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"Übersehene literarische Tradition"
Queeres Exil literarisch kartografiert
Zwischen 1900 und 1969 wurden queere Schriftsteller*innen aus Großbritannien und den USA durch Anti-Homosexuellen-Gesetze ins Exil getrieben. Ein Forschungsprojekt zeichnet ihre Wege durch Städte wie Paris und Berlin nach.

W. H. Auden (r.) und sein Freund Christopher Isherwood auf dem Weg nach China, 1938. Beide Schriftsteller verlegten 1929 ihren Wohnsitz nach Berlin (Bild: National Media Museum / wikipedia)
- 6. Juni 2026, 06:33h 6 Min.
Queeres Exil ist selten eine Geschichte der Ankunft. Vielmehr erzählt es von Mobilität, Vertreibung und von der Erfahrung, zwischen Orten zu existieren. Queeres Exil durch die Linse der Vernetzung zu betrachten – über weit voneinander entfernte Orte hinweg -, ist das Ziel des vom österreichischen Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekts "Vernetzte Narrationen: Queere Exilliteratur 1900-1969". Es ermöglicht eine neue Perspektive auf queeres Exil und Kosmopolitismus innerhalb eines literarischen Rahmens und stellt eine wichtige Verbindung zwischen Recht, Exil und Literatur her.
"Es stellt die Vorstellung infrage, dass jede dieser Exilgemeinschaften isoliert existierte", sagt Projektleiter Benjamin Robbins, der ursprünglich nicht mit einer wissenschaftlichen Agenda an die Lektüre der Werke herangegangen war. "Anfangs war es nur aus persönlichem Interesse. Es war noch nicht klar, dass dies zu einem Forschungsthema werden würde", so der Literaturwissenschaftler von der Universität Innsbruck. Was als Neugier auf Schriftsteller wie Christopher Isherwood, Stephen Spender und W. H. Auden begann – Autoren, die sich alle in den 1920er Jahren nach Berlin ins Exil begaben -, führte zu der Beobachtung, dass diese Autoren bestimmte literarische Merkmale in ihren Werken wiederholten und teilten.
Fokus auf englischsprachige Literatur

Benjamin Robbins ist Senior Postdoc im Bereich amerikanische Literatur- und Kulturwissenschaften an der Universität Innsbruck (Bild: Universität Innsbruck)
Mit seiner Entdeckung ist Robbins auf eine Forschungslücke gestoßen. Denn im Gegensatz zu einem Großteil der bestehenden Literatur konzentriert sich das Projekt weniger auf eng verbundene Gemeinschaften als auf weiterreichende Verbindungen. Der Schwerpunkt des Forschers liegt auf englischsprachiger Literatur – auf Schriftsteller*innen aus Großbritannien und den USA, die aus ihren Heimatländern vertrieben wurden und ihr Werk im Ausland fortsetzten. Das Projekt verfolgt Verbindungen zwischen Orten wie Capri in Italien, Tanger in Marokko sowie Paris und Berlin – Orte, die queeren Menschen zwischen 1900 und 1969 zu bestimmten Zeiten unter weniger restriktiven Bedingungen Zuflucht boten.
Diskriminierende Gesetze gegen Homosexuelle in ganz Europa und den USA zwangen viele queere Schriftsteller*innen ins Exil, was dazu führte, dass sie sich an wechselnden Orten relativer Freiheit aufhielten. Wie Robbins betont, waren diese Bedingungen nie von Dauer. An Orten wie Capri und Berlin wurden sie mit dem Aufstieg des Faschismus in den 1920er und 1930er Jahren eingeschränkt. Der Zeitrahmen ist folglich vor dem Hintergrund sich verändernder Rechtsgrundlagen zu sehen.

Die italienische Insel Capri war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Zufluchtsort für queere Exilant*innen (Bild: Berthold Werner / wikipedia)
Ende der 1960er Jahre markierten Rechtsreformen einen Wendepunkt, da die schrittweise Entkriminalisierung von Homosexualität im Vereinigten Königreich und in den USA den Druck auf queere Menschen etwas verringerte. "Der Zeitrahmen orientiert sich im Wesentlichen an den rechtlichen Rahmenbedingungen – basiert also auf der Entwicklung, wie Anti-Homosexuellen-Gesetzgebung Exil hervorbrachte", sagt Robbins. Innerhalb dieser instabilen Bedingungen – zwischen Bewegung, Einschränkung und vorübergehender Zuflucht – beginnt sich eine eigenständige literarische Form abzuzeichnen.
Literarische Tradition und Kosmopolitismus im queeren Exil
Das Projekt zeigt auf, wie das queere Exil das prägte, was Robbins als "übersehene literarische Tradition" bezeichnet, die sich durch markante formale Merkmale auszeichnet. Werke der queeren Exilliteratur sind keine konventionellen Reiseberichte, da die darin geschilderten Reisen selten freiwillig sind. Wie der Forscher darlegt, bewegten sich diese Autor*innen ohne klares Ziel zwischen Orten hin und her, Planungen waren nicht möglich. Literarisch manifestiert sich dies in ihrem Schreiben als plötzliche räumliche Verschiebungen, unklare Übergänge und verschwommene Darstellungen von Städten. "Die Unterscheidungen zwischen verschiedenen Orten sind fließender, als man vielleicht erwarten würde", erklärt Robbins und fährt fort: "Das spiegelt die Realität des Lebens unter rechtlicher Unterdrückung wider."
Ebenso gibt es in diesen Werken oft keinen klar definierten Endpunkt – kein gesellschaftlich vorgeschriebenes Ziel wie Heirat, Kinder oder die Gründung eines Haushalts. "Queere Menschen haben vielleicht kein endgültiges Ziel in ihrem Leben", bemerkt der Forscher und argumentiert, dass sich dies auch auf die fließende und bewegliche Art und Weise auswirkt, in der die Figuren dargestellt werden. "Eine Figur, die ihre Identität in ihrem häuslichen Umfeld nicht zum Ausdruck bringen kann, zieht an einen anderen Ort und kann dort freier mit ihrer Identität experimentieren."

Die Visualisierung aus dem Projekt "Networked Narratives" zeigt die Verbindungen von Christopher Isherwood zu anderen queeren Exilautor*innen. (Bild: Benjamin Robbins)
Figuren in der queeren Exilliteratur basieren oft auf realen Personen, die in verschiedenen Texten unterschiedlicher Autor*innen unter verschiedenen Pseudonymen wieder auftauchen. Diese Zirkulation zeigt, wie gut diese Autor*innen über diese Orte hinweg vernetzt waren. "Vernetzte Narrationen" überdenkt auch das Konzept des Kosmopolitismus. Der Projektleiter betont, dass er bewusst von "Exilanten" statt von "Auswanderern" spricht, und erklärt: ",Auswanderer' impliziert, dass man sich aktiv dafür entscheidet, an einen anderen Ort zu ziehen." Ebenso suggeriert der Begriff Kosmopolit oft Freiheit und Mobilität aus eigener Entscheidung. Aus der Perspektive dieses Projekts erscheint Kosmopolitismus jedoch nicht als Freiheit, sondern als Ergebnis von Druck – verbunden mit erzwungener Migration und Marginalisierung. Gleichzeitig bezeichneten sich viele der Autor*innen selbst als Kosmopolit*innen und nutzten den Begriff als verschlüsselten Hinweis auf queere Identitäten.
Netzwerke und ihre heutige Relevanz abbilden
Diese konzeptionellen Verschiebungen spiegeln sich nicht nur in einer genauen Textanalyse wider, sondern auch in den Methoden und Ergebnissen, durch die das Projekt Verbindungen im queeren Exil sichtbar macht. Es kombiniert Ansätze der Digital Humanities mit literarischer Analyse und hat interaktive Netzwerkvisualisierungen entwickelt, die über die Website des Projekts zugänglich sind. Dabei stützt es sich auf die Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) aus der Soziologie, die die soziale Realität als von Netzwerken geprägt versteht – genauer gesagt, von verschiedenen Akteur*innen innerhalb dieser Netzwerke. Besonders relevant ist hier der Fokus auf schwache und auf starke Bindungen.
Anstatt Beziehungen zu berücksichtigen, die auf räumlicher Nähe beruhen – wie beispielsweise Schriftsteller*innen, die im selben Viertel leben -, hebt das Projekt wichtige Verbindungen zwischen Schriftsteller*innen an weit voneinander entfernten Orten durch deren Korrespondenz oder kreativen Austausch hervor. Wie Robbins anmerkt, interessiert sich die ANT gleichermaßen für diese sogenannten schwächeren Verbindungen. Bislang hat das Projekt rund 5.000 Datenpunkte gesammelt und neun Visualisierungen entwickelt – und damit auch bereits öffentliches Interesse geweckt. Robbins arbeitet derzeit zudem an der Fertigstellung einer Monografie, die Fallstudien zu den untersuchten Exilorten zusammenfasst. Eine Reihe von Artikeln, Buch- und Konferenzbeiträgen ist bereits aus dem Projekt hervorgegangen.
Exil ist kein Phänomen der Vergangenheit, sondern nach wie vor globale Realität. "Menschen werden bis heute aufgrund ihrer Sexualität aus Ländern vertrieben", betont Robbins und verweist auf Städte wie Berlin, die weiterhin als Zufluchtsorte für queere Menschen aus Ländern wie Syrien oder Russland dienen. Die zeitgenössische Literatur über queeres Exil knüpft nach wie vor an die literarische Tradition an, sagt Robbins. "Autor*innen beziehen Elemente aus diesem literarischen Archiv in ihre Werke ein." Gleichzeitig hat sich das Spektrum der dargestellten Identitäten erweitert, wodurch die Erzählungen heute vielfältiger und vernetzter sind. Und doch bleiben Zufluchtsorte instabil. Es besteht immer die Möglichkeit, dass neue rechtliche Bedingungen einen Ort wieder feindlicher gegenüber queeren Menschen machen. Orte, die Zuflucht bieten, sind nicht festgeschrieben – ein Punkt, den Robbins unterstreicht: "Fortschritt ist nicht endgültig." (cw/pm)
Links zum Thema:
» Projektwebsite "Vernetzte Narrationen: Queere Exilliteratur 1900-1969"
» Podcast: "Queer Exiles" with Ben Robbins
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