würde die Gefahr vor Angriffen steigen, weil der Ton deutlich rauer würde und die Hemmschwelle für Beleidigungen oder Angriffe sinkt. Dazu kommt die strukturelle Ebene: Viele Organisationen und Vereine würden durch gestrichene Fördermittel massiv unter Druck geraten. Gerade im Bereich queerer Angebote wäre das dramatisch, weil Beratungsstellen und Anlaufpunkte wegfallen könnten – mit direkten Folgen für Sicherheit und Gesundheit.
Was wäre für dich persönlich ein Erfolg bei der kommenden Landtagswahl?
Egal, wie es ausgeht, ich will mich davon nicht runterziehen lassen, auch in Hinblick auf politische Konstellationen, die ich kritisch finde. Ein Erfolg ist für mich deshalb, wenn wir als Linke mit dem, was wir im Wahlkampf geleistet haben, zufrieden sein können. Wenn ich auf meinen Wahlkreis schaue und sagen kann: Ich habe trotz der begrenzten Kapazitäten alles gegeben, ein gutes Team gehabt und viele Erfahrungen gemacht. Und wenn ich sehe, dass es Menschen gibt, die unsere Arbeit unterstützen und sagen, dass es sie braucht. Dann ist das für mich ein gutes Zeichen – und am Ende auch ein Erfolg.
Links zum Thema:
» Homepage von Eric Stehr
» Eric Stehr auf Facebook
» Eric Stehr auf Instagram
















