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Roman

Auch asexuelle Figuren verdienen ihren Kitsch

Die australische Autorin N. R. Walker hat bereits über achtzig LGBTI-Romanzen veröffentlicht. In ihrem neuen Roman "Upside Down – Die Welt steht Kopf" verlieben sich zwei asexuelle junge Männer. Die vorbildliche Sichtbarkeit hat jedoch einen unangenehmen Beigeschmack.


Symbolbild: Asexuelle Person beim CSD Erfurt 2023 (Bild: IMAGO / Müller-Stauffenberg)

Als Jordan zum ersten Mal die Selbsthilfegruppe für asexuelle und aromantische Personen betritt, steht dort natürlich genau der Mann, der ihm bereits im Bus aufgefallen ist: der Kopfhörer-Typ, der aus unerfindlichen Gründen plötzlich weinen musste. Ausgerechnet er leitet die Gruppe und formuliert gleich zu Beginn den programmatischen Kern des Romans: "Immer wieder wird uns vor Augen geführt, eingeredet, suggeriert und unverhohlen zu verstehen gegeben, dass Sex gleichbedeutend mit Liebe ist. Dass wir ohne nicht vollständig sind. Dass sexuelle Intimität die Krönung jeder Beziehung ist."

Damit setzt N. R. Walker einen klaren Ausgangspunkt: Asexuelle Menschen sind nicht allein mit ihren Erfahrungen in einer Gesellschaft, die Sexualität permanent als universelle Norm inszeniert. Social Media erscheint dabei als zweischneidiges Schwert – als Ort von Sichtbarkeit und Unterstützung, aber zugleich als permanenter Verstärker omnipräsenter Sexualisierung. Sex verkauft sich überall: in Filmen, Musik, auf Dating-Apps und Plattformen. "Ich meine, mal im Ernst. Drauf geschissen."

"Upside Down – Die Welt steht Kopf" (Amazon-Affiliate-Link ) ist das neu auf Deutsch erschienene Werk der australischen Autorin N. R. Walker, die bereits über achtzig LGBTI-Romanzen veröffentlicht hat. Vielleicht liegt es an ihrer routinierten Erzählweise, vielleicht auch an der Übersetzung von Christopher Bischoff: Der Roman ist leicht zugänglich und entwickelt einen schnellen Lesefluss. Gleichzeitig verschafft er insbesondere asexuellen Jugendlichen Sichtbarkeit – auch wenn sich an diese Stärke immer wieder ein plumper, überdrehter Schreibstil anschließt. Sätze wie "Wäre das hier ein Film, würde diese Szene als gottverdammtes Meisterwerk der Filmkunst durchgehen" wirken eher bemüht als pointiert.

Jordan und Hennessy begegnen sich immer wieder im Bus


Der Roman "Upside Down – Die Welt steht Kopf" ist im April 2026 im Second Chances Verlag erschienen

Im Zentrum stehen die wiederkehrenden Begegnungen zwischen Jordan und Hennessy im Bus. Erzählt wird dabei abwechselnd aus beiden Perspektiven. Jordan arbeitet als Bibliothekar, ist Bücher-Nerd und eher schüchtern. Hennessy dagegen ist Netzwerkarchitekt in der Firma seines besten Freundes Michael und dort für digitale Sicherheit zuständig. Zwischen beiden entsteht von Beginn an eine offensichtliche gegenseitige Anziehung, doch statt diese Dynamik weiterzuentwickeln, schickt Walker ihre Figuren immer wieder durch dieselben narrativen Schleifen. Die ständigen Selbstabwertungen nach dem Muster "Ich bin peinlich, dumm und habe alles vermasselt" ermüden schnell – gerade weil Hennessy als Leiter der Selbsthilfegruppe eigentlich die Figur ist, die offen kommunizieren kann.

Auch Gespräche mit Jordans bester Freundin Merry kreisen oft um dieselben Unsicherheiten. Dabei steckt gerade in der beiläufigen Bemerkung, es wäre doch völlig in Ordnung, einen schwulen asexuellen besten Freund zu haben, ein interessanter Gedanke: eine faktische De-Essentialisierung von Sex innerhalb zwischenmenschlicher Beziehungen. Dennoch bewegt sich der Roman letztlich doch wieder auf die klassische Liebesgeschichte zu, in der sich selbstverständlich beide ineinander verlieben.

Zu kitschig, zu aufgesetzt, zu unangenehm überdreht

Das Buch ist häufig zu viel zugleich: zu kitschig, zu aufgesetzt, zu unangenehm überdreht. Besonders deutlich wird das an der schwachen Charakterentwicklung. Jordan ist über weite Strecken ein anstrengender Protagonist. Seine Allegorie, Bücher wie sexuelle Reize zu behandeln – ein Foto eines Mannes mit Hardcover als Hardcore-Porno, Taschenbücher als Softpornos und das Stöbern bei Amazon als Variante von PornHub -, wirkt dabei schnell überstrapaziert. Viele seiner Gags wirken überdehnt. Gleichzeitig dominiert er nahezu jede Gesprächssituation. Seine lesbische Freundin Merry wird dagegen auf die Rolle der verständnisvollen Zuhörerin reduziert, die gute Ratschläge verteilt, ohne selbst ein eigenständiges Profil entwickeln zu dürfen. Als sie ihn bittet, sie zu ihrer Mutter zu begleiten, blockt er die Anfrage ironisch ab. Die Freundschaft wirkt dadurch unausgeglichen und einseitig.

Auch Jordans Lieblingswort "Motherfucker" besitzt eine gewisse unfreiwillige Ironie. Über weite Strecken beschäftigt sich der Roman intensiv mit Outing-Prozessen und dem Versuch, sich selbst einzureden, dass man auch ohne sexuelles Begehren "okay" ist – gerade weil Asexualität gesellschaftlich oft nicht ernst genommen und mit Floskeln wie "Du musst nur die richtige Person finden" abgewehrt wird. Diese Momente besitzen durchaus Relevanz. Gleichzeitig wird die permanente Selbstabgrenzung irgendwann ermüdend. Jordan definiert sich nahezu ausschließlich über seine Asexualität; als Figur bleibt er darüber hinaus erstaunlich konturlos. Wenn er die Selbsthilfegruppe irgendwann pathetisch seinen "Stamm" nennt, kippt das endgültig ins Übertriebene.

Auch die Nebenfiguren bleiben oberflächlich und funktional. Merry leistet unermüdlich emotionale Pflegearbeit und erntet dafür vor allem panische oder argwöhnische Reaktionen. Angus, Jordans Mitbewohner, fungiert als ewiger Underdog: gutmütig, unkompliziert und nicht besonders helle. Michael wiederum ist lediglich der loyale beste Freund und Arbeitskollege von Hennessy. Insgesamt entsteht ein sehr kleines Figurenensemble, dessen Dynamiken vorhersehbar ineinander verschränkt werden.

Sämtliche Figuren hören permanent mit

Weil Jordan kaum eigene Handlungsfähigkeit entwickelt und sich stattdessen permanent in Fehleinschätzungen verliert, müssen die Freund*­innen steuernd eingreifen. Konflikte werden auffällig oft öffentlich verhandelt – in einer Szene wird sogar eine PowerPoint-Präsentation über ihre Beziehung vor der Selbsthilfegruppe gehalten. Gerade diese unangenehme Öffentlichkeitsebene gehört zu den merkwürdigsten Aspekten des Romans. Jordan bezeichnet die Menschen, die ihre Begegnungen im Bus kommentieren und sich ständig einmischen, irgendwann als "Suppentruppe": Fremde, die zuhören, beobachten, sich aufdrängen und aktiv in die Beziehung eingreifen. Früher seien sie Fremde gewesen, jetzt Freunde.

Gerade deshalb stellt sich irgendwann die Frage, warum eigentlich noch alles so peinlich sein soll. Wenn sämtliche Figuren permanent mithören, kommentieren oder proaktiv vermitteln, entsteht kaum Reibung innerhalb der Beziehung. Einerseits ist es wohltuend, dass ihre Liebe auf vergleichsweise wenig Widerstand stößt – insbesondere in einer Welt, die ihre Asexualität ständig infrage stellt. Andererseits verliert die Handlung dadurch jede Spannung. Selbst der vollkommen überdrehte Epilog steigert diese Hysterie noch weiter, wenn die Figuren erneut davon sprechen, wie der Raum um sie enger und kleiner werde.

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Queere Figuren als entpolitisierte, ästhetisierte Fantasien

Natürlich verdienen auch asexuelle Figuren ihren Kitsch, und genau diesen liefert "Upside Down" in großen Mengen. Doch allein dadurch wird der Roman noch nicht zu einem überzeugenden Buch. Umso irritierender wirkt die Vermarktung über sogenannte Tropes, die Figuren und Handlung in konsumierbare Kategorien pressen und Queerness zunehmend zu einem kapitalistischen Verkaufsargument machen. Besonders entlarvend ist dabei die Selbstdarstellung der Autorin selbst: Auf ihrer Website inszeniert sie sich als Mutter, Ehefrau, Schwester und Schriftstellerin, in deren Kopf "hübsche Jungs" leben, die sie nachts nicht schlafen ließen, bis sie ihnen durch ihre Texte Leben einhauche. Sie schreibe besonders gern darüber, wie diese Figuren "schmutzige" Dinge täten – noch lieber allerdings darüber, wie sie sich verliebten.

Genau in dieser Mischung aus Verniedlichung, Sexualisierung und konsumierbarer Fantasie zeigt sich ein problematischer Mechanismus queerer Vermarktung: Queere Figuren erscheinen hier nicht mehr als politische oder gesellschaftliche Subjekte mit konkreten Erfahrungen von Ausgrenzung, sondern als entpolitisierte, ästhetisierte Fantasien, die sich möglichst reibungslos konsumieren lassen. Gerade schwule Männerfiguren werden dabei häufig zu fetischisierten Projektionsflächen, deren Anderssein zwar begehrt, zugleich aber entschärft und von jeder gesellschaftlichen Konflikthaftigkeit befreit wird.

Infos zum Buch

N.R. Walker: Upside Down – Die Welt steht Kopf. Roman. Übersetzt von Christopher Bischoff. 350 Seiten. Second Chances Verlag. Steinbach-Hallenberg 2026. Taschenbuch: 16 € (ISBN 978-3-98906-134-7). E-Book: 7,99 €

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