Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?58337

Bildband "Cartagena Diaries"

"Want to kiss each other?"

Mit "Cartagena Diaries" hat Björn Koll gerade sein erstes Buch als Fotograf veröffentlicht. Darin zeigt er private Momente am Rande eines Pornodrehs von Bel Ami und Corbin Fisher. Als Teaser gibt's bei uns eine exklusive Leseprobe seines Vorworts.


Auschnitt aus einem der Porträts in "Cartagena Diaries". Mehr Bilder zeigen wir in der unten verlinkten Galerie (Bild: Björn Koll / Salzgeber)

Irgendwie kann ich die Flugananas nicht vergessen. Um Cartagena de Indias an der kolumbianischen Karibikküste zu erreichen, geht es in der Regel über Bogotá, manchmal auch über Miami und in meinem Fall über San José in Costa Rica. Mein Sitznachbar wusste zu berichten, dass es diesen Flug von Zürich nur gibt, um die Schweiz mit frischem Obst zu versorgen. Ananas, Mini-Bananen und andere tropische Früchte können so länger am Strauch reifen. Geschenkt, dass sich mein Weiterflug nach Cartagena dann zwölf Stunden verspätete und ich mitten in der Nacht in Panama City zwischenlanden musste, denn in Cartagena hatte der tropische Regen mal wieder die Landebahn überflutet. Das gehört zu Abenteuern dazu, und von einem Abenteuer möchte ich hier auch erzählen.

Das legendäre Pornostudio BelAmi aus Prag wollte seinen dreißigsten Geburtstag feiern und lud dazu die Kollegen von Corbin Fisher aus Reno in Nevada ein. Sieben Jungs aus Europa sollten in Kolumbien auf vier amerikanische Jungs treffen; irgendeine Geschichte über die Doppelbuchung eines Ferienhauses und eine einvernehmliche Lösung, bei der man dann gemeinsam Spaß hat. Unter dem Titel "Double Booked" ist das Ergebnis auf den Webseiten der Studios zu besichtigen.

- Werbung -


Der Bildband "Cartagena Diaries" ist Anfang Juni 2026 bei Salzgeber er schienen

Elf Models, drei Kamerateams, Aufnahme- und Produktionsleitung und Fotografen – das ist ein nicht zu unterschätzender logistischer und finanzieller Aufwand, der heute eigentlich so nicht mehr betrieben wird. Der Markt hat sich gewaltig verändert, und statt eines 90-minütigen Films mit einer wie auch immer gearteten Handlung sind es jetzt kurze einzelne Szenen, die das Geschäft bestimmen. Es war eine sehr großzügige Geste von Bel-Ami-Chef und -Gründer George Duroy, der natürlich in Wirklichkeit nicht so heißt, mich in Cartagena willkommen zu heißen und einfach machen zu lassen. Ich hatte vage artikuliert, dass es mich sehr interessiert, einen solchen Dreh zu dokumentieren, und ich vor allem das Dazwischen fotografieren möchte.

Meine kleine Leica fiel im Vergleich zu den großen Filmkameras nicht weiter auf, und schon nach ein paar Stunden gehörte ich irgendwie zum Inventar. Anders als im Film "Double Booked", in dem die Protagonisten auch mal mit dem Boot unterwegs sind oder durch die wunderschöne Altstadt Cartagenas spazieren, blieb ich durchweg am Drehort. Der Palast mit seinem großen Innenhof mit Pool und mehreren Loggien, dem charakteristischen Treppenhaus mit der runden Maueröffnung, den Schlafzimmern im Mezzanin und im ersten Stock, dem Balkon und dem Turm über mehrere Stockwerke wurde für zwei Wochen meine Heimat, denn an einem der vielen Schauplätze dort wurde immer gedreht oder fotografiert. Manchmal auch an drei Orten gleichzeitig, so dass ich durch die Stockwerke wandern oder die Kamera mal nach oben oder unten richten konnte. Die Fotos, die dabei entstanden, habe ich für "Cartagena Diaries" nicht neu sortiert, sondern einfach in der Chronologie der Tage fließen lassen. Das wirklich allererste Foto von Billy, der mir die Zunge rausstreckt, war ein guter Anfang, denn die Jungs waren zweifelsohne viel cooler als ich.

Um ehrlich zu sein: Ein paar Mal habe ich die dokumentarische Ebene auch verlassen und Sasha oder Michael für ein paar Minuten an einen Ort mitgenommen, an dem gerade nicht gedreht wurde. Zu groß war die Versuchung, zumindest mal darum zu bitten, sich "dort hinzustellen" oder in meine Kamera zu schauen. Mit Hugo bin ich sogar in mein Apartment gegangen und wir haben dort ein paar Stunden gearbeitet. Ist es mir aber gelungen, die wesentlichen Aspekte dieser Tage einzufangen?

Spürt man die entspannte Vertrautheit, den unbekümmerten Umgang mit Nacktheit und Erektionen und gleichzeitig die konzentrierte Arbeitsatmosphäre, bei der ein eigentlich unbeteiligtes Model einfach mal so den Reflektor hält? Da schläft Rocky, einer der Hauptstars von Corbin Fisher, ganz entspannt, während im Hintergrund gedreht wird. Aber binnen Sekunden ist er bereit, sich von mir breit lächelnd im Treppenhaus fotografieren zu lassen. BelAmi-Star Hugo Carter kommt nackt vorbei, ich mache ein Porträt der beiden, und die Reaktion auf meine Frage "Want to kiss each other?" war leicht vorherzusehen.

Das zu erwartende "Action!" hörte ich am Set kein einziges Mal. Es wurde einfach gedreht, und auch sonst hielten sich die Kameramänner still zurück. Darunter mit einem Dauergrinsen mein Liebling Jirka, der früher als Jerome bei BelAmi als Model gearbeitet hat. Überhaupt wurde viel und ehrlich gelächelt und der Umgang miteinander war von einer ausgesuchten Höflichkeit. Dass man sich heute nicht mehr mit Handschlag, sondern mit der Faust begrüßt, habe ich schnell gelernt. Genauso weiß ich jetzt, wer bei OnlyFans ist (und wie das eigentlich funktioniert), dass man immer noch mit Spezialwissen über Winterfell und Westeros punkten kann und dass junge Männer unglaublich viel Nahrung zu sich nehmen. Waren das wirklich acht Frühstückseier, die Rocky jeden Morgen in sich reinschaufeln konnte? Porno scheint bei dieser Generation grundsätzlich übers Handy zu kommen, und bei den gelegentlichen Internetausfällen im Haus durfte ich mit meiner eSIM gerne aushelfen.

Mit BelAmi-Chef George Duroy habe ich Cartagena kulinarisch entdeckt, und in meiner Erinnerung hießen die Restaurants alle wie ganz große Oper – Carmen oder Norma, die ich hier gerne empfehle. Unsere Themen waren eher ernst und umkreisten die politische Situation in den USA und auch die düstere Prognose eines möglichen kompletten Verbots von Pornografie. Im Zeichen des sogenannten "Project 2025" bläst die Heritage Foundation zum breiten Angriff gegen Abtreibung und Verhütung, Transgender-Rechte, Dragqueens und eigentlich alles, was die Darstellung nackter Menschen beinhaltet. Offiziell wird das mit der Bewahrung der körperlichen, emotionalen und geistigen Gesundheit von Kindern begründet, die laut Heritage Foundation im Prinzip von allem gefährdet wird, was von der heterosexuellen Ehe und einem traditionellen Familienbild abweicht. Ihr einzig mögliches Reaktionsmuster scheint die Ausrottung der vermeintlichen Familienfeinde zu sein.

Stress habe ich bei den charmanten Teams aus der Slowakei, der Tschechischen Republik und den USA kein einziges Mal erlebt, und laute Bauarbeiten auf dem Nachbargrundstück, fehlende Adapter oder Wassersperrungen in der Altstadt wurden von Denis irgendwie geregelt. Überhaupt hätte ich Denis mit seinen strahlenden Augen gerne mehr fotografiert, aber das wäre eine andere Geschichte geworden.

Ob dieses Projekt, das ich dokumentieren durfte, etwas Besonderes war oder ob es beim Pornodreh immer so entspannt abläuft, kann ich nicht beurteilen. Aber die kameradschaftlichen Tage in Cartagena hatten ein großes Suchtpotential, vielleicht weil alles von einer ganz bestimmten tropisch-feuchten und müden Hitze umhüllt wurde. Wie nach jedem Gruppenerlebnis – und als ein solches darf ich meine Zeit in Cartagena in Erinnerung behalten – bleibt die Wehmut vergangener Tage zurück. Vielleicht weil ich weiß, dass solche Drehs in Zukunft schon allein aus ökonomischen Gründen wohl kaum noch stattfinden werden. Vielleicht aber auch, weil ich große Lust hätte, die Entwicklung von Jay, Sasha, Hugo, Chris oder Rocky weiter zu verfolgen und zu dokumentieren. Ich befinde mich damit auf einer höchst privaten Suche nach Schönheit in dieser Welt, deren Ergebnisse ich mit desem Buch gerne teile.

Die Veröffentlichung dieses Texts erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Künstlers und der Salzgeber Buchverlage. "Cartagena Diaries" und viele weitere spannende nicht-heteronormativen Fotobände, Romane und DVDs sind unter anderem erhältlich im Salzgeber.Shop.

Infos zum Buch

Björn Koll: Cartagena Diaries. Fotoband. Format 24 cm x 32 cm. 176 Seiten. 125 Abbildungen in Schwarz-weiß. Salzgeber Buchverlage. Berlin 2026. Hardcover: 59 € (ISBN 978-3-95985-742-0)
Galerie:
Cartagena Diaries
12 Bilder
-w-

-w-

-w-