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HBO-Erfolgsserie

Der Aufstieg und Fall von "Euphoria"

Serienschöpfer Sam Levinson hatte alles – und warf es zum Fenster raus. Zum Ende der Dramaserie "Euphoria", deren phänomenale erste Staffel zu Recht für ihre trans Repräsentation gefeiert wurde, ab Staffel 2 jedoch als ausbeuterisches Trauma-Porn-Fetisch-Theater in Erinnerung bleibt.


Jules (Hunter Schafer) und Rue (Zendaya) in der ersten Staffel von "Euphoria" (Bild: HBO)

2021 zeigte mir eine Freundin die erste Folge von "Euphoria". Reichlich spät also, etwa zwei Jahre nach deren Erstausstrahlung, dafür aber reichlich passend: Nach einer durchgefeierten Nacht auf einer queeren Rooftop-Party in München mit den ersten Sonnenstrahlen, die durch den runter gelassenen Rollladen grüßten. Es war die erste durch und durch queere night out meines Lebens, und ich hatte nicht lange zuvor verstanden, dass ich trans bin und mein Leben würde ändern müssen.

Ich war verwirrt, überfordert, wusste nicht, wohin mit mir, und zugleich ganz genau, wohin. Ich wollte mich betäuben und zugleich alles auf einmal spüren. Es war eine chaotische Zeit in meinem Leben.

Und genau in diese Zeit fällt meine Begegnung mit "Euphoria". Ich weiß auch, dass ich nicht die einzige bin, der es so ging. Immer wieder sprach ich mit Menschen in meinem Umfeld, die mir von ihrem Bezug zu Sam Levinsons Teenie-Highschool-Serie erzählten. "Es war wie so ein Fiebertraum" – "Mir ging es auch nicht so gut in der Zeit, aber es war genau das Richtige dafür" – "Ich hab mich irgendwie total gesehen gefühlt." Immer wieder solche Sätze, die fallen, wenn ich mit anderen über die düstere Faszination spreche, welche die Serie auf uns ausgeübt hat.

Die erste Staffel war beinahe perfekt

Und ich will ganz ehrlich sein: Auch heute noch bin ich besessen von der ersten Staffel, ja finde sie beinahe perfekt: Die finster-glitzernde Trip-Ästhetik, Labrinths hypnotischer Soundtrack, der kunstvolle Schnitt, die dynamische Kameraführung, dazu schauspielerische Glanzleistungen des Casts rund um Zendaya, Hunter Schafer, Alexa Demie und Jacob Elordi. Ein künstlerisch-technischer Geniestreich. Aber das allein war es nicht, was mich auf diese Weise mitnahm.

Was mich auf diese bestimmte Weise mitnahm? Vielleicht die Tatsache, dass da zum ersten Mal in meinem Leben eine durchweg positive Repräsentation eines Spiegelbilds meiner selbst zu sehen war? Oder zumindest dessen, was ich in mir sehen wollte? Dass da Jules (Hunter Schafer) als trans Frau auftritt, ganz beiläufig, nicht ausbeuterisch, nicht als Fetisch, nicht als Karikatur – und dann auch noch in einer lesbischen Romanze mit Rue (Zendaya), die sich im Kampf gegen die Dämonen ihrer Drogensucht befindet? Das war unfassbar für mich.

Tief berührt sah ich dabei zu, wie auf dem Bildschirm Themen verhandelt wurden, die mich und die Menschen in meinem Umfeld auf ähnliche Weise beschäftigten: Sucht, Psychiatrie, Trauma, sexuelle Verwirrung, Entfaltung und Ausbeutung… Auf all diese Themen legte "Euphoria" den Finger auf eine Art, die so unverbraucht roh und direkt wirkte, dass man nicht anders konnte, als sich davon in den Bann ziehen zu lassen. Das war alles so kunstvoll, alles so bedrückend schön, so nah, so vertraut – so saß ich als baby trans girl mit meinen eigenen Sucht- und Trauma-Themen also heulend vor meinem Laptop und schaute eine Folge nach der anderen, wie gebannt, wie verzaubert…

Zwei geniale Bonus-Episoden

Und ich möchte an dieser Stelle betonen, dass vor allem die beiden Bonus-Episoden zwischen Staffel 1 und 2 meiner Meinung nach zum Besten gehören, was in den letzten Jahren an TV-Shows produziert wurde. In "Trouble Don't Last Always" ruht die Kamera über eine Stunde allein auf Rue und Ali, die ein bewegendes, tiefgründiges Gespräch über ein Leben mit Suchterkrankung führen. Darüber, wie sie in der Krankheit ihre Liebsten und sich selbst verletzen, dass es eine innere Revolution braucht, um sich zu befreien und welche Rolle Glaube darin spielen könne:

"You gotta believe in the poetry. Two people sitting in a Diner on Christmas Eve, talking about life, addiction, loss." (Ali)

"Du musst an die Poesie glauben. Zwei Menschen an Heiligabend, die in einem Diner sitzen, über das Leben reden, über Sucht, Verlust." (Meine Übersetzung)

Noch härter aber traf mich die zweite Bonus-Episode "Fuck Anyone Who's Not a Sea Blob", in der wir Jules bei einer einstündigen Therapiesitzung beiwohnen. Darin verhandelt sie die traumatischen Erlebnisse ihrer Figur mit dem toxisch-ausbeuterischen Nate (Jacob Elordi), ihre zwanghafte Tendenz, im Sex mit fremden Männern nach Bestätigung in der eigenen Weiblichkeit zu suchen, und nicht zuletzt ihre zunehmend komplexe, fluider werdende Beziehung zur eigenen trans Identität. Wie konnte es sein, dass all diese Themen, die so unaufhörlich unruhig in mir wühlten, sich so glasklar widerspiegeln konnten in diesem Kunstwerk? Wie kann diese Episode so existieren?

Ab Staffel 2 ging es bergab

Für eine Weile hielt ich Sam Levinson für ein Genie. Dann fand ich heraus, dass die Magie sich womöglich daraus ergab, dass er in der 1. Staffel den Cast am Schreibprozess hatte teilhaben lassen. Hunter Schafer war selbst maßgeblich am Script ihrer Bonus-Episode beteiligt. Dann kam Staffel 2: Eine Enttäuschung, viel Verwirrung im Skript, viele lose Enden, die nicht aufgegriffen wurden, viel inhaltsloses Spektakel mit funkelndem Anstrich. Elegant produziertes Mittelmaß eben. Ich war enttäuscht, aber noch nicht bereit, die emotionale Verbindung aufzugeben, die ich zu der Show aufgebaut hatte.

Dann fand ich heraus, dass sich Levinson seine gefeierte Ästhetik von einer Frau namens Petra Collins angeeignet hatte. Dazu kam immer mehr über die chaotischen Zustände am Set ans Licht. Barbie Ferreira (Kat) verließ die Show im Zwist mit Levinson. Andere Charaktere tauchten erst gar nicht mehr auf. Ich durchschaute das Writing der zweiten Staffel immer mehr als flach, uninspiriert und vor allem auf Schock ausgelegt. Und ja, man kann sagen, dass "Euphoria" von Anfang an problematisch war. Jedoch konnte es diese Tendenzen, etwa die Hyper-Sexualisierung seiner Figuren, in Staffel 1 noch mit Inhalt untermauern.

Orgie an symbolischer und physischer Gewalt an weiblichen Körpern

Ich erwartete die finale 3. Staffel der Serie also bereits voller Zweifel und ging nicht davon aus, dass es Levinson gelingen würde, den Zauber von damals wieder auferstehen zu lassen. Ich erwartete im besten Falle unteres Mittelmaß. Und selbst unter diesen Vorzeichen gelang es "Euphoria", mich zu enttäuschen. Viel wurde bereits über den Inhalt gesprochen, viel bereits kritisiert. Im Grunde habe ich den Kritiken auch nicht mehr viel hinzuzufügen.

Das Writing ist in den besten Momenten faul, in den schlimmsten Momenten peinlich und entwürdigend. Ja, die Show wirkt zuweilen wie die entfesselte Sex-Fantasie eines 14-Jährigen auf Steroiden. Kontinuität gibt es quasi keine. Als Zuschauerin bin ich einer Orgie an symbolischer und physischer Gewalt an weiblichen Körpern ausgesetzt. Jegliche Tiefgründigkeit in den Verhandlungen von Sucht, Trauma und Queerness ist verloren gegangen.

Für mich ist dabei vor allem eins klar, nämlich dass Sam Levinson zwei Dinge lieber darstellt als alles andere: nackte Frauen und Drogen. Noch besser: nackte Frauen auf Drogen. Ich frage mich dann immer wieder, warum er nicht einfach anfängt, ehrlich zu sich selbst zu sein und Pornos zu drehen, anstatt uns diese überteuerte Show mit gesellschaftlichem Pseudo-Kommentar aufzutischen. Es bleibt mir unerklärlich. Nicht zuletzt in der Darstellung von Sexarbeit (als entweder scheinbar reibungslosem Weg hin zum großen Geld und Sugar-Daddy mit Penthouse oder als vollkommener Hölle auf Erden, durchzogen von Drogen und Gewalt, sicher aber ohne jegliche Nuance dazwischen), beweist Levinson, wie wenig er über unsere Gesellschaft wirklich zu sagen hat.

Was hätte aus dieser Serie werden können...

Wie hätte dieser tiefe Fall aber verhindert werden können? "Euphoria" gelang es, nach "Game of Thrones" zur zweit-erfolgreichsten HBO-Serie aller Zeiten aufzusteigen. Es hatte alles: eine grandiose Ästhetik, einen vor Talent nur so strotzenden Cast, alles Geld der Welt und – zumindest vor Staffel 2 – eine ganze Reihe an spannenden Charakter-Bögen und Entwicklungspotentialen. Wie konnte man daraus nicht mehr machen? Manche sagen vielleicht, es lag an Covid und der langen Pause zwischen den Staffeln oder dem tragischen Tod einiger Cast-Mitglieder (Angus Cloud, Eric Dane).

Ich denke, der Grund liegt woanders – nämlich in der Tatsache, dass am Ende jeder Folge der Name eines Mannes hinter folgenden Titeln steht: Executive Producer, Creator, Writer, Director – Sam Levinson. Was für Möglichkeiten hätten sich zum Beispiel eröffnet, wenn Levinson andere Menschen in seinen Writers Room geholt hätte? Einige Frauen und Queers etwa? Was hätte aus dieser Serie werden können, wenn die Arbeit daran auf ähnliche Weise kollektiviert worden wäre, wie dies in Staffel 1 bereits im Ansatz geschehen ist? Welche Geschichten hätten erzählt werden können, wenn Levinson nicht nur Diversität vor der Kamera hätte darstellen, sondern in den Produktionsprozess einbinden wollen?

Ausbeuterisches, lüsternes Trauma-Porn-Fetisch-Theater

An der Möglichkeit, dies zu tun, ist die Serie sicherlich nicht gescheitert. Viel eher wohl an den Ansprüchen eines einzigen Mannes, eine ganze Bandbreite verschiedener Identitäten zu schreiben, deren Probleme zu verhandeln, sie zu seinen Handpuppen zu machen und am Ende doch nur ausgebeutet zurückzulassen. Das nämlich ist Staffel 3: ausbeuterisches, lüsternes Trauma-Porn-Fetisch-Theater voller belangloser Geschichten und Dialoge. Meilenweit entfernt von seinen Ursprüngen, meilenweit entfernt von seinem Potenzial.

Dementsprechend sitze ich nicht mehr heulend vor dem Bildschirm und fühle mich gesehen. Ich bin auch kein baby trans girl mehr und habe zum Glück auch anderswo Repräsentation gefunden. Jetzt empfinde ich vor allem Wut und eine diffuse Kränkung.

Mit Sicherheit werde ich auch noch einige Male in meinem Leben zu Staffel 1 und den beiden Bonus-Episoden zurückkehren und mir enttäuscht denken, was möglich gewesen wäre, wenn ein einflussreicher, privilegierter Mann wie Sam Levinson sich von seiner Selbstüberschätzung gelöst und seine Ressourcen mit anderen geteilt hätte, sodass wirklich neue, unerwartete Kunst hätte entstehen können. Davon bleibt nun nichts als der schattenhafte Abdruck und die Fantasie – es hätte auch anders ausgehen können.

-w-