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George Sand
Die queere Pariserin mit der Lizenz zum Hosentragen
Heute vor 150 Jahren – am 8. Juni 1876 – starb die französische Schriftstellerin George Sand. Eine Ikone der Literatur, die Hosen trug, Zigarren rauchte und liebte, wen sie wollte.

George Sand (1804-1876) rebellierte gegen Beschränkungen, die Frauen im 19. Jahrhundert durch die heterosexuelle Ehe auferlegt waren (Bild: IMAGO / opale.photo)
- Von Britta Meyer
8. Juni 2026, 07:03h 4 Min.
Schriftstellerin, Freigeist, androgyne Ikone literarischer Selbstbestimmung, zigarrenrauchende Revolutionärin der Salons, Frühsozialistin, Publizistin – es ist schwer, in der europäischen Literaturgeschichte eine Figur zu finden, die facettenreicher geschillert hat als George Sand. Victor Hugo nannte sie "eine Unsterbliche", für Gustave Flaubert war sie "eine der großen Persönlichkeiten Frankreichs" und Baudelaire verabscheute sie zutiefst.
George Sand wurde 1804 als Amantine Aurore Lucile Dupin de Francueil in Paris geboren. Sie wuchs auf dem Landsitz ihrer Großmutter in Nohant auf und verbrachte ihre Teenagerzeit in einem Augustinerinnenkloster. Als die Großmutter starb, erbte Aurore den Landsitz sowie das Hôtel de Narbonne, ein Patrizierhaus in Paris.
Frühe Ehe und Scheidung
Mit 18 heiratete Aurore den mittellosen Casimir Dudevant. Die überstürzte Ehe ging schnell schief; Dudevant stellte sich als Trinker heraus, und Aurore hatte mehrere Affären. 1836 war die Scheidung rechtskräftig.
Noch während ihrer Ehe begann sie zu schreiben und machte sich als Journalistin für "Le Figaro" und als Romanautorin einen Namen. 1831 schrieb sie gemeinsam mit Jules Sandeau ihren ersten Roman "Rose et Blanche".
Das Pseudonym "J. Sand" formte Aurore zu "George Sand" um – dem Namen, unter dem ein Jahr später ihr erster allein verfasster Roman "Indiana" erschien. Darin erzählt sie die Geschichte einer jungen Frau in einer lieblosen Ehe, die nach echter Liebe sucht.
Ein rotes Tuch für fragile Egos
Die androgyn gestylte, zigarrenrauchende Geschiedene platzte in eine von Männern beherrschte Pariser Kunstwelt und wurde dort sofort berühmt-berüchtigt. Charles Baudelaire beschimpfte sie als "Latrine", Friedrich Nietzsche nannte sie eine "Milchkuh".
Da sprach vor allem der Neid gekränkter Egos, denn sie war eine extrem produktive Autorin und veröffentlichte über 80 Romane sowie Reiseberichte, politische Streitschriften und Essays. Alfred de Musset schrieb über sie: "Ich hatte den ganzen Tag gearbeitet. Am Abend hatte ich zehn Verse gemacht und eine Flasche Schnaps getrunken; sie hatte einen Liter Milch getrunken und ein halbes Buch geschrieben."
Sand zählte bald zu den erfolgreichsten und bestbezahltesten Schriftstellerinnen ihrer Zeit. Viele ihrer Werke wurden kurz nach ihrem Erscheinen ins Ausland übersetzt.
Sand schockte die Pariser Bourgeoisie, sobald sie vor die Tür ging: am liebsten in Hosen und mit Zylinder. Seit 1801 war Frauen in Paris das Tragen von Hosen verboten. Nur wer eine polizeiliche Erlaubnis ("permission de travestissement") besaß, durfte als Frau Männersachen tragen. George Sand trug einen solchen Hosenausweis stets bei sich und ließ ihn alle sechs Monate erneuern.
Mittelpunkt der kreativen Bohème
George Sands Wohnung in Paris und ihr Landsitz Nohant wurden zu Treffpunkten vieler Künstler*innen. Honoré de Balzac, Alexandre Dumas, Eugène Delacroix, Franz Liszt und Marie d'Agoult waren ihre regelmäßigen Gäste.
Man sagte ihr Liebschaften mit Männern und Frauen nach. Viele männliche Geliebte sind bekannt; weibliche Liebhaberinnen werden meist als "innige Freundinnen" beschrieben. Nur die Beziehung zur Schauspielerin Marie Dorval ist deutlich belegt. Sand lernte Dorval 1833 kennen, nachdem sie ihr einen bewundernden Brief geschickt hatte. Sie begannen eine intensive Verbindung und einen Briefwechsel, der bis zu Dorvals Tod 1849 andauerte.
Ihre bekannteste Beziehung war die mit dem Komponisten Frédéric Chopin. Er und Sand führten eine fast neunjährige Liebesbeziehung. Ihre Briefe sprechen davon, dass Chopin liebevolle, aber kaum romantische Gefühle für sie hatte. Seine eigenen Briefe zeugen von stärkerer Nähe zu seinen männlichen Freunden.
Ihre Verweigerung heteronormativer Zuschreibungen zeigt sich am stärksten im Dialogroman "Gabriel". Der junge Gabriel erfährt als Jugendlicher, dass er als Frau geboren wurde. Doch sein Großvater ließ Gabriel als Mann erziehen, damit er*sie Titel und Vermögen erben konnte. Gabriel verliebt sich in Männer und Frauen, lebt als Mann und als Frau und findet zwischen Geschlechterrollen, Liebe, Patriarchat und Identitätskrise seinen Weg zur persönlichen Freiheit.
Politisches Engagement
In den 1840er Jahren widmeten sich Sands Arbeiten zunehmend sozialen und religionskritischen Themen. Zusammen mit dem Philosophen Pierre Leroux gründete sie die sozialistische Zeitschrift "Revue indépendante", in der sie den Roman "Consuelo/La Comtesse de Rudolstadt" veröffentlichte. Darin beschrieb sie eine utopische Gesellschaft ohne Unterschiede zwischen Geschlechtern und Klassen.
Sand war eine glühende Unterstützerin der Februarrevolution von 1848. Sie zog nach Paris und übernahm die Leitung der offiziellen Zeitschrift der neuen Regierung. Als Louis Napoléon zum Staatspräsidenten gewählt wurde, war sie zunächst begeistert. Doch dann ließ er sich zum Kaiser krönen, statt republikanische Ideale zu verwirklichen. Sand wandte sich enttäuscht von ihm ab und verließ Paris.
George Sand starb am 8. Juni 1876 auf ihrem Landsitz in Nohant im Alter von fast 72 Jahren. Von ihrer Beerdigung erzählte Gustave Flaubert, wie sich Berühmtheiten und Dorfbewohner*innen gemeinsam im Regen und knöcheltiefen Schlamm um ihr Grab versammelt hatten. Eine Szene wie direkt einer ihrer Geschichten entsprungen, als hätte sich die Welt ihrer Romane noch einmal um sie versammelt, um Abschied zu nehmen.
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