https://queer.de/?58347
Interview
Atemberaubend glamourös und provozierend selbstbewusst: Susan Sontag im Schwulen Museum
Das Schwule Museum widmet seine neue Ausstellung einer der einflussreichsten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts. Welche Rolle Susan Sontag in der queeren Kulturgeschichte spielt, erläutern die Kuratorinnen Birgit Bosold und Kristina Jaspers.

Susan Sontag im Jahr 1966, zwei Jahre nach Erscheinen ihres berühmten Essays "Notes on Camp" (Bild: Peter Hujar / First published by Farrar, Straus and Giroux / wikipedia)
- Von
12. Juni 2026, 08:06h 9 Min.
War Susan Sontag eine queere Ikone? Die Frage ist komplizierter, als sie auf den ersten Blick erscheint. Die US-amerikanische Schriftstellerin, Essayistin und Intellektuelle begehrte Frauen, bewegte sich selbstverständlich in queeren Zusammenhängen und prägte mit ihren "Notes on Camp" einen Text, der bis heute zu den wichtigsten Bezugspunkten queerer Kulturgeschichte zählt. Zugleich hat sie sich nie öffentlich als lesbisch oder queer bezeichnet.
Mit der Ausstellung "Susan Sontag – Sehen und gesehen werden" widmet das Schwule Museum einer der einflussreichsten Denkerinnen des 20. Jahrhunderts nun eine umfassende Schau. Die ursprünglich in der Bundeskunsthalle Bonn gezeigte Ausstellung wurde für Berlin nicht nur übernommen, sondern um neue Perspektiven erweitert: Im Mittelpunkt stehen unter anderem Sontags enge Beziehung zu Berlin sowie ihr Einfluss auf queere Kulturgeschichte.
Wir unterhielten uns mit den Kuratorinnen Kristina Jaspers und Birgit Bosold über Sontags Umgang mit ihrer eigenen Queerness, über ihre Essays zu Krankheit und Aids, die Aktualität von "Notes on Camp" – und darüber, warum eine widersprüchliche Figur wie Susan Sontag auch heute noch Debatten auslöst.
Susan Sontag wird heute oft selbstverständlich als queere Ikone gelesen, obwohl sie sich nie als lesbisch oder queer geoutet hat. Welche Schwierigkeiten haben sich dadurch für euch in der Konzeption der Ausstellung ergeben?
Kristina Jaspers: Susan Sontag ist Jahrgang 1933 und hat die anti-queere Repression der McCarthy-Ära hautnah erlebt. Eine Rolle spielte vermutlich auch der Sorgerechtsstreit um ihren Sohn Ende der 1950er Jahre. Ihr Ex-Mann hat eine öffentliche Schmutzkampagne gegen sie gefahren mit dem damals sehr virulenten Ressentiment, lesbische Frauen seien als Mütter nicht "geeignet" ("unfit"). In unserer Ausstellung sprechen einige der Zeitzeug*innen, die wir für die Berliner Adaption interviewt haben, sehr facettenreich darüber, dass und warum Sontag mit dem Outing haderte, obwohl ihre Queerness ein offenes Geheimnis war.
Birgit Bosold: Das Schwule Museum hat sehr viel mehr monographische Shows über Figuren gezeigt, die sich nicht förmlich geoutet haben, als über solche, die das getan haben. Sie waren gleichwohl Ikonen der queeren Kulturgeschichte. Um nur einige zu nennen: Friedrich Murnau, Marlene Dietrich, Pier Paolo Pasolini, Rock Hudson, Michel Foucault, Johann Joachim Winckelmann, Ludwig Wittgenstein oder die Manns.
Sind diese Fälle wirklich vergleichbar?
Birgit Bosold: Natürlich gibt es Abstufungen, die von einer für ihre jeweilige Zeit relativ großen Offenheit bis hin zu komplettem Verschweigen reicht. Aber all diese Menschen haben sich nicht in unserem heutigem Sinn "geoutet". Das Coming-out als soziale Praxis ist ein "Post-Stonewall"- Phänomen. Davor existierte die normative Erwartung eines öffentlichen Bekenntnisses nicht, zumal vor allem männliche Homosexualität ja lange kriminalisiert war, in der Bundesrepublik zum Beispiel bis 1969. Aber selbst für viele danach Sozialisierte hat die Parole der Homo-Bewegung der frühen 1970er Jahre, das eigene schwul – oder lesbisch sein, "öffentlich zu machen", nicht gepasst und für manche passt es heute noch nicht oder nicht mehr, aus unterschiedlichen Gründen.

Blick in die Ausstellung: Ausschnitt aus "Flaming Creatures", großformatige Aufnahmen von Susan Sontag mit Peter Hujar (Bild: Axel Krämer)
In einem Text im "Jahrbuch Sexualitäten" wird Susan Sontags Weigerung zum Coming-out als "politisches Problem" kritisiert – gerade vor dem Hintergrund der Homosexuellen-Bewegung der 1970er Jahre. Wie blickt ihr auf diese Kritik?
Birgit Bosold: Man kann natürlich wie der Kulturkritiker und Autor Wayne Koestenbaum in dem wunderbaren Dokumentarfilm "Regarding Susan Sontag" einfach fragen, ob jemand der "Notes on 'Camp'" geschrieben hat, sich wirklich noch outen muss. Aber klar wäre es insbesondere auf dem Höhepunkt der Aids-Krise ein starkes Zeichen gewesen, wenn sie ihr Engagement gegen die Instrumentalisierung der Krankheit für queerfeindliche Ressentiments mit dem Bekenntnis zur eigenen Queerness bekräftigt hätte. Andererseits haben auch andere queere Protagonisten ihrer Zeit das nicht getan. Über Andy Warhol und dessen "verhindertes Coming-out" hat Queer.de ja selber geschrieben und ebenso über James Baldwins Ablehnung von Selbstbezeichnungen wie schwul oder lesbisch – und seine Distanz zur queeren Community.
Sontag wird auch immer wieder dafür kritisiert, Krankheit und Aids letztlich selbst zu stark zu ästhetisieren oder metaphorisch aufzuladen. Wie blickt ihr auf diesen Vorwurf – gerade mit Blick auf Sontags Texte, die ja eigentlich gegen die Metaphorisierung von Krankheit argumentieren?
Birgit Bosold: Dieser "Vorwurf" bezieht sich stark auf die Biographie über Sontag von Benjamin Moser. Dieses beeindruckend umfangreiche Buch mag verdienstvoll sein und für Sontag-Fans vielleicht auch eine ergiebige Fundgrube mit manchem bisher wenig bekannten Detail ihres Lebens oder ihres Werks. Aber mir persönlich gefällt sein manchmal geradezu pathologisierender Zugriff auf Sontag überhaupt nicht. Dazu gehört auch die Bewertung der Art und Weise, wie sie über Aids oder auch über die Krankheit Krebs schreibt, die mit ihrer von Moser diagnostizierten Ablehnung und gar Verleugnung der eigenen Körperlichkeit verknüpft wird.
Kristina Jaspers: Ich finde Moser auch enorm einseitig und kann hingegen sehr Daniel Schreibers deutlich ausgewogenere und sehr lesbare Biografie empfehlen! Mit "Krankheit als Metapher" und "Aids und seine Metaphern" schreibt Sontag ja gerade gegen die Stigmatisierung von erkrankten Menschen an, dagegen den Betroffenen irgendwie eine Mitschuld an ihrer Krankheit zu geben. In der Ausstellung gibt es ein Kapitel, das sich mit "Gesundheit und Krankheit" beschäftigt. Dort zeigen wir beispielsweise Plakate von einer Kampagne für die San Francisco Aids Foundation, für die Sontags Partnerin Annie Leibovitz die Bilder aufgenommen hat. Die beiden engagierten sich damals sehr in der Aidshilfe.

Susan Sontag, Kontaktbogen mit Aufnahmen aus dem Hotel Savoy, Berlin, 18. März 1993 (Bild: Ekko von Schwichow)
Im Zusammenhang mit Aids erschien Sontags Schreiben manchen Zeitgenossen sehr distanziert und abstrakt – besonders im Vergleich zu Autoren wie Paul Monette oder Edmund White. Wie seht ihr diese Kritik?
Birgit Bosold: Sie schreibt natürlich anders als die genannten Autoren, die beide literarische bzw. autofiktionale Texte zu Aids geschrieben haben. Susan Sontag entscheidet sich für einen analytischen Zugang. Genau deshalb wirken ihre Texte "distanziert und abstrakt". Sie will den Menschen ein Instrument in die Hand geben, um sich gegen ihre Stigmatisierung zu wehren und wir kennen aus ihrem Nachlass zahlreiche Briefe von Betroffenen, die sich durch ihre Bücher ermutigt fühlten.
Kristina Jaspers: Susan Sontag war eng mit der schwulen Community verbunden, viele ihrer besten Freunde, die wir auch in der Ausstellung vorstellen – wie Peter Hujar, Paul Thek, Robert Mapplethorpe oder Alf Bold – starben an Aids. Ihre persönliche Betroffenheit veranlasste sie zu ihrem engagierten Essay. In der Ausstellung zeigen wir übrigens auch Ausschnitte aus Interviews mit ihr aus dem deutschen Fernsehen, in denen sie genau darüber spricht.
"Notes on Camp" gilt heute als ein zentraler Text queerer Kulturgeschichte. Was macht den Essay aus eurer Sicht bis heute so anschlussfähig für queere Debatten?
Kristina Jaspers: Susan Sontag ist einfach nicht mehr bereit, zwischen Hoch- und Popkultur zu unterscheiden. Dass sie sich mit der gleichen Ernsthaftigkeit mit subkulturellen Phänomenen beschäftigt wie mit den Heroen der europäischen Geistesgeschichte, ist absolut wegweisend. Und dass sie dies nicht mit einer wissenschaftlichen Abhandlung oder einer Definition tut, sondern in Form eines bewusst subjektiven Textes, macht diesen bis heute lesenswert. Bruce LaBruce hat mit seinem Statement über "Camp und Anti-Camp" gezeigt, wie sich ihre Ideen bis heute produktiv machen lassen.

Die beiden Kuratorinnen Birgit Bosold und Kristina Jaspers beim Presserundgang durch ihre Ausstellung "Susan Sontag – Sehen und gesehen werden" im Schwulen Museum Berlin. Im Hintergrund ein Ausschnitt des Films "Flaming Creatures" (Bild: Axel Krämer)
Susan Sontag schrieb intensiv über Fotografie, Pose und Ästhetisierung. Gleichzeitig hat sie sich gerade in jungen Jahren auch selbst stark ästhetisch inszeniert. Wie blickt ihr auf dieses Spannungsverhältnis?
Birgit Bosold: Ich kann darin kein Spannungsverhältnis erkennen. Was Susan Sontag doch auszeichnet ist, dass sie sehr bewusst mit dem Instrumentarium der Inszenierung umgeht. Zudem geht es ja auch gar nicht, sich nicht zu inszenieren, denn es ist doch selber eine Pose, lässig nicht zu posen.
Kristina Jaspers: Die Ausstellung heißt nicht umsonst "Sehen und gesehen werden"! Wir zeigen Aufnahmen, die Andy Warhol, Peter Hujar oder Annie Leibovitz von Sontag gemacht haben, aber auch Bilder, die Sontag in ihren Büchern "Über Fotografie" oder "Das Leiden anderer betrachten" analysiert hat. Uns interessiert ja genau das: wie Sontag über Bildpolitiken nachdenkt, über Selbstinszenierung, Repräsentation und Sichtbarkeit. Als queere jüdische Frau verfügt sie über eine besondere Sensibilität in Bezug auf diese Themen. Sontag liefert uns eben keine eindeutigen Interpretationen, wie wir etwas zu betrachten haben, sondern regt uns an, genau hinzuschauen und über die Mechanismen des Sehens nachzudenken.
Gerade jüngere queere Generationen fordern heute oft Sichtbarkeit und klare Positionierungen ein. Glaubt ihr, dass eine Figur wie Sontag unter heutigen Bedingungen überhaupt noch als queere Ikone funktionieren könnte?
Birgit Bosold: Ob sie als Ikone noch funktioniert, müssen die Besuchenden selbst beantworten. Wir möchten mit der Ausstellung eine Figur der queeren Kulturgeschichte vorstellen, die viele von den Jüngeren vielleicht gar nicht mehr kennen. Sie war aber für viele Queers der älteren Generation auf jeden Fall eine Ikone, nicht nur wegen ihrer Texte, sondern auch wegen ihrer politischen Courage und natürlich wegen ihres Aussehens und Auftretens – atemberaubend glamourös und provozierend selbstbewusst – und die, so hoffen wir, auch den Jüngeren noch etwas zu sagen hat.

Susan Sontag während der Veranstaltung "Drei Amerikaner in Berlin" im September 1968 in der Berliner Akademie der Künste (Bild: Renate von Mangoldt)
Die Ausstellung richtet den Blick auch auf Susan Sontags Beziehung zu Berlin. Welche neuen Perspektiven auf ihre Person ergeben sich dadurch?
Kristina Jaspers: Es ist großartig, wie viele tolle Zeitgenoss*innen wir gefunden haben, die sich noch sehr lebendig an Sontag in Berlin erinnern. Sie war in den 1950ern das erste Mal mit ihrer damaligen Partnerin Harriet Sohmers in der Stadt, in den 1970ern zusammen mit William Borroughs, und hat später unter anderem mit Ulrike Ottinger, Carolin Emcke oder Erika und Ulrich Gregor Freundschaft geschlossen. Der Deutsche Akademische Austauschdienst hat ihr mehrere längere Aufenthalte rund um das Wende-Jahr ermöglicht, da war sie auch Dauergast im Kino Arsenal. Sie war gerne in Berlin. In einem Brief aus dieser Zeit, der in der Ausstellung zu sehen ist, schreibt Sontag, wie sehr sie die Atmosphäre in Berlin genießt und wie gut sie hier arbeiten kann. Und sie äußert, dass Berlin einmal wie New York werden könnte.
Was bleibt von Susan Sontag heute für die queere Kulturgeschichte?
Kristina Jaspers: Das bringt Carolin Emcke in einem Interview, das wir in der Ausstellung zeigen, sehr gut auf den Punkt. Sie sagt: "Die Generation von Susan Sontag – und ich glaube, es gibt viele, viele Figuren wie sie – hat ein ungeheuer dissidentes, mutiges, für die vorherige Generation unvorstellbares Leben gelebt und uns Begriffe und Praktiken vererbt, mit denen wir dann wiederum unsere Begriffe und unsere Praktiken etablieren. Von Susan Sontag bleibt auf jeden Fall das Wilde, sich nicht einschüchtern lassen, sich nicht weg ducken, wenn es eben Stimmen braucht, die in der Öffentlichkeit zu widersprechen wagen. Von Susan Sontag bleibt, sich zuständig zu fühlen für die ganze Welt, sich nicht nur für die eigenen Leute zuständig zu fühlen, sondern für alle, die eben Solidarität, Anteilnahme, Empathie oder Fürsprache brauchen."
Muss man Susan Sontag gegenwärtig eigentlich verteidigen – oder sollte eine queere Erinnerungskultur gerade ihre Widersprüche und blinden Flecken offen mit erzählen?
Birgit Bosold: Warum sollte man sie verteidigen müssen? Die queere Geschichtsschreibung neigte lange ein wenig zur Hagiographie. Wir haben "Hall of Fames" für die mutigen Held*innen der queeren Emanzipation gebaut und/oder die Geschichten der Verfolgung erzählt. Das ist auch ganz verständlich. Die queere Geschichtsschreibung musste zunächst der Auslöschung queerer Erfahrung in der Mainstream-Geschichte entgegenwirken und war eben immer auch ein Instrument der Selbstbehauptung. Das verändert sich aber seit geraumer Zeit, und es geht immer mehr darum, unsere Geschichte und eben auch historische Figuren mit ihrer manchmal durchaus ziemlich problematischen Komplexität zu erzählen.
Links zum Thema:
» Mehr Infos zur Ausstellung auf der Homepage des Schwulen Museums
Mehr zum Thema:
» Was das Konzept "Camp" für queere Kulturgeschichte bedeutet (14.06.2026)
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de















