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Unternehmen aus der Community

Wie Putzen mit Haltung zur Erfolgsstory wurde

Seit 2020 gibt es in Berlin die "Queere Haushaltshilfe" – mit mittlerweile rund 70 festen Mitarbeitenden. Wer nutzt das Angebot? Was macht das Unternehmen anders als andere Reinigungsservices? Ein Gespräch mit Gründer Marius Baumgärtel.


Marius Baumgärtel, Gründer der "Queeren Haushaltshilfe", packt bis heute selbst mit an (Bild: Andrada Predescu)

In Berlin entstehen mit Angeboten wie "Queere Haushaltshilfe" oder "Gay & Clean" neue Formen queerer Care-Arbeit. Diese Reinigungsservices verstehen Haushaltshilfe nicht rein als Dienstleistung, sondern als sensible Arbeit im privaten Schutzraum ihrer Kund*innen – stigmafrei, gendersensibel und auf die Lebensrealitäten queerer Menschen ausgerichtet. Gleichzeitig schaffen sie sichere Arbeitsbedingungen für queere Mitarbeitende und zeigen, wie Hausarbeit inklusiver, respektvoller und gemeinschaftsorientierter gedacht werden kann.

Die "Queere Haushaltshilfe" gibt es seit 2020. Kurz nach dem Beginn Covid-Pandemie startete Gründer Marius Baumgärtel, wie er im Gespräch mit queer.de erzählt, mit gerade einmal einer angestellten Reinigungskraft und einer Bürokraft. Heute beschäftigt das Unternehmen rund 70 festangestellte Mitarbeitende aus 20 Nationen und gilt zumindest berlinweit, wenn nicht sogar deutschlandweit, als das bekannteste queere Haushaltsunternehmen. Trotz des rasanten Wachstums packt Baumgärtel nach eigenen Worten bis heute selbst mit an – etwa beim Fensterputzen.

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Werturteilsfreie Reinigung von Sexspielzeug

Die Idee zur Gründung entstand aus persönlichen Erfahrungen heraus: Sein Vater führte bereits einen kleinen, eher traditionellen Reinigungsservice in Berlin, doch selbst nach schwerer Erkrankung fiel es ihm schwer, den Betrieb an den Sohn zu übergeben. Baumgärtel hatte zu diesem Zeitpunkt jedoch längst eine Marktlücke erkannt: Eine geschlechtersensibele Haushaltshilfe, die sowohl Auftraggebenden als auch Angestellten ein sensibles, sicheres und gesundes Arbeitsverhältnis bietet und dabei Privathaushalte zugleich als professionelle Arbeitsorte wie intime Lebensräume versteht. Statt auf die Übernahme des väterlichen Betriebs zu warten, machte er sich mit der "Queeren Haushaltshilfe" selbstständig. Nun feiert das Unternehmen bereits sein sechsjähriges Bestehen. Welche Erfahrungen haben sie in dieser Zeit gemacht? Welche Klient*innen, welche Mitarbeitenden und welche Anliegen prägen die "Queere Haushaltshilfe" – und warum ist ein solches Angebot notwendig?

Wenn man fragt, warum es überhaupt queere Reinigungshilfe braucht, verweist Marius Baumgärtel zunächst auf das vermeintlich Offensichtliche: Ein respektvoller Umgang mit HIV-positiven Klient*innen sowie die werturteilsfreie Reinigung von Sexspielzeug, Playrooms oder Fetischkleidung spielen in ihrer Arbeit eine zentrale Rolle – und das, wie er mit einem Schmunzeln ergänzt, längst nicht nur bei queeren Auftraggebenden! Die "Queere Haushaltshilfe" übernimmt neben privaten Haushalten auch gewerbliche Aufträge, etwa für das Schwule Museum, und versteht ihre Arbeit zugleich als Beitrag zu einem Community-Building, das auf wertschätzender, vorurteilsfreier Care-Arbeit basiert.

Der Privatraum ist politisch

Auf die Vision des Unternehmens angesprochen, erzählt Baumgärtel zunächst eine persönliche Geschichte: Eine neue Klient*in habe ihren Wechsel zu seinem Unternehmen damit begründet, dass sich ihre osteuropäische Haushaltshilfe während der Reinigung wiederholt bekreuzigt habe und ihr damit – bewusst oder unbewusst – vermittelt habe, ihr eigenes Zuhause sei etwas, wofür sie sich schämen müsse. Diese und ähnliche Erfahrungen verdeutlichen für ihn, dass Privatsphäre immer auch politisch ist und in ihrer Arbeit kulturelle, soziale und generationale Unterschiede besonders deutlich aufeinanderprallen. Die Herausforderung bestehe darin, private Wohnungen zugleich als Intimsphäre und Schutzraum als auch professionell gerahmte, versicherungs- und arbeitsrechtlich strukturierte Arbeitsorte zu begreifen und genau für diese Spannung eine respektvolle Vermittlung zu schaffen.

Dabei zeigt sich auch, wie breit der Bedarf ist: Haushalte unterschiedlichster Einkommensklassen, Berufe, Herkünfte und sexueller Identitäten nehmen regelmäßig professionelle Reinigungsservices in Anspruch. Und – wie sich auch im Interview bestätigte – die Nachfrage steigt stetig. Im Angebotsrepertoire der "Queeren Haushaltshilfe" findet sich neben Frühjahrsputz, Fensterreinigung, gemeinsames Ausmisten, neuerdings zum Beispiel auch Wohnung fit machen für Hausstaub-Allergiker*innen, Alltags-Unterstützung für pflegebedürftige Menschen; von Einkäufen, Botengängen bis gemeinsamen Spaziergängen.

Die Reinigungskräfte stehen im Mittelpunkt

In einer kapitalistischen Arbeitswelt, in der viele Menschen unter teils belastenden Bedingungen lange außer Haus arbeiten, bleibt der Wunsch nach einem sauberen, geordneten Zuhause stark – zugleich ist die gesellschaftliche Wertschätzung für Reinigungsarbeit jedoch gering ausgeprägt. Genau hier setzt die "Queere Haushaltshilfe" an, indem sie die Perspektive der Reinigungskräfte konsequent in den Mittelpunkt rückt: Es geht sowohl um Schutz vor sexuellen oder rassistischen Übergriffen als auch um die Vermittlung von professionellen Grenzen und Selbstschutzmechanismen, insbesondere in Arbeitsverhältnissen, die sich durch Vertrauen und Nähe zu Kund*innen auszeichnen.

Wie schwierig diese Dynamiken auszubalancieren sind, zeigt sich besonders bei alleinstehenden, älteren oder erkrankten Menschen, für die Reinigungskräfte häufig die einzige regelmäßige soziale Kontaktperson darstellen, wodurch die Beziehung schnell über das rein Berufliche hinausgehen kann. Damit wird deutlich, dass wertschätzendes und werturteilsfreies Putzen weit über Fragen von LGBTI-Sensibilität oder Diskretion im Umgang mit privaten Rückzugsräumen hinausgeht. Es umfasst insbesondere den Umgang mit psychischen und physischen Erkrankungen, mit Einsamkeit, Phobien oder auch mit sterbenden Menschen, die ihren Haushalt nicht mehr selbst führen können.

Warum Putzen aktivistisch ist

"Einen professionellen, wertschätzenden Umgang zwischen Arbeitskraft und Auftraggebenden zu vermitteln ist unter diesen Umständen eigentlich stets politisch und damit ist unser Unternehmen in seinem Selbstverständnis aktivistisch", so die Haltung von Marius Baumgärtel.

Herausforderungen macht Baumgärtel gemeinsam mit seinen Mitarbeitenden produktiv – etwa durch Weiterbildungen zu Ergonomie oder zum Umgang mit Tod und Sterben, aber auch durch Maßnahmen wie Menstruationsurlaub, die die Arbeitsrealitäten der Beschäftigten ernst nehmen und strukturell berücksichtigen.

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