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Buchtipp
Warum ein schwuler Mann eine Frau geheiratet hat
In seinem neuen Buch "Volkers Brief. Mein Leben vor Heinz" gibt Reinhard Lüschow einen intimen Einblick in eine schwule Biografie, die heute vielleicht verwundert, aber vor rund 50 Jahren gar nicht so außergewöhnlich war.

Reinhard Lüschow mit seinem neuen Buch "Volkers Brief. Mein Leben vor Heinz" (Bild: Pinkvoss Verlag)
- Von Robin Schmerer
1. Juni 2026, 07:31h 5 Min.
Reinhard Lüschow und Heinz-Friedrich Harre waren vor 25 Jahren die ersten Männer in Deutschland, die eine gleichgeschlechtliche eingetragene Lebenspartnerschaft eingingen – und es so bundesweit zu einiger Bekanntheit brachten. In seinem neuen und sehr persönlichen Memoir "Volkers Brief – Mein Leben vor Heinz" (Amazon-Affiliate-Link ) erzählt Lüschow nun von innerer Zerrissenheit, der Ehe mit einer Frau und dem langen Weg zum eigenen Selbst.
Staffhorst, ein niedersächsisches Dorf, Ende der 1960er Jahre: Der kleine Reinhard merkt früh, dass er anders ist als die Jungs aus der Nachbarschaft. Der jüngste Sohn eines Landwirt-Ehepaars interessiert sich fürs Tanzen, spielt heimlich mit einer Barbie-Puppe und sammelt Bilder schöner Männer, die er aus Versandhauskatalogen und Zeitschriften ausschneidet. Während die anderen Jungs beginnen, sich über Mädchen zu unterhalten, bleibt Reinhard stumm. Viel lieber will er den Körper eines älteren Jungen erkunden, der ihm dies – versteckt vor den Augen der anderen – auch gestattet. Reden kann Reinhard mit diesem Jungen jedoch nicht. Auch die älteren Brüder wagt er nicht zu Vertrauten zu machen. Da auch andere Identifikationsfiguren fehlen, bleibt er bis ins Jugendalter allein mit seinen Gedanken und widersprüchlichen Gefühlen.
Zwischen Anpassung und Aufbegehren

"Volkers Brief. Mein Leben vor Heinz" ist am 1. Juni 2026 im Pinkvoss Verlag erschienen
Reinhard lernt, sich anzupassen. Er will ein guter Sohn sein, hilft auf dem elterlichen Hof und verdient sich im Jugendalter neben der Schule ein paar Mark in den örtlichen Gastwirtschaften dazu. Auch ein, zwei Freundinnen lacht er sich an. Doch immer, wenn es ernster wird, macht Reinhard einen Rückzieher. Sein Vater ist ganz Patriarch. Gute Noten und Mithilfe im elterlichen Betrieb setzt er bei seinem Jüngsten voraus. Gewalttätig ist er nicht, aber streng. Mit 18 habe er einfach Angst vor seinem Vater gehabt, schreibt Lüschow in seinem Buch.
Doch dann taucht im wahrsten Sinne des Wortes ein Stern am Dorfhimmel auf. Die Ausgabe 41/78 der Zeitschrift "Stern" zeigt erstmals ein inniges Männerpaar auf dem Cover und titelt "Wir sind schwul". Reinhard besorgt sich das Heft und erhält Antworten auf Fragen, die er nie zu stellen gewagt hat. Und nicht nur das. Er macht einen der Männer aus dem "Stern"-Artikel ausfindig, schreibt ihn an und trifft sich mit ihm im nahegelegenen Bremen. Fortan nimmt er regelmäßig an den Treffen einer Gruppe schwuler Männer teil. Der Beginn eines Doppellebens, von dem Zuhause niemand erfahren darf. Dort erfüllt Reinhard die ausgesprochenen und unausgesprochenen Erwartungen und geht schließlich sogar zur Bundeswehr.
Vom Suchen und Finden der Liebe
Und dann kommt Volker. Über die Männergruppe aus Bremen erhält Reinhard die Adresse eines jungen Mannes, der wie er schwul und beim Bund ist. Man trifft sich, tauscht sich aus und geht schließlich eine Beziehung ein. Reinhard schwebt auf Wolke 7, auch wenn er sein Glück im Verborgenen lebt, mit niemandem teilen kann und diese erste Liebe (wie so oft) irgendwann zerbricht. Jahre später ist es ein Brief von eben jenem Volker, der Reinhard aus dem Nichts erreicht und dazu inspiriert, das nun vorliegende Buch zu schreiben.
Immer mit der Angst vor Entdeckung im Nacken, beginnt er zu daten. Der Zeit entsprechend, lernt er Männer in Bars oder über Kontaktanzeigen kennen. Mit manchen hält es Reinhard länger aus, manche sind gerade gut genug für eine Nacht. Eingeweiht und immer an seiner Seite ist Freundin Sabine, die er seit der gemeinsamen Schulzeit kennt. Körperlich kommt Reinhard voll auf seine Kosten, doch was für den jungen Mann meist zu kurz kommt, ist die emotionale Seite der Liebe.
Und plötzlich ist da der Gedanke, dass Freundin Sabine vielleicht die Lösung seines Dilemmas ist. Für sie, die selbst bislang nur Pech mit Männern hatte, empfindet Reinhard immerhin sehr viel. Und auch Sabine denkt, dass Reinhard, der es immer gut mit ihr gemeint hat, vielleicht der Richtige sein könnte – und dass sein Interesse an Männern wohlmöglich nur eine Phase gewesen ist. Ehe sich die beiden versehen, stehen sie vor dem Traualtar. Kann das gut gehen?
Die Antwort auf diese Frage bedarf sicherlich keiner Spoilerwarnung: Nein, das kann nicht gut gehen. Im Hafen der Hetero-Ehe angekommen, macht sich bei Reinhard bald wieder innere Unruhe breit…
Lebensgeschichte im Plauderton
Als säße er einem direkt gegenüber, erzählt Reinhard Lüschow in "Volkers Brief – mein Leben vor Heinz" seine Lebensgeschichte in unaufgeregtem Plauderton. Das ist sicherlich keine hohe Literatur, doch gerade dieser wenig hochtrabende Ton ist eine Stärke seines Textes. Man fühlt sich, als höre man einem guten Freund bei einem abendlichen Glas Wein zu. Wie bei einem persönlichen Gespräch, gibt es auch im Buch ein paar Längen oder auch Wiederholungen, die man dem Autor aber gerne verzeiht.
Für wen ist das Erzählte interessant? Sicherlich nicht für ein ganz breites Publikum. In jedem Fall aber für all jene, die einen intimen Einblick in eine Biografie erhalten wollen, die in der damaligen Zeit nicht unbedingt außergewöhnlich war. Viele Männer mussten über Jahre hinweg ein Doppelleben führen oder ihre Gefühle gänzlich unterdrücken. Das zeigt auch die Gruppe für schwule Männer, die mit einer Frau verheiratet sind oder waren, die Reinhard Lüschow selbst vor vielen Jahren ins Leben rief und die schnell regen Zulauf fand.
Für Leser*innen von Lüschows Achtungserfolg "In guten wie in schlechten Tagen – Unser Weg zur Ehe für alle" ist sein neues Buch ohnehin eine lohnenswerte Ergänzung. Gegenwärtig ist Reinhard Lüschow mit seinem neuen Buch auch auf Lesereise.
Reinhard Lüschow: Volkers Brief. Mein Leben vor Heinz. 308 Seiten. Pinkvoss Verlag. Hannover 2026. Gebundene Ausgabe: 24 € (ISBN 978-3-932086-54-0)
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