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Schwuler Kinderbuchautor
James Krüss zum Hundertsten: Queerness zwischen den Zeilen
Heute vor 100 Jahren – am 31. Mai 1926 – kam der Kinderbuchautor James Krüss zur Welt. Er schuf Klassiker wie "Timm Thaler", aber auch Gedichte wie "Ein Junge namens Monika". 1966 verließ er Deutschland – vor allem wegen des homophoben Klimas.

James Krüss (r.) und sein spanischer Lebensgefährte Dario Pérez in den 1960er Jahren: Über dreißig Jahre waren sie ein Paar (Bild: privat)
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31. Mai 2026, 08:56h 9 Min.
Jäckie – so nennt sich das literarische Alter Ego des Kinderbuchautors James Krüss. In dessen Erwachsenenroman "Der Harmlos" beobachtet sein Held an einem Winternachmittag zwei junge Männer beim Küssen, irgendwann in den frühen Nachkriegsjahren. Der eine ist Bäckerlehrling mit einem "Gesicht wie eine Putte", der andere Schlachtergeselle, in dessen "feinmodelliertem Gesicht zwei dunkle Augenkugeln brannten". Jäckie kannte die beiden, doch "dass sie ein Pärchen waren, das sich küsste – und wohl nicht nur das – hatte er nicht gewusst, und es erregte ihn. Sein Ding, sein Bolzen, spannte sich so sehr, dass es ihm weh tat."
Kurz darauf verliebt er sich auf der Weihnachtsfeier seiner Tante in einen britischen Soldaten namens Gant, der ihn an den Schlachtergesellen erinnert. Nach ein paar Gläsern Hochprozentigem tanzt er mit ihm und findet ihn "überirdisch schön". Zum Abschied wird "heiß und punschselig" geknutscht. Aus "Scham oder Scheu" wagt es Jäckie jedoch erst mal nicht, sich bei Gant zu melden, und als er sich Tage danach "klopfenden Herzens" schließlich doch auf die Suche nach ihm macht, ist dieser auch schon wieder in die schottische Heimat entschwunden – zurück bleibt nur ein Liebesbrief und die Erinnerung. Die überfällt ihn wehmütig, als er sich lange danach auf eine Affäre mit einer jungen Frau namens Rosemary einlässt, bei der ihm, als sie ihn küsst, so zumute wird, "als schmecke er die volleren Lippen Gants."
Literarisch-chiffiertes Coming-out

James Krüss mit Pudelmütze, die ihm sein Lebensgefährte Dario Pérez gestrickt hat (Bild: Erbengemeinschaft James Krüss)
Dass Krüss hier über sich selbst schreibt, lässt sich kaum bestreiten. Wie Jäckie wurde der Autor selbst auf Helgoland 1926 geboren. Und auch dieser wächst als Jugendlicher im Nationalsozialismus auf, wird im Alter von 16 Jahren in den Krieg geschickt und erlebt nach der Kapitulation Deutschlands die Nachkriegszeit im Westen. "Der Harmlos" gilt als semiautobiografischer Roman – mit einem literarisch-chiffrierten Coming-out, das sich Stück für Stück wie ein Puzzle zusammensetzen lässt. Es ist ein zeitgeschichtliches Dokument, das die Unsichtbarkeit gleichgeschlechtlichen Begehrens während der ersten Jahrzehnte der Bundesrepublik erahnen lässt.
Offenbar hat Krüss damit gerungen, seine Gedanken zu diesem Teil seines Selbst in Wort zu fassen, vor allem als Kinderbuchautor im homophoben Klima der Nachkriegsjahrzehnte. Der leiseste Verdacht hätte ausgereicht, um ihn als Bedrohung für sein Zielpublikum zu verunglimpfen und seine Karriere unwiderruflich zu vernichten. So beginnt Krüss erst 1979 mit der Arbeit an seinem ursprünglich als Trilogie geplanten und nie vollendeten biografischen Werk. Fast ein weiteres Jahrzehnt vergeht, bis 1988 immerhin "Der Harmlos" erscheint – doch in dieser poetisch-verschlüsselten Form bleibt Krüss' Homosexualität in der öffentlichen Wahrnehmung noch lange ein Tabu, bis weit über seinen Tod im Jahr 1997 hinaus.
Durchbruch mit "Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen"
Das Fundament für seine Zurückhaltung wurde früh gelegt. Mehreren Quellen zufolge erlebte Krüss 1938 als Zwölfjähriger auf Helgoland einen Prozess im Rahmen der NS-Homosexuellenverfolgung – einer der Angeklagten nahm sich das Leben. Nach seinem Kriegsdienst kehrt Krüss, der 1942 eingezogen worden war, nur noch als Besucher auf die Insel zurück. In der jungen Bundesrepublik steigt er rasch zum gefeierten Kinderbuchautor auf. Erste große Erfolge feiert er in den 1950er Jahren mit Werken wie "Henriette Bimmelbahn", bevor ihm 1959 mit "Mein Urgroßvater und ich" und 1962 mit "Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen" der endgültige Durchbruch gelingt. Er schreibt Hörspiele, Gedichte und Fernsehstoffe, erhält den Deutschen Jugendliteraturpreis und lebt auf dem Höhepunkt seiner Karriere in München.
Erst in Martina Flucks Dokumentarfilm "James Krüss oder Die Suche nach den glücklichen Inseln" aus dem Jahr 2007 wird offen über Krüss' Homosexualität gesprochen. Ein Weggefährte aus Münchner Jahren berichtet, Krüss sei wegen seines ausschweifenden schwulen Lebens erpresst und schließlich zur Flucht gedrängt worden. In dieser Zeit notiert Krüss in sein Tagebuch: "Ich liebte mich querbeet durch die deutschen Großstädte …!" Und schon kurz darauf kommt ihm der Gedanke, Deutschland zu verlassen. Über sein Alter Ego in "Der Harmlos" wird er schreiben, im Nachhinein sei "zu erkennen, dass es ihn früh aus engen Zwängen, geistigen wie leibhaftigen, hinausgedrängt oder hinausgezogen hat – hin zum umheimisch Fremden."
Ein neues Leben auf Gran Canaria
Krüss siedelt im Jahr 1966 nach Gran Canaria über, wo er ein Jahr zuvor während eines Urlaubs ein Anwesen erworben hatte. Dort verbringt er den Rest seines Lebens – an der Seite seines Lebensgefährten Dario Pérez. Mehr als dreißig Jahre leben die beiden zusammen in ihrem Haus, hoch über einer Schlucht im Dorf La Calzada. In der Dokumentation, die 2008 vom Bayerischen Rundfunk ausgestrahlt wird, erzählt Pérez von ihrer Beziehung und dem gemeinsamen Leben.
Die beiden lernen sich ein Jahr vor Krüss' Umzug auf die Kanarischen Inseln auf einer Party kennen, so Pérez. Dabei funkt es sofort zwischen ihnen, und der 16 Jahre jüngere Spanier zieht mit Krüss in das neue Haus ein. "Ich war damals Fotograf, mir schwebte eine Karriere als Flamencotänzer vor", erzählt Pérez. "Doch ich wollte unbedingt mit ihm zusammenleben, und er brauchte jemanden, der für ihn sorgte und ihm den Rücken freihielt." Fortan kümmert sich Pérez um den Haushalt und den Garten, während Krüss weiter schreibt und an seiner Karriere arbeitet – allerdings ohne an seine großen Erfolge in Deutschland anknüpfen zu können.

James Krüss im Jahr 1988 (Bild: IMAGO / teutopress)
Dario Pérez lebt noch heute im gemeinsamen Haus
Auch in Spanien ist das Leben für schwule Männer in dieser Zeit nicht einfach. Wie der Biograf Klaus Doderer schreibt, bleibt die Beziehung der beiden Männer auf Gran Canaria nicht ohne Misstrauen. Unter dem Franco-Regime hätten konservative Kräfte im Dorf jederzeit Kirche und Gesetz gegen sie mobilisieren können. Doch Krüss ist wohlhabend und als etablierter Autor angesehen. Gemeinsam mit Pérez engagiert er sich im dörflichen Leben und knüpft ein lokales Netzwerk, pflegt Kontakte zur Nachbarschaft, zum Bürgermeister oder auch zum katholischen Geistlichen.
Pérez lebt heute noch in dem Haus in La Calzada, fast dreißig Jahre nach Krüss' Tod. Die Erbengemeinschaft von James Krüss hat den heute 83-Jährigen zu den Feierlichkeiten anlässlich des hundertsten Krüss-Geburtstags nach München eingeladen. Es ist bemerkenswert, dass sich laut Aussagen der Pressesprecherin im Nachlass kein einziges Foto auffinden lässt, das die beiden gemeinsam oder auch nur Pérez alleine zeigt – wo doch das Paar so lange und so eng zusammenlebte, dass man bei einem heterosexuellen Paar längst von einer Silberhochzeit gesprochen hätte. Offenbar herrscht bei der Erbengemeinschaft angesichts dieser Lücke auch keine Verwunderung. Zudem hält sich das Interesse daran, wie sich Krüss' gleichgeschlechtliches Begehren in sein kreatives Schaffen eingeschrieben hat, sehr in Grenzen.
Krüss' Homosexualität bleibt ein Tabu
So wird auch im Programm einer von der Internationalen Jugendbibliothek (IJB) in München ausgerichteten Jubiläumstagung über Krüss' Homosexualität kein Wort verloren. Die Themen der Vorträge und Workshops drehen sich um das friesische Werk des Autors, um seinen Umgang mit der NS-Zeit oder um die "didaktische Relevanz inszenierter Vergleiche im Werk von James Krüss" – doch das, was ihn letztlich dazu bewegt hat, Deutschland zu verlassen, bleibt eine Leerstelle. Auch Krüss' verschlüsselt-biografisches Schreiben wird ausgespart. Auf Anfrage schreibt die kuratierende Literaturwissenschaftlerin und Krüss-Expertin Ada Bieber: "Dazu habe ich nicht geforscht und kann daher auch keine Einschätzung geben – ich wüsste im Moment auch nicht, wer dazu gearbeitet hätte."
Die Aussage ist erstaunlich, da bereits die ehemalige IJB-Direktorin Barbara Scharioth in Martina Flucks TV-Dokumentation noch ausdrücklich darauf hinwies, dass James Krüss seine Homosexualität in Deutschland nicht frei leben konnte. Dazu existierten durchaus literarische Belege von ihm selbst, zum Beispiel auch in Tagebucheintragungen und Briefen, die augenscheinlich immer noch nicht vollständig ausgewertet wurden. Ausgerechnet in Zeiten zunehmender Homophobie droht diese erst vor rund zwanzig Jahren gewonnene Erkenntnis schon wieder verdrängt zu werden.
Timm Thaler als Geschichte eines Außenseiters
Vor dem Hintergrund des biografischen Wissens lässt sich Krüss' Queerness auch zwischen den Zeilen seiner Kinder- und Jugendliteratur herauslesen. Timm Thaler etwa ist die Geschichte von einer von Anpassung und Macht geprägten Welt, in der der Held als Außenseiter mit dem Verkauf seines Lachens zunächst einen Teil seines Selbst verrät, um in einem mutigen Prozess der Selbstbehauptung wieder zu sich selbst zu finden.
Eher unbeschwert kommt dagegen der "Sängerkrieg der Heidehasen" daher, der vor allem als Hörspiel Bekanntheit erlangt. Die Geschichte um den intriganten Gesangsminister, den schurkenhaften Wackelohr und den Sänger Lodengrün ist eine Parodie auf wagnerianische Operndramatik – und für manch schwulen Opernfan ein Kultstück, das sich mit der eigenen Kindheit verbindet.
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Queerness avant la lettre
In dem erstmals 1973 veröffentlichten Gedicht "Ein Junge namens Monika" wiederum scheint Krüss eine subversive Freude daran zu haben, Gewissheiten infrage zu stellen: Identität, Körper, Eigenschaften – alles wird vertauscht, verdreht, widersprüchlich zusammengesetzt: "Sein runder Bauch war wie ein Brett / und hohl sein Plusterbäckchen. Sein großer Bruder, die Babett, trug meterlange Söckchen." Das Gedicht folgt einer lustvollen Dialektik, die sich durch weite Teile von Krüss' Werk zieht: Jede Zuschreibung gebiert sofort ihren Widerspruch. Bedeutung entsteht nicht durch Eindeutigkeit, sondern durch das Nebeneinander des Unvereinbaren. Dass bereits der Titel geschlechtliche Zuordnung ins Wanken bringt, erscheint aus heutiger Sicht sinnfällig – sozusagen als eine Queerness avant la lettre.
Dialektisches Denken war für James Krüss ohnehin ein zentrales Motiv seines Schreibens – in seinem Roman "Der Harmlos" wird es immer wieder zum Thema: als Widerstreit und Zusammenspiel von Gegensätzen, bis eine alte Gesetzmäßigkeit durchbrochen und eine neue Wahrheit erreicht wird. "Wer ein Gedankenspiel durchführen will wie wir, der darf nicht fragen, welcher Gedanke zulässig ist und welcher nicht", lässt er einen Onkel zu seinem Alter Ego sagen.
Zum Glück bleibt diese dialektische Überlegung in Krüss' Werk durchgängig präsent.
James Krüss' semibiografischer Roman "Der Harmlos" ist derzeit vergriffen. Obwohl anlässlich seines 100. Geburtstags zahlreiche Werke neu aufgelegt werden, ist bislang keine Neuauflage des Romans vorgesehen. Auch antiquarisch ist das Buch in Deutschland kaum noch erhältlich; lediglich einige Bibliotheken verfügen über Exemplare.
Martina Flucks Dokumentarfilm "James Krüss oder Die Suche nach den glücklichen Inseln", der über Jahre frei auf YouTube verfügbar war, wurde Anfang Mai 2026 gelöscht.
Die Jubiläumstagung "100 Jahre James Krüss: Narrative und Perspektivierungen zu Werk und Autor im Kontext von Geschichte, Sprache und den Künsten" findet am 3. und 4. Juli 2026 in München statt.
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