Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?58262

Serientipp

Düsterer Kommentar zum politischen Backlash

Mit "Queer as Folk" schuf Russell T. Davies 1999 eine bahnbrechende, optimistische Serie über das queere Leben in Manchester. Sein neues Drama "Tip Toe" kehrt an den gleichen Schauplatz zurück – doch der Optimismus ist verflogen.


Seit 31. Mai 2026 auf Channel 4: Nachbarn Clive (David Morrissey, l.) und Leo (Alan Cumming) in "Tip Toe" (Bild: Channel 4 / Ben Blackall)

Die erste Minute der ersten Folge setzt den Ton: Sie beginnt mit einem Schrei und einer Kamerafahrt über die Dächer eines Wohnquartiers, zeigt Leute, die entsetzt auf etwas starren, und endet mit der Großaufnahme eines Mannes, der mit einer Schlinge um den Hals an einem Laternenpfahl hängt – tot, ja geradezu hingerichtet.

Danach setzt mit der Einblendung "10 Tage zuvor" die eigentliche Handlung ein, und wir lernen als Erstes den exekutierten Mann kennen: Leo (Alan Cumming) betreibt eine queere Bar an der legendären Canal Street in Manchester (wo sich auch die schwulen Hauptfiguren von "Queer as Folk" gerne rumgetrieben haben) – und hat sich gerade aus Versehen aus seinem Haus ausgeschlossen, ziemlich leicht bekleidet noch dazu.

Unbehagliche Nachbarschaft

Etwas verlegen klingelt er bei seinem Nachbarn, dem selbständigen Elektriker Clive (David Morrissey), und fragt, ob er dessen Telefon benutzen darf, um eine Freundin anzurufen, die einen zweiten Schlüssel hat. Clive wirkt etwas irritiert, aber auch amüsiert, und hilft ihm. Es schimmert dabei allerdings ziemlich schnell durch, dass er Vorbehalte hat gegenüber seinem offen schwulen Nachbarn, insbesondere wenn es um seine beiden gutaussehenden Söhne geht, den Teenager George (Jackson Connor) und den Mittzwanziger Saul (Joseph Evans). Dieser kommt nur mit einem Handtuch bekleidet genau in dem Moment in die Küche runter und wird von seinem Vater angewiesen, sich gefälligst etwas anzuziehen.

Schon bald erfahren wir: Saul verdient sich sein Taschengeld mit erotischen Live-Sessions auf OnlyFans, George ist heimlich schwul und ihr Vater Clive hat nicht nur Eheprobleme, es läuft auch im Job gerade nicht so gut. Wohl deshalb fragt er Leo, ob er nicht vielleicht seine Dienste gebrauchen könnte, privat oder in seiner Bar. Dort gibt es tatsächlich ein, zwei reparaturbedürftige Dinge, und so heuert er Clive dafür an, der sich von Saul unterstützt schon bald ans Werk macht. Unweigerlich lernen sie dabei auch Leos Mitarbeitende kennen, ein bunter Mix von jungen Queers. Und während Saul sich darauf ganz entspannt einlässt, betrachtet sein Vater das queere Treiben mit sichtlichem Unbehagen.

Was, wenn das Pendel nicht zurückschwingt?

Auch der Austausch zwischen Leo und Clive ist stets von Spannungen geprägt. Es braucht nur eine falsche Bemerkung und schon fühlen sich beide Seiten in all ihren Vorurteilen bestätigt. Dabei hält Leo den aktuellen politischen Backlash gegenüber queeren Menschen nur für vorübergehend. Dies jedenfalls erklärt er der ehemaligen Dragqueen Melba (Paul Rhys), ein Stammgast in seiner Bar. "Das ist doch immer ein Hin und Her, mal schwingt das Pendel mehr in die eine, mal in die andere Richtung. Es wird auch wieder besser."

Melba ist da deutlich pessimistischer: "Wir stecken mitten in einem Sturm, einem Tsunami. Hättest du mich 1996 gefragt, wie 2026 aussehen wird, hätte ich großartige Zeiten erwartet: Wir werden gleichberechtigt sein und können händchenhaltend durch die Straßen gehen. Aber sie haben uns ausgetrickst, nicht? Sie haben einfach abgewartet. Sie haben uns alle unsere Coming-outs machen lassen, so dass wir jetzt offen dastehen, als Zielscheiben für sie. Ich bin in den letzten paar Jahren deutlich vorsichtiger geworden. Wenn ich früher einen Raum betrat, dann offen und mit Stolz, heute gehe ich lieber auf Zehenspitzen. Der amerikanische Präsident hat diesen Leuten die Erlaubnis gegeben, uns anzugreifen. Was, wenn das Pendel nicht zurückschwingt, was, wenn es einfach so weiter geht? Was, wenn Trump einfach nur immer weiter gewinnt? Wie weit wird das gehen? Wie sehr werden sie uns hassen? Denn sie hassen uns wirklich. Und sie haben uns schon immer gehasst, nur jetzt müssen sie nicht mehr so tun, als wäre es anders."

Direktlink | Englischer Originaltrailer zur fünfteiligen Serie des britischen Fernsehsenders Channel 4
Datenschutz-Einstellungen | Info / Hilfe

Russell T. Davies ist wütend und besorgt

In dieser Passage steckt nicht nur die Erklärung für den Serientitel "Tip Toe" (auf Zehenspitzen gehen), sie ist auch die unmissverständliche Hauptbotschaft von Russell T. Davies an sein queeres Publikum. Es ist eine düstere Warnung – und die erste Minute seiner neuen Serie zeigt, wohin der Hass führen kann. Die fünf Folgen illustrieren den Weg dorthin, die allmähliche Eskalation zwischen den Nachbarn Leo und Clive.

Dem britischen "Guardian" sagte Davies, er habe noch nie etwas so wütend geschrieben wie diese Serie. "Wir erleben gerade einen Rückschritt zu einer Situation, die schlimmer ist als je zuvor, denn jetzt wissen die Leute genau, was sie tun. Wenn einem früher jemand ins Gesicht schlug oder einen ausgrenzte, konnte man noch die Ausrede gelten lassen, dass er es halt nicht besser wusste. Das ist heute nicht mehr so. Jetzt haben sie uns gesehen, und sie mögen nicht, was sie da sehen. Ich glaube, dass Wut und Gewalt zunehmen werden." Dabei handle es sich nicht um ein exklusiv queeres Problem. "Aber wir sind ein leichtes Ziel."

Die andere Seite nachvollziehbar machen

Dabei war es Davies wichtig, auch die Motive der anderen Seite zu zeigen. "Wir gehen sehr, sehr fair mit Clive um. Er ist nicht einfach nur das Monster von nebenan. Auch wenn man nicht unbedingt Mitgefühl für ihn empfindet, kann man die Umstände nachvollziehen, die ihn zu diesen Ansichten geführt haben." – "Es ist ein sehr nuanciertes Werk", ergänzt David Morrissey, der Clive spielt. "Es gibt in der Geschichte viele Gelegenheiten, bei denen meine Figur einen anderen Weg hätte einschlagen und eine andere Entscheidung treffen können. Spielen zu können, warum dieser Mann die Entscheidung trifft, den einen Weg einzuschlagen statt des anderen, das ist ein Geschenk für einen Schauspieler."

Daneben spielt "Tip Toe" auch noch auf Generationenkonflikte innerhalb der queeren Gemeinschaft an, etwa dass sich ältere Schwule wie Leo etwas schwertun mit den Pronomen, die jungen Queers heute so wichtig sind. Oder dass es die Debatte um trans Menschen nicht nur ganz rechts gibt, sondern auch innerhalb der queeren Bewegung.

Die Hoffnung von 1999 ist verflogen

Der Kontrast zu "Queer as Folk", Davies' 27 Jahre altem ikonischen Klassiker, könnte kaum schärfer sein. Obwohl die Rechtslage für queere Menschen 1999 in weiten Teilen der westlichen Welt erheblich zu wünschen übrigließ, stand die Serie für ein Klima der Toleranz, für Aufbruch, für die Hoffnung auf eine bessere, freiere Zukunft. Und die Fortschritte seither waren tatsächlich enorm. Aber der seit ein paar Jahren laufende Backlash ist nicht zu übersehen, auch wenn er die USA und Großbritannien wohl schärfer erfasst hat als das restliche Westeuropa, zumindest vorerst noch.

"Tip Toe" ist ein düsterer Kommentar zur aktuellen politischen Lage. Und egal, ob man die Situation ebenso kritisch einschätzt oder nicht: Davies ist damit ein packendes Drama gelungen, das einen reinzieht und so schnell nicht wieder loslässt.

-w-

Queere TV-Tipps
-w-

-w-