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An Donnerstag im Kino
Die queere Blandine stolpert von einer Demütigung zur nächsten
Starke Bildsprache, spielerische Musik: Die Dramödie "Ein Sommer in Paris", stellt die Einsamkeit nach einer Trennung, den Weg aus der People-Pleaser-Mentalität und die positiven wie negativen Seiten von Olympia auf eindringliche Weise dar.

Blandine Madec spielt die gleichnamige Hauptfigur im Langfilmdebüt "Ein Sommer in Paris" von Valentine Cadic (Bild: Comme des Cinemas / Cinq de Trefle Productions / eksystent)
- Von Leia Kantenwein
2. Juni 2026, 05:48h 5 Min.
Eigentlich wollte Blandine gemeinsam mit ihrer Partnerin Caroline nach Paris reisen, um ihr Idol, die Schwimmerin Béryl Gastaldello, zu bewundern. Nachdem die beiden sich getrennt haben, reist sie nun allein und trifft sich bei der Gelegenheit mit ihrer Halbschwester, die sie seit einem Jahrzehnt nicht gesehen hat, und lernt dabei ihre achtjährige Nichte kennen.
Direkt am Anfang wird Blandine am Eingang eines olympischen Geländes abgewiesen. Ihr Rucksack sei zu groß und sie sei zu dumm gewesen, den entsprechenden Hinweis auf dem Ticket zu lesen. So beleidigt zu werden, nimmt sie einfach hin – wie so vieles andere in ihrem Leben auch. Ihre Zeit in Paris ist geprägt von Absagen, Ausfällen, vom Nicht-Beachtet-Werden und davon, sich all das gefallen zu lassen. Während der Geburtstag ihrer Nichte ein großes Thema ist, scheint niemand ihren eigenen Geburtstag wahrzunehmen – bis auf den Mitarbeiter der Jugendherberge, der sie darauf hinweist, dass sie ab heute zu alt sei, um dort zu übernachten.
Blandine stellt die Bedürfnisse anderer über die eigenen

Poster zum Film: "Ein Sommer in Paris" startet am 4. Juni 2026 bundesweit im Kino
Wenn andere sie nicht zurückweisen, übernimmt sie es selbst: Etwa wenn Blandine ihrer Halbschwester erzählt, sie sei ohnehin mit einer Freundin unterwegs, obwohl sie wieder einmal allein zurückgelassen wurde. Damit entspricht sie dem Bild eines "People Pleasers", also einer Person, die die Bedürfnisse anderer über die eigenen stellt. Das kann erstmal sehr sympathisch auf andere wirken, hat aber einen negativen Einfluss auf das eigene Selbstbewusstsein, die eigene psychische Gesundheit und auf die Stabilität der eigenen zwischenmenschlichen Beziehungen.
Neben dem Blick auf die persönlichen Dynamiken zwischen den Figuren berührt der Film auch die Kontroversen rund um die Spiele selbst. Während Blandine als Touristin anreist, um ihre Lieblingssportlerin anzufeuern, begegnet sie Pariser*innen, für die Olympia vor allem Verdrängung und Stress bedeutet. Der Vater ihrer Nichte engagiert sich politisch gegen die Spiele. Durch ihn erfahren wir, dass Obdachlose aus dem Stadtbild entfernt wurden, damit Paris sich den Besucher*innen möglichst sauber und präsentabel zeigen kann.
Allerdings bleibt diese Kritik eher Kulisse als wirklicher Schwerpunkt. Die Betroffenen selbst bekommen kaum eine Stimme. Stattdessen konzentriert sich der Film auf die Konflikte innerhalb der Familie, wodurch die politische Ebene etwas zu kurz kommt. Der Aktivist erscheint mit seinem Mangel an Rücksicht für seinem ihm nahestehenden Mitmenschen als Gegenpol zu Blandines stiller Begeisterung für Olympia. Tatsächlich wurden 2024 Tausende Menschen, viele darunter minderjährig, aus Paris vertrieben, weil sie nicht ins Stadtbild passten. Bei dieser sozialen Säuberung wurden etwa geflüchtete Menschen, Sexarbeiter*innen und Drogenabhängige zwangsumgesiedelt.
Gespräche am olympischen Pool
Ruhe bietet in all dem Chaos der Elektriker Benjamin. Blandine lernt ihn zufällig kennen, und er gewährt ihr einen Blick hinter die Kulissen der Spiele. Sein Job ist es, nachts auf den olympischen Pool aufzupassen – ein fast surreal ruhiger Ort mitten im Ausnahmezustand der Stadt. Zum ersten Mal hat man hier das Gefühl, dass Blandine wirklich gesehen wird. Benjamin fragt nach ihren Bedürfnissen, hört ihr zu und erwartet nichts von ihr.
Blandine beginnt vorsichtig, über sich selbst zu sprechen. Fünf Jahre lang hat sie versucht, in ihrer Beziehung so zu leben, wie man eben lebt: gemeinsam wohnen, gemeinsame Zukunft planen, irgendwann Kinder bekommen. Erst als ihre Partnerin diesen Wunsch konkret äußert, schafft Blandine es, Nein zu sagen – auch wenn dieser Schritt die Beziehung zerstört. Blandine bleibt unsicher, weicht Konflikten aus und entschuldigt sich ständig. Doch in kleinen Momenten erkennt man, dass sie beginnt, ihre eigenen Bedürfnisse überhaupt erst wahrzunehmen.
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Der schwere Rucksack als Metapher
Dass der Film während der tatsächlichen Olympischen Spiele gedreht wurde, verleiht ihm eine dokumentarische Lebendigkeit. Der schwere bunte Rucksack, den Blandine auf dem Rücken hat, wirkt dabei fast wie eine sichtbare Metapher: eine schwere Last, die sie ständig mit sich herumträgt. Während sich um sie herum alles zielgerichtet und selbstbewusst bewegt, scheint sie im Trubel verloren zu gehen. Die Schwimmerin Béryl Gastaldello wirkt dabei wie ein Gegensatz zu ihr. Während sie im Finale ihren triumphalen Moment hat und alle Augen auf sie gerichtet sind, sitzt Blandine im Publikum und fängt vor lauter Ablehnung und Einsamkeit an zu weinen.
Der Film endet zurück in Blandines Heimat. Nachdem sie ihre Halbschwester im Streit verletzt zurückgelassen hat, spricht sie ihr dennoch eine Nachricht auf den Anrufbeantworter und bedankt sich bei ihr. Es ist keine große Versöhnung und keine plötzliche Selbstermächtigung. Blandine hat weiterhin Schwierigkeiten, für sich selbst einzustehen. Doch sie beginnt, erste vorsichtige Schritte zu machen. Während sie zuvor den olympischen Pool nur betrachtete und sich nicht traute hineinzugehen, zeigt das letzte Bild sie am Strand: nass, allein und zum ersten Mal zufrieden wirkend. Kein triumphaler Abschluss, sondern ein leiser Moment der Selbstbestimmung – und gerade deshalb ein starkes Ende.
Ein Sommer in Paris. Dramödie. Frankreich 2025. Regie: Valentine Cadic. Besetzung: Blandine Madec, India Hair, Arcadi Radeff, Matthias Jacquin, Lou Deleuze, Béryl Gastaldello. Laufzeit: 77 Minuten. Sprache: französische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 12. Verleih: eksystent. Kinostart: 4. Juni 2026
Links zum Thema:
» Alle Kinotermine auf der Homepage des Filmverleihs eksystent
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» auf sissymag.de
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