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Buchtipp

Queere Liebe auf dem Dorf

Kurze Kapitel, flirrende Sommerhitze, die durch die Seiten zieht, eine große emotionale Klarheit und Behutsamkeit gegenüber der Hauptfigur: Kea von Garnier erzählt in "Restsommer" eine wunderschöne wie glaubwürdige queere Liebesgeschichte.


Symbolbild: Kea von Garnier erzählt in "Restsommer" vom Entstehen einer glücklichen queeren Beziehung inmitten eines Dorfes (Bild: ChatGPT)

Dominik fühlt sich gefangen im Korsett der Erwartungen seines Vaters. Der führt im fiktiven Dorf Schönacker seit Jahren das Familienunternehmen weiter: ein Bestattungsinstitut, in dem wenig Licht auf viele teure Särge fällt und der Tod zum Alltag gehört. Für Dominik scheint der eigene Lebensweg bereits vorgezeichnet. Auch er soll das Geschäft eines Tages übernehmen. Schnell wird die Abwesenheit von Leben im Institut zur Allegorie für sein ganzes Dasein auf dem Land. Dominik möchte nicht zwischen Särgen und Routinen erstarren, sondern etwas erleben, bevor das Leben an ihm vorbeizieht. "Es ist nicht so, dass die Leute mir nicht leidtun. Jemanden zu verlieren, den man liebt, das kann einen brechen, einen richtig fertigmachen. Es ist nur so, dass ich, bevor ich mich den Rest meines Lebens nur noch mit Toten beschäftige, gern selbst richtig gelebt hätte. Und bisher, so fühlt sich das hier draußen an, habe ich nichts erlebt. Ich existiere bloß."

Diese beiden zentralen Spannungsfelder etabliert Kea von Garnier von Beginn an: den Wunsch, aus dem Dorf auszubrechen, und die Angst vor einem Leben, das bereits festgeschrieben scheint. Dabei entwickelt "Restsommer" (Amazon-Affiliate-Link ) einen regelrechten Sog. Kurze Kapitel, flirrende Sommerhitze, die durch die Seiten zieht, eine große emotionale Klarheit und Behutsamkeit gegenüber seiner Hauptfigur sowie eine wunderschöne queere Liebesgeschichte, die sich langsam und glaubwürdig entfaltet. Besonders gelungen ist zudem der oft humorvolle, präzise beobachtete Tonfall, der vor allem in Dialogen und alltäglichen Interaktionen aufscheint: "Frühstück. Samstags esse ich nie vor zwölf. Wüsste Papa auch, wenn er am Wochenende mal zu Hause wär. Aber die Leute sterben halt am liebsten freitags. Wenn ich mal die Biege mache, dann an einem Montagmorgen. Und am Wochenende vorher mach ich noch so richtig einen drauf." In solchen Momenten verbinden sich Dominiks ungestillte Lebenslust, sein Eskapismus und der lakonische Umgang mit dem morbiden Familiengeschäft.

Eine wohltuende schwule Coming-of-Age-Geschichte


Der Roman "Restsommer" ist im März 2026 im Blessing Verlag erschienen

Man fiebert schnell mit, weil der Roman sich Zeit nimmt, Dominik – oder Domi beziehungsweise Nick, wie er von verschiedenen Menschen genannt wird – kennenzulernen. Die Enge seines Kosmos, die Vorherbestimmtheit seines Alltags und die geringe Reichweite seiner Zukunftspläne werden so nachvollziehbar gezeichnet, dass man ihm jede Form von Glück und Erfüllung wünscht. Auch die getrennten Eltern gewinnen nach und nach an Profil. Lediglich die Jungsclique bleibt stellenweise etwas schematisch: Freunde, die ihn dabeihaben wollen, mit ihm in einer Dorfband spielen und auf das nächste Feuerwehrfest hinarbeiten, die ihn aber ebenso schnell ersetzen könnten und deren Träume selten über die Dorfgrenzen hinausreichen.

"Restsommer" erfindet das Rad nicht neu, ist aber eine durch und durch wohltuende, sommerliche schwule Coming-of-Age-Geschichte im Jahr 2003. Mitten in Dominiks Unzufriedenheit mit den eigenen Lebensumständen – einer breiten Identifikationsfläche für viele queere Leser*­innen – taucht Biff auf. Er ist mit seiner dysfunktionalen Familie aus Berlin nach Schönacker gezogen, sein Vater ist ein gewalttätiger Alkoholiker, und Biff trägt sichtbar die Spuren dieser Erfahrungen mit sich herum. Für Dominik wird er schnell zum Faszinosum. Er weiß kaum etwas über dessen Leben vor dem Dorf und möchte doch alles darüber erfahren.

Blick auf die Widersprüche des Dorfes

Bis die beiden gemeinsam Reißaus nehmen – in die kulturelle Hauptstadt und in eine Nacht voller Möglichkeiten. "Ich will einfach nicht, dass diese Nacht aufhört. Morgen früh werde ich wieder der alte Dominik sein. In meinem alten Leben." Der Gegensatz zwischen Dorf und Stadt gerät dabei gelegentlich etwas plakativ, zumal der Sehnsuchtsort selbst mit zahlreichen Problemen aufwartet. Dennoch bleibt der Fluchtimpuls nachvollziehbar: "Und wenn ich so weitermache, in dieser Stadt, in diesem Keller, dann wird alles, worauf ich mich in meinem Leben verlassen kann, das Sterben sein, ein zimmerwährendes, nie enden wollendes Sterben." Das Sterben meint hier nicht nur das Familiengeschäft, sondern auch die Angst vor einem unerfüllten Leben als junger, queerer und neugieriger Mensch in einem Umfeld, das kaum Bewegung zulässt.

Besonders schön gelingt dem Roman schließlich der Blick auf die Widersprüche des Dorfes: "So oft fand ich diesen Anblick unerträglich. Piefig, armselig, das Ende der Welt. Heute Abend hat der Blick auf Schönacker aber mit einem Mal etwas Tröstliches." Das Dorf bleibt ein Ort der Begrenzung, aber eben auch einer gewissen Verlässlichkeit. Für die internalisierte Homophobie findet von Garnier dabei sanfte und unaufgeregte Worte, ohne sie zum großen Konflikt des Romans zu machen: "Nichts habe ich in diesem Moment mehr gewollt, als dass Biff weitermacht. Aber jetzt, hinterher, legt sich ein Schatten auf dieses Gefühl. Ich kann das, was ich getan habe, irgendwie nicht mit mir selbst in Verbindung bringen."

Gerade diese Zurückhaltung funktioniert. Es ist schön zu lesen, wie eine glückliche queere Beziehung inmitten eines Dorfes entstehen darf, in dem vielen Menschen dieses Glück verwehrt blieb. Und ja, es gibt auch Drag.

Infos zum Buch

Kea von Garnier: Restsommer. Roman. 400 Seiten. Blessing Verlag. München 2026. Gebundene Ausgabe: 24 € (ISBN 978-3-89667-785-3). E-Book: 21,99 €. Hörbuch: 24,95 €

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