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Interview

Leopold nach Grindr-Attacke: "Die Scham muss die Seite wechseln"

Der queere Musiker Leopold wurde bei einem Online-Date in seiner Wohnung überfallen, geschlagen, erniedrigt und stundenlang festgehalten. Wir haben nachgefragt, wie es ihm heute geht – und was er anderen Betroffenen rät.


Der Berliner Musiker und Performer Leopold gehört zu den bekanntesten queeren Künstler*innen Deutschlands (Bild: Sandra Ludewig)

Am 22. Mai veröffentlichte der queere Musiker Leopold, der sich selbst als "CEO of Queer Power Pop" bezeichnet, auf Instagram ein über sieben Minuten langes Reel, das inzwischen mehr als 360.000 Aufrufe erzielt hat. Der Grund: Was Leopold darin schildert, macht viele Zuschauer*innen fassungslos. Aus einem geplanten Grindr-Date am 19. Mai wurde ein Überfall. Er wurde – unter anderem – geschlagen und für drei Stunden gegen seinen Willen festgehalten. Zunächst waren zwei, später drei Männer beteiligt.

Instagram | Leopolds Reel erzielte bislang mehr als 360.000 Aufrufe
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Neben versuchtem Geldraub sieht Leopold ganz klar auch eine gezielte Erniedrigung queerer Menschen als Motiv für die Tat. Im Interview mit queer.de spricht er nicht nur über den Vorfall und seine Folgen, sondern auch darüber, welche Verantwortung er bei Apps wie Grindr sieht und wie man sich selbst besser vor solchen Angriffen schützen kann. Zudem geht es um die vielen Reaktionen, die er nach seinem Video erhalten hat: Allein auf Instagram kamen über 1.100 Kommentare zusammen.

In den vergangenen Tagen wurden zudem weitere Reels von queeren Personen geteilt, die ähnliche Erfahrungen schildern und darauf aufmerksam machen, wie gefährlich vermeintlich harmlose Grindr-Dates werden können. Unter ihnen ist auch Stuart Bruce Cameron von der queeren Karrieremesse "Sticks & Stones", der ebenfalls öffentlich über bedrohliche Situationen berichtet hat.

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Leopold, wann hast du gemerkt, dass die Situation gefährlich wird?

Kurz nach dem Eintreffen der ersten beiden Personen wurde mir mein Handy abgenommen. Da war mir sofort klar, dass etwas nicht stimmt, und ich habe Angst bekommen. Ich wollte dann das Handy von dem einen Täter zurückholen. Das hat der andere Täter als Anlass genommen, auf mich einzuschlagen. Damit hatte ich nicht gerechnet und war ab diesem Zeitpunkt eingeschüchtert und stand unter Schock.

Gab es im Rückblick etwas – im Kontakt vor dem Treffen -, das dir heute anders auffällt als damals?

Ehrlich gesagt nicht. Die Person, mit der ich geschrieben habe, hat mir mehrere Bilder von sich geschickt, auch eines mit ihrem "Freund". Es waren dieselben Personen auf den Fotos, die zu mir gekommen sind.

Was glaubst du, welche konkreten Motive die Täter hatten? Und haben sie dich dabei queerfeindlich beleidigt?

Zunächst dachte ich, sie möchten nur Geld von mir erpressen. Sie haben dann aber auch meine Wohnung nach Wertgegenständen durchwühlt und mich mehrfach dabei queerfeindlich beleidigt und mir Gewalt angedroht. Als sie beim Durchsuchen meine Schminksachen und Auftrittsklamotten gesehen haben, sind sie noch ausfälliger geworden. Sie hatten dann auch Zugang zu meinem Handy und meinen Social-Media-Kanälen und haben dann gesehen, was ich beruflich mache. Daraufhin haben sie mich dann auch in Unterwäsche gefilmt. Das war alles sehr beschämend und erniedrigend für mich. Ihre Motive waren Geldraub und die gezielte Erniedrigung von queeren Personen.

Wie geht es dir heute? Gibt es Dinge im Alltag, die dir gerade schwerfallen, oder fühlst du dich grundsätzlich stabil?

Insgesamt bin ich ok. Aber ich fühle mich seit dem Vorfall wie betäubt und laufe auf Autopilot. Ich habe relativ schnell danach versucht, wieder in meinen Alltag überzugehen, zu arbeiten und Unternehmungen mit Freund*innen zu machen, um mich abzulenken. Ich frage mich aber oft dabei, was ich gerade mache und ob das jetzt in Ordnung ist. Ich habe das Gefühl, meine Leichtigkeit und mein Sicherheitsgefühl verloren zu haben. Ich schaue mich öfter um als sonst, ich nehme eine dauerhafte Angespanntheit in meinem Körper wahr.

Hast du den Vorfall angezeigt und wie hast du die Reaktion der Polizei erlebt?

Ja, ich habe den Überfall direkt angezeigt. Alle Polizist*innen, mit denen ich im Rahmen des Vorfalls zu tun hatte, waren mir gegenüber freundlich, verständnisvoll und respektvoll. Ich hätte mir dennoch im Nachhinein eine psychologische Betreuung am Tattag gewünscht, da ich unter Schock stand und noch an dem Tag mehrere Stunden befragt wurde. Das war alles sehr viel.

Warum war es dir wichtig, deine Geschichte öffentlich zu teilen?

Mir ist es wichtig, über das, was mir passiert ist, öffentlich zu sprechen, um andere mögliche Opfer zu warnen, zu sensibilisieren und möglicherweise damit sogar schützen zu können. Und, weil ich mich für den Vorfall nicht schämen muss. Ich habe nichts falsch gemacht. Niemand, der so etwas erleben muss, sollte sich dafür rechtfertigen und schämen. Die Scham muss die Seite wechseln, von den Betroffenen zu den Tätern.

Wie waren die Reaktionen auf dein Video und was hat dich daran besonders berührt oder überrascht?

Die Reaktionen auf mein Video sind unfassbar lieb und ermutigend. Ich habe ganz viele liebe Nachrichten und Kommentare, sowohl privat als auch auf Social Media, bekommen, die Solidarität ist überwältigend. Ich bin wahnsinnig dankbar für den Zuspruch und die Unterstützung, das berührt mich zutiefst. Gleichzeitig habe ich auch das Gefühl, dass ich das nicht verdient habe. Es ist alles gerade noch sehr viel für mich. Ich werde alle Kommentare und Nachrichten nach und nach beantworten, möchte aber an dieser Stelle auch schon mal "Danke" sagen für die Geduld und den Support.

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Was sollten Dating-Plattformen wie Grindr deiner Meinung nach ändern, um solche Fälle möglichst zu verhindern?

Es ist mittlerweile sehr einfach, sich für jemand anderen auszugeben. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass mir mitten am Tag eine solche Gefahr droht. Es sollte möglich sein, Chats weiterhin anzeigen zu lassen, nachdem man von dem jeweiligen Account blockiert wurde. So könnte man zumindest im Nachgang die Täter besser ausfindig machen und verfolgen. Vielleicht könnte man in irgendeiner Form eine Verifizierung und Authentifizierung möglich machen. Ich weiß aber nicht, wie so etwas datenschutzrechtlich realisierbar wäre. Apps wie Grindr funktionieren ja auch deshalb so gut, weil man sich darauf eher anonym bewegen kann und darf.

Und was können Menschen selbst tun, um sich bei Dates besser zu schützen?

Man könnte sich schützen, indem man sich erstmal an einem öffentlichen Ort trifft, nicht unbedingt zu jemandem direkt nach Hause geht bzw. jemanden zu sich in die eigene Wohnung lässt. Aber aus meiner Erfahrung und aus dem, was ich auch von anderen mitbekommen habe, ist auch das nicht immer ein Garant für absolute Sicherheit. Ich denke, es hilft auf jeden Fall, Freund*innen Bescheid zu sagen, wenn man sich mit einer fremden Person trifft, den Standort zu teilen und nach dem Treffen Bescheid zu geben. Außerdem kann man sich Pfefferspray oder andere Mittel zur Selbstverteidigung besorgen.

-w-