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Filmtipp

Wenn Hoden und Eierstöcke zum Sexstreik aufrufen

Die neue Docufiction "Hot Cunt – reconsidering pleasure" von Regisseurin Toti Baches eröffnet neue Perspektiven auf Sexualität, Masturbation und den Diskurs darüber in unserer Gesellschaft.


Szene aus "Hot Cunt – reconsidering pleasure": Eierstöcke und Anus in der Gruppentherapie (Bild: Toti Baches)

Penis, Vagina, Klitoris, Prostata, Anus und Brüste sitzen auf Vaginas Initiative in einer Gruppentherapie. Der Wunsch: eine feministische Revolution, das Aufbrechen alter patriarchaler Machtstrukturen und ein sexueller Sinneswandel in der gesamten Gesellschaft. Und wie soll das gelingen? Wenn das nur jemand wüsste… Selbst die Therapeutin scheint überfordert.

Der aus privaten Mitteln finanzierte Film "Hot Cunt – reconsidering pleasure" von Regisseurin Toti Baches eröffnet neue Perspektiven auf Sexualität, Masturbation und den Diskurs darüber in unserer Gesellschaft.

Geschlechtsorgane in Gruppentherapie

Die humorvoll inszenierte Gruppentherapie, in der die Geschlechtsorgane von Schauspieler*innen verkörpert werden und ihre Beschwerden sowie Wünsche in die Runde tragen, verbindet reale Probleme rund um Sexualität mit Witz und Augenzwinkern.

Dabei kommen die einzelnen, karikaturistisch dargestellten Geschlechtsteile auch in kurzen Interviews außerhalb der Therapiesitzungen zu Wort, was dem Ganzen den Charakter einer Sitcom oder Mockumentary verleiht.

Sexualität ist längst kein rein privat-intimes Thema mehr, sondern – wie der Film deutlich macht – Gegenstand eines politischen und gesellschaftlichen Diskurses: Vagina fordert eine Transformation der Sexualität, während Penis und Prostata sich wie unreife Klassenclowns darüber lustig machen. Klitoris ist enttäuscht, nicht zum Zug zu kommen; und die weibliche Brustwarze fühlt sich im Vergleich zur männlichen sexualisiert. Eierstöcke, die sich selbst als "CEO des Lebens" bezeichnet, spricht sich radikal für ein Matriarchat aus.

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Dokumentarische Perspektiven auf Sexualität

Neben der Gruppentherapie nimmt uns der Film in dokumentarischen Episoden mit in verschiedene Geschichten und Sphären der Sexualität. Dabei kommen Themen auf den Tisch, die Sexualität jenseits der vermeintlichen gesellschaftlichen Komfortzone verhandeln.

Von einer Hebamme, die Schwangeren vermittelt, Geburt als etwas Lustvolles zu begreifen (schließlich wird ein Kind im besten Fall durch Lust gezeugt, warum also nicht auch mit Lust geboren?), bis hin zu Sextoys der 1980er Jahre und Masturbation heute, etwa in einem Masturbationsclub für Männer. Auch die Pornoregisseurin Paulita Pappel kommt zu Wort und spricht über die Pornoindustrie.

Besonders eindrucksvoll ist die Rede von Petra Martínez bei einer Preisverleihung für die beste Hauptdarstellerin. Die 80-jährige Schauspielerin spricht auf der Bühne offenherzig und selbstverständlich über Sex und Masturbation und berührt damit das Publikum.


Petra Martínez in "Hot Cunt, reconsidering pleasure (Bild: Toti Baches)

Masturbation zwischen Aufklärung und Enttabuisierung

Die Zelebration und Normalisierung der Selbstliebe ist im Film deutlich spürbar. Die enttabuisierte Sprache der Protagonist*innen lässt Masturbation schamfrei und natürlich wirken.

Durch ein breites Spektrum an Gesprächspartner*innen mit unterschiedlichen Hintergründen gewinnen die Zuschauer*innen Wissen und Einblicke rund um Sexualität und Masturbation. Zugleich lernen sie Menschen und Orte kennen, die sich intensiv mit diesen Themen auseinandersetzen.

Ein Film für die sex-positive Bubble?

Masturbation ist in der sex-positiven und queeren Bubble längst kein Tabuthema mehr, das mit Scham behaftet ist. Spannend ist daher die Frage, wie der Film bei Menschen außerhalb dieses Kontextes ankommt, ob er sie überhaupt erreicht oder ob manche Zuschauer*innen bereits am Anfang abschalten, wenn Hoden den Wunsch nach anti-patriarchaler Maskulinität äußert.

Obwohl der Film wenig Schwerpunkt auf visuelle Ästhetik oder kreative Kameraführung legt, gelingt es "Hot Cunt", die Aufmerksamkeit des Publikums zu halten und über 90 Minuten zu unterhalten. Die Balance zwischen den humorvollen Therapiesitzungen und den dokumentarischen, informativen Passagen bleibt dabei stimmig.

Traurig, aber wahr: Der Film endet mit einem Bruch, wie man ihn häufig auch aus politischen Debatten kennt. Nach Beschwerden und Vorwürfen von allen Seiten sowie wütendem Name-Dropping von Begriffen wie Patriarchat, Femizid oder Orgasm Gap kommt es jedoch nicht zu einer konkreten Vorstellung davon, wie die geforderte Veränderung aussehen könnte.

Stattdessen rufen Eierstöcke und Hoden schließlich zum Sexstreik auf. Alle verlassen aufgebracht den Therapieraum, und der Film endet – wie so viele politische Diskussionsrunden – mit einer Abgrenzung der Positionen statt mit einer gemeinsamen Perspektive auf Veränderung.

Bleibt zu hoffen, dass die Therapie dort anfängt zu wirken, wo der Film aufhört.

Infos zum Film

Hot Cunt – reconsidering pleasure. Dokufiktion. Deutschland 2026. Regie: Toti Baches. Cast: Anja Herden, Vivien Mahler, Markus Frank, Patrick Wengenroth, Paul Schröder, Gesine Cukrowski, Flurina Schlegel, Brix Schaumburg, Marlen Ulonka, Christina Berger, Vincent Heppner. Mitwirkende: Nadine Beck, Rosa Schilling, Amira Gorski, María Guerra, Orgasmic Woman, Pajas entre colegas. Paulita Pappel. Sprache: deutsch-spanisch-englische Originalfassung mit Untertiteln. FSK 18. Vertrieb: Locafilm. Nächste Screenings am 12. Juni 2026 in Kassel und am 3. Juli 2026 in Gelsenkirchen.
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